Freitag, Dezember 31, 2004

Joi Ito über die Möglichkeiten von Blogs

"... Weblogs betrachtet Ito als exzellent für die Meinungsbildung, weil sie ein Mittelding darstellen zwischen reinen statischen Websites, auf denen man Besucher nur schwer halten könne, sowie Mailinglisten, die immer wieder die Aufmerksamkeit der Nutzer überstrapazieren würden. Die Online-Journale entsprächen dagegen mit ihren einfachen Schnittstellen für das Hochladen von Inhalten sowie standardisierten Möglichkeiten zur 'Content-Syndication' der 'traditionellen Ethik des Internet'. Vor allem die Trackback-Funktion, mit der Blogger ihre Einträge gegenseitig weitgehend automatisch verlinken, haben laut Ito 'den Internet-Diskurs komplett verändert.' Die Online-Kommunikation gestalte sich nun wie bei einer Cocktail-Party: Wenn etwas interessant sei, werde es sofort in die allgemeine Konversation aufgenommen. Uninteressante Beiträge würden einfach ignoriert..."

Quelle: http://www.heise.de/newsticker/meldung/54686

Filmzitat des Tages

"You may wonder what woke you up. That was me slitting your throat."

- Jack Nicholson @ Marlon Brando in "The Missouri Breaks"

Mittwoch, Dezember 29, 2004

Brot statt Böller

Kongo, schon mal gehört? Das ist so ein Land im Zentrum von Afrika. Von 1998 bis 2002 gab es dort einen Krieg in dem mehr als drei Millionen Kongolesen starben, in erster Linie natürlich Zivilisten. Nach 2002 verschwand der Kongo vom Radaer der internationalen Berichterstattung. Dabei geht das Gemetzel weiter. Pro Tag (!) sterben im Kongo zur Zeit 1000 Menschen. And no one cares.

Der Planet ist voll von Konflikten, Bürgerkriegen, Hungerkatastrophen. Man kann sich nicht für jedes dieser Probleme engagieren, natürlich nicht. Aber wie kommt es, daß wenn am Indischen Ozean 150.000 Menschen oder mehr sterben, alle entsetzt aufschreien und schockiert ihren Suppenlöffel fallen lassen, aber wenn in Ostafrika Tausende verhungern oder langsam an AIDS zu grunde gehen, davon kaum jemand Notiz nimmt bzw. es unter "ferner liefen" abbucht?

Zunächst einmal wäre da natürlich die Kürze der Zeit, in der diese immense Anzahl an Toten die jetzt am Indischen Ozean zu beklagen sind zu stande gekommen ist. Wenn 150.000 Menschen innerhalb von ein paar Stunden durch eine Naturkatastrophe sterben erregt dies unsere Aufmerksamkeit offenbar eher, als wenn 360.000 Menschen innerhalb eines Jahres in einem Konflikt im tiefsten Afrika umkommen.

Viel wichtiger ist allerdings natürlich die Rolle der Medien. Vom Kongo gibt es eben keine 24h Live-Berichterstattung wie jetzt aus Thailand, Sri Lanka oder Indonesien. Deswegen weiß kaum jemand vom Kongo-Konflikt oder dessen brutaler Intensität (das was dort stattfindet gilt als eines der größten Gemetzel seit dem 2. Weltkrieg). Wenn es dann aber ständig zerstörte Häuser, Leichen, weinende Kinder, verstörte Touristen und verzweifelte Einheimische aus Asien auf NTV und N24 zu sehen gibt, dann legt der deutsche Bundesbürger entsetzt die Butterstulle hin und ihm rollen die Krokodilstränen über die Wangen.

Ja, so ist das mit dem mündigen Bürger. Aufmerksamkeit und Emotionen widmet er einem Sachverhalt immer dann, wenn er über die Medien vermittelt bekommt, daß es mal wieder soweit ist. Dann -- und erst dann -- zückt er auch sein Scheckbuch. Und nein, es ist nichts einzuwenden dem Aufruf unseres Bundesaußenministers zu folgen und das ursprünglich für Silvester-Böller eingeplante Geld lieber den Opfern des Tsunamis zu spenden. Irgendwo muß man ja mal anfangen.

Und wenn dann die Neujahrsnacht hereinbricht und es dunkel bleibt in Deutschland, weil man wie vorgeschlagen sein Geld gespendet hat, dann ist der Bürger wieder mit sich im Reinen, wischt sich schniefend die Tränen weg. Klar, hätte man genauso gut schon vorher etwas für andere Menschen spenden können, z.B. für Hungernde in Afrika. Aber was nicht ist kann ja noch werden und die Medien werden den Konsumenten schon zu verstehen geben, wann es wieder soweit ist. Derweil gilt die Aufmerksamkeit dann erst mal wieder den neusten Geschichten aus dem Big Brother Container.

In Memoriam: Susan Sontag

"... Die Stimmen, die zuständig sind, wenn es gilt, ein solches Ereignis zu kommentieren, schienen sich zu einer Kampagne verschworen zu haben. Ihr Ziel: die Öffentlichkeit noch mehr zu verdummen. Wo ist das Eingeständnis, daß es sich nicht um einen 'feigen' Angriff auf die 'Zivilisation', die 'Freiheit', die 'Menschlichkeit' oder die 'freie Welt' gehandelt hat, sondern um einen Angriff auf die Vereinigten Staaten, die einzige selbsternannte Supermacht der Welt; um einen Angriff, der als Konsequenz der Politik, Interessen und Handlungen der Vereinigten Staaten unternommen wurde? ..."

aus: Susan Sontag, "Die falsche Einstimmigkeit der Kommentare", 15.09.01, vollständig z.B. hier

Dienstag, Dezember 28, 2004

Microsoft vertickt Slate an die Washington Post

1996 von Michael Kinsley gegründet avancierte Slate im englischsprachigen Web schnell zu einem der bekanntesten Magazin neben Wired und salon.com.

Von allen Artikelserien ist sicherlich die über die "Bushisms", die berühmteste. Am Anfang seiner Amtszeit fiel George W. Bush in erster Linie dadurch auf, daß er kaum einen geraden Satz herausbrachte. Viele seiner Aussagen wiesen inhaltliche oder grammatikalische Defizite auf, was streckenweise sehr amüsant war. Der Slate-Redakteur Jacob Weisberg hat dann angefangen, diese sogenannten "bushisms" zu sammeln und die Liste immer wieder zu aktualisieren. Inzwischen hat er dazu geschlagene fünf Bücher herausgebracht, die ihn vermutlich zu einem reichen Mann gemacht haben. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 war es dann in den USA nicht mehr so "en vogue", derart über Bushs sprachliche Fehltritte zu lästern. Faktisch war er immer noch derselbe inkompetente Politclown wie am Anfang seiner Amtszeit, allerdings wurde er nun aufgrund der Ereignisse zunehmend mehr als seriöser Staatsmann wahrgenommen.

Da Slate von Microsoft finanziell abhängig war stand es trotz formal unabhängiger Redaktion immer unter dem Generalverdacht, Artikel nur im Sinne von Microsoft zu verfassen. In der Praxis zeigte sich jedoch, daß dieser Vorwurf so nicht haltbar war. Etliche Artikel richteten sich klar gegen Microsoft, so z.B. die Empfehlung den Browser Firefox anstelle des Internet Explorer zu verwenden. Konsequenterweise dankte jetzt Jacob Weisberg auch Microsoft dafür, daß man immer unabhängig berichten durfte.

Obwohl Slate von Anfang an von Microsoft (bzw. MSN) gehostet wurde, erinnerte diese Kooperation immer irgendwie an eine "Zwangsehe". Das eher liberale und gerne mal provokative Slate paßte nicht zur sicherlich etwas konservativeren Firmenpolitik von Microsoft. Wirklich überraschend kam die Bekanntgabe, daß man Slate an die Washington Post verkaufen will daher nicht, zudem bereits seit längerem Gerüchte in dieser Richtung in Umlauf waren.

Schätzungsweise 20 Millionen US-Dollar hat sich die Washington Post diesen Spaß kosten lassen und will nun mit Slate natürlich auch Geld verdienen, was bei Webmagazinen immer ein schwieriges Unterfangen ist. Es soll jedoch am Aufbau des Magazins erstmal nichts geändert werden, auch die Redaktion bleibt dieselbe. Angeblich soll das Portal sogar weiterhin bei MSN (slate.msn.com) gehostet werden.