"... Tatsächlich wirkte der Spiegel viel zu oft so, als säße der Chefredakteur irgendwo in Stade im Pferdestall oder so tief in die Ledersitze eines VW-Touareg oder Porsche 911 versunken, dass man kaum noch rausschauen kann. Mal erklärte das Nachrichtenmagazin auf dem Titel Hamburg zur coolsten Stadt der Welt, dann entdeckte er 'Second Life' oder pries die Klimakatastrophe als touristischen Heilsbringer für Sibirien. Die Strom-Industrie wurde quasi jede Woche anders bewertet: Mal klarsichtig als oligarchische Krake, dann wieder als letzter Hort der Vernunft in Zeiten der Klimahysterie.
... Diese Form der Wurstigkeit hat selbst den loyalsten Redakteuren mittlerweile klargemacht, dass etwas schief läuft beim Nachrichtenmagazin, und dass der Themenkanon des Chefredakteurs wohl doch nicht mehr ausreicht, um ein zeitgemäßes Blatt zu machen. Es gibt kein Bernsteinzimmer mehr auszugraben, keine Bugklappe der 'Estonia' zu heben, kein Gehirn der Meinhof mehr zu untersuchen - das waren so die Steckenpferde des Spiegel-Chefs, danach wurde er irgendwie lustlos. Zumal es auch nicht klappte, Joschka Fischer zu stürzen.
... Der Spiegel hat in einer immer ausdifferenzierteren Gesellschaft, in der etliche Lebensstile nebeneinander existieren, unbeirrbar ein zu großes Raster angelegt und immer neue Trends ausgerufen, die in Wahrheit nicht nur haarscharf an der Realität vorbeigingen. Der Kampf gegen die Windkraft, das Gerede vom 'neuen Bürgertum', der nicht nachlassende Furor gehen die politischen Gutmenschen, die es in der Zahl, wie sie der Spiegel bekämpft, ja nie gegeben hat - wen interessierte das denn noch?
Was hatte das mit der Realität außerhalb des Restaurant Borchardt zu tun, in dessen Sesseln Aust, Schirrmacher und Springer-Chef Mathias Döpfner einst den Sturm auf die Rechtschreibreform planten. Dass sich Aust in dieser Situation zum Büttel von Bild-Chef Kai Diekmann und dem Springer-Verlag hat machen lassen, ist eigentlich der größte Sündenfall in seiner Spiegel-Karriere..."
(Oliver Gehrs)
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Freitag, November 16, 2007
Die Wurstigkeit des SPIEGELS unter Stefan Aust
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Freitag, Oktober 19, 2007
Hitler hatte einen Globus! -- Bahnbrechende Erkenntnisse auf einestages.de
Spiegel Online wollte wohl einfach nicht mehr die Entwicklung des Web 2.0 nur von außen betrachten. Zu verfüherisch die Idee, daß man selbst nur noch als Aggregator firmiert und die eigentliche Arbeit in Form der Erstellung von Inhalten dem gemeinen Internetnutzer überläßt.
Mit seinem neuen Portal "einestags.de" wagt Spiegel Online daher nun selbst den Einstieg ins Mitmach-Netz und beschreibt das neue Projekt wie folgt:
Nun haben Zeitzeugenberichte natürlich durchaus einen gewissen Aussagewert und in der Tat läßt sich über sie Geschichte oft erschließen. Trotzdem besteht hier natürlich auch immer die Gefahr, daß die Momentaufnahme eines Einzelnen die Wahrnehmung einer historischen Gegebenheit verzehrt. Und selbst wenn es nicht gleich soweit kommt: Im günstigsten Fall wird es doch darauf hinauslaufen, daß sich auf "einestages" Trivialitäten ansammeln -- mehr oder minder nette Anekdoten die oft nichtssagend sind.
Was sagt dem Leser zum Beispiel die Erkenntnis, daß Andreas Baader eine Haßliebe zu Autos hatte oder daß jetzt in den USA Hitlers Globus aufgetaucht ist? Wow, Hitler hatte einen Globus!
Demnächst dann vermutlich bei "einestages.de": Irmgard M. kann sich nicht erinnern ob sie am 9. November 1989 weinen mußte, weil die Mauer fiel oder weil sie gerade Zwiebeln schnitt, Peter D. hat auf seinem Dachboden das Diaphragma von Eva Braun gefunden und der Urgroßvater von Sven D. gesteht in einem Brief daß er Kaiser Wilhelm II. nicht nur im übertragenden Sinne liebt.
Andere Storys wie das "Wunder der Anden" samt Kannibalismus-Diskussion oder Menachem Begins Verwicklung in das Attentat auf Adenauer kauen nur hinlänglich Bekanntes wieder.
Besonderen Wert legt man auf Fotos, doch selbst wenn man hier unterstellt, daß einige Fotos bisher unbekannt waren, so sind sie in der Regel nicht besonders aussagekräftig oder spektakulär.
Insgesamt ein recht fader Ansatz, der aber zur medialen Tendenz paßt, zunehmend immer stärker Einzelschicksale, Momentaufnahmen und Banalitäten zu fokussieren. Schade, daß die Redakteure von einestages.de offenbar nicht lesen, was z.B. ihr Kollege Reinhard Mohr schreibt.
Mit seinem neuen Portal "einestags.de" wagt Spiegel Online daher nun selbst den Einstieg ins Mitmach-Netz und beschreibt das neue Projekt wie folgt:
"einestages ist das neue Zeitgeschichte(n)-Portal von SPIEGEL ONLINE. Hier können Sie Geschichte sehen, Geschichte lesen - und Geschichte schreiben. Denn einestages macht Sie, die Leser zu Partnern in einem neuen und einmaligen Projekt: dem Aufbau eines kollektiven Gedächtnisses unserer Geschichte.
(...) Sie waren dabei, als die Mauer fiel? Als der Tsunami Thailand verwüstete? Beim ersten Konzert von Tokio Hotel? Haben Sie Fotos davon? Werden Sie Zeitzeuge, schreiben Sie auf einestages Ihre ganz persönlichen Zeitgeschichten." ("Was ist einestages?")
(...) Ganz klar: Im Mittelpunkt steht das turbulente 20. Jahrhundert - aber eben das lange 20. Jahrhundert: Urgroßvaters Briefe aus der Zeit der Reichsgründung um 1870/71 sind genauso Dokumente für einestages wie das Handyfoto vom Tsunami Weihnachten 2004. ("Was ist Zeitgeschichte?")
(...) Die Nachkriegsjahre, der Deutsche Herbst, die Wiedervereinigung sind wichtige Themen für einestages. Doch unsere Vergangenheit ist mehr als graue Weltpolitik: Die Tapeten der siebziger Jahre, die ersten Handys, die WM 1974, die Oderflut - all diese Themen haben sich eingebrannt in unser kollektives Gedächtnis." ("Was sind Themen")
Nun haben Zeitzeugenberichte natürlich durchaus einen gewissen Aussagewert und in der Tat läßt sich über sie Geschichte oft erschließen. Trotzdem besteht hier natürlich auch immer die Gefahr, daß die Momentaufnahme eines Einzelnen die Wahrnehmung einer historischen Gegebenheit verzehrt. Und selbst wenn es nicht gleich soweit kommt: Im günstigsten Fall wird es doch darauf hinauslaufen, daß sich auf "einestages" Trivialitäten ansammeln -- mehr oder minder nette Anekdoten die oft nichtssagend sind.
Was sagt dem Leser zum Beispiel die Erkenntnis, daß Andreas Baader eine Haßliebe zu Autos hatte oder daß jetzt in den USA Hitlers Globus aufgetaucht ist? Wow, Hitler hatte einen Globus!
Demnächst dann vermutlich bei "einestages.de": Irmgard M. kann sich nicht erinnern ob sie am 9. November 1989 weinen mußte, weil die Mauer fiel oder weil sie gerade Zwiebeln schnitt, Peter D. hat auf seinem Dachboden das Diaphragma von Eva Braun gefunden und der Urgroßvater von Sven D. gesteht in einem Brief daß er Kaiser Wilhelm II. nicht nur im übertragenden Sinne liebt.
Andere Storys wie das "Wunder der Anden" samt Kannibalismus-Diskussion oder Menachem Begins Verwicklung in das Attentat auf Adenauer kauen nur hinlänglich Bekanntes wieder.
Besonderen Wert legt man auf Fotos, doch selbst wenn man hier unterstellt, daß einige Fotos bisher unbekannt waren, so sind sie in der Regel nicht besonders aussagekräftig oder spektakulär.
Insgesamt ein recht fader Ansatz, der aber zur medialen Tendenz paßt, zunehmend immer stärker Einzelschicksale, Momentaufnahmen und Banalitäten zu fokussieren. Schade, daß die Redakteure von einestages.de offenbar nicht lesen, was z.B. ihr Kollege Reinhard Mohr schreibt.
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Dienstag, Mai 22, 2007
Pflugscharen zu Knieschüssen -- Zur Linksextremismushysterie im Vorfeld von Heiligendamm
Merkels kleines Samaragrad
Ja, das hat dann nicht so ganz hingehauen: Als Merkel gegenüber dem Kollegen Putin in Samara ihre Bedenken darüber äußerte, daß Bürgerrechtler am Rande ihres jüngsten Treffens daran gehindert werden für Meinungsfreiheit und Menschenrechte zu demonstrieren, erdreistete sich der "lupenreine Demokrat" -- wie Ex-Kanzler Schröder ihn einst nannte -- Wladimir Putin zu erwidern, daß das Demonstrationsrecht in Deutschland im Vorfeld des G8-Gipfels in Heiligendamm ja auch eingeschränkt worden sei und es zudem präventive Razzien in Hamburg und Berlin gegeben habe.
Der Vergleich hinkt natürlich, denn trotz aller Einschränkungen und Repressionen befindet sich der deutsche Rechtsstaat (noch) nicht auf dem Niveau von Putins autoritärer Vision einer "gelenkten Demokratie" (Kritiker reden eher vom Fallbeispiel einer "defekten Demokratie"). Dennoch sah Merkel bei dem Versuch Putin hinsichtlich der russischen Demokratiedefizite zu tadeln nicht besonders gut aus, da Putins Retour-Hinweis auf die Verhältnisse in Deutschland hinsichtlich des G8-Gipfels einen wunden Punkt traf. Für die Medien war die Story jedenfalls ein gefundenes Fressen (siehe z.B. "Schein-Heiligendamm", "Merkel in Argumentationsnot" und natürlich Stuttmann).
Von der legitimen Prävention zur illegitimen Repression
Tatsächlich ist der Katalog von präventiven Maßnahmen im Vorfeld von internationalen Konferenzen (neben den G8- z.B. auch die WTO-Treffen) unabhängig vom Gastgeberland ja immer in etwa der gleiche. Man sagt, man wolle die Meinungsfreiheit und das Demonstrationsrecht nicht einschränken, aber mit dem Hinweis auf die Sicherheitsproblematik wird der Veranstaltungsort in der Regel dann doch hermetisch abgeriegelt, so daß der Protest nie zu nah an die Konferenzteilnehmer kommt.
Auch daß man möglichen Ausschreitungen zuvorkommen möchte, indem man versucht potentielle Randalierer schon im Vorfeld unter Druck zu setzen und die Organisation einer Protestbewegung zu stören, ist ja kein neues Phänomen. Problematisch wird es, wenn aus legitimer Prävention illegitime Repression wird, wenn die Exekutive also anfängt es mit den Grundrechten nicht mehr so genau zu nehmen. In einem Telepolis-Artikel heißt es:
Man hat die Zielpersonen also nicht dabei beobachtet, wie sie ganz konkret etwas Illegales planen, viel mehr reicht allein der Umstand daß sie von der Exekutive einem bestimmten Milieu zugerechnet werden aus, sie unter Druck zu setzen. Vielleicht hat Rötzer recht, wenn er vermutet, man nimmt sie nicht in "Schutzhaft" (gemeint ist hier sicherlich Unterbindungsgewahrsam) weil dies international keinen guten Eindruck machen würde, wahrscheinlicher ist jedoch, daß man nichts in der Hand hat, was als rechtliche Begründung für Unterbindungsgewahrsam ausreicht (welcher ja rechtsstaatlich ohnehin umstritten ist). Daher werden die potentiellen Täter dann eben einfach nur "besucht".
Der Tagesspiegel berichtete am Sonntag von einem "Blockade-Training" von G8-Gegnern in Berlin. Dabei trainieren die Beteiligten, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie während eines Sitzstreiks z.B. von der Polizei weggetragen werden sollen. Die Polizei schritt gegen das Training nicht ein, was am letzten Wochenende noch ganz anders war:
Man stoppt also zunächst das besagte Training und nimmt die Personalien von 20 Teilnehmern auf, nur um dann im Nachhinein einzuräumen, daß ein solches Training "nicht strafbar ist", es also auch keine Rechtsgrundlage für das Einschreiten der Polizei gab. Der Fall steht symptomatisch für eine Entwicklung hin zu einem hektischen Überreagieren seitens der Staatsmacht, sobald irgend etwas im Vorfeld des G8-Gipfels auch nur leicht subversiv riecht.
Denn das alternative, richtige Vorgehen wäre natürlich gewesen, sich vor dem Einschreiten erst mal klar zu werden, ob es für das Unterbinden eines solchen "Blockade-Trainings" überhaupt eine Rechtsgrundlage gibt, und falls ja, ob es dann auch wirklich Sinn macht, das Training zu unterbinden. Denn die Teilnehmer lernen dort ja nicht mit Steinen nach Polizisten zu werfen, sondern wie sie sich z.B. beim Wegtransportieren schwer machen können, ohne dabei aber panisch um sich zu schlagen. Es geht also um das Erlernen passiven Widerstands, der Deeskalationsstrategien beinhaltet -- was unter Umständen auch der Staatsmacht entgegenkommt, will sie die Demonstranten dann im Ernstfall wirklich abstransportieren. Ein Demonstrant der sich absichtlich schwer macht mag nerven, ist aber immer noch besser als einer, der sich zusammen mit seiner Gruppe aktiv dem Abtransport mit Gewalt zu widersetzen versucht.
In der Wikipieda kann man über den Präventionsstaat lesen:
Nun führt sicherlich nicht jede präventive Maßnahme gleich dazu, daß der Rechtsstaat zum Präventionsstaat mutiert. Auch gibt es sicherlich Fälle, bei denen präventives Eingreifen unumgänglich ist, um z.B. einen terroristischen Anschlag zu unterbinden. Doch die präventiven Maßnahmen sollten nicht die Regel werden, sollten nicht wie im Fall des G8-Gipfels in Heiligendamm dazu genutzt werden, eine systematische Kriminalisierung der politischen G8-Gegnerschaft voranzutreiben.
Das neue linke Schreckgespenst der Republik: die "militante gruppe" (mg)
In der zweiten Maiwoche fanden in Norddeutschland (Hamburg, Berlin, Bremen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Brandenburg) Razzien statt. Durchsucht wurden mehr als 40 Wohnungen, Büros, Archive, Buchläden, ein Internetanbieter und linke Kulturzentren wie der "Mehringhof" und das "Bethanien" in Berlin oder die Rote Flora in Hamburg.
Die Ermittlungen richteten sich gegen die sogenannte "militante gruppe" (mg). Auf das Konto dieser linksextremistischen Untergrundorganisation gehen 25 Brandanschläge im Raum Berlin-Brandenburg, neben Autos befinden sich auch Gebäude unter den Zielobjekten (im Detail siehe Wikipedia). Weiterhin bekannt wurde die Gruppe durch die Versendung von scharfer Munition, u.a. an Otto Graf Lambsdorff und andere Beteiligte der Zwangsentschädigungs-Verhandlungen.
Besondere Aufmerksamkeit widmete der Verfassungsschutz auch der durch die mg initiierten "Militanzdebatte" (siehe dazu auch den aktuellen Verfassungsschutzbericht), die in der linksradikalen Untergrund-Zeitschrift "Interim" geführt wird. In dieser Debatte geht es kurz gesagt darum, ob die radikale Linke auch wieder Anschläge auf Menschen verüben soll oder nicht. Bisher haben in der Debatte jedoch die Gegner einer solchen Eskalation die Oberhand, wie auch der Verfassungsschutz festhält (dazu komme ich weiter unten noch mal).
Schon seit Jahren versucht man die mg zu zerschlagen, ihre Mitglieder dingfest zu machen. Zuletzt meldete der Focus 2003, die Identität von vier Mitgliedern sei bekannt und gegen sie würde ermittelt, was sich jedoch als Falschmeldung entpuppte (es gab keine Hausdurchsuchungen, Festnahmen oder Verfahren). Diesmal gab es dann zwar tatsächlich Hausdurchsuchungen, aber auch keine Verhaftungen.
Konstruierte Terrorismusvorwürfe
Neben der "militanten gruppe" galten die Razzien aber auch Mitgliedern der "Militanten Kampagne zum Weltwirtschaftsgipfel G8 2007 in Heiligendamm", eine radikale Gruppe, die verdächtigt wird, den G8-Gipfel stören zu wollen.
Der hier geäußerte Vorwurf ist also, daß 129a (Bildung terroristischer Vereinigungen) nur ins Spiel gebracht wurde, um die Sache aufzubauschen und mehr Überwachungsmöglichkeiten zu haben. Wenn es tatsächlich nicht mal zu Anklagen kommt, wäre das natürlich ein weiteres Indiz für die die Fadenscheinigkeit der ganzen Aktion. Worum es nach Meinung vieler Kritiker in Wirklichkeit ging, faßt Carsten Schnober in der Jungle World so zusammen:
Ging es also in Wahrheit nur darum, einige "bekannter Aktivisten" für den Zeitraum des Gipfels zu "neutralisieren" und zeitgleich durch die Beschlagnahmung von Personen- und Adressenverzeichnis mehr Infos über die Bewegung als solche zu sammeln? Dann wären die Razzien wirklich überzogen gewesen und unter "falschem Label" (129a) durchgeführt worden.
In einem weiteren Jungle World Artikel schreibt Carlos Kunze über das "Spektakel des Terrorismus":
Natürlich hinkt auch dieser Vergleich, da die Jugendlichen in den französischen Banlieues eben einfach nur x-beliebig irgend welche Autos aus Frust abfackeln, während sich etwa die mg ja ganz gezielt Fahrzeuge heraussucht und ihre Anschläge in einen ideologischen Kontext stellt. Trotzdem ist die Frage natürlich berechtigt, ob man hier wirklich schon von "Terrorismus" reden kann.
Demonstrationsverbote rund um den Gipfel
Ein weiterer Streitpunkt ist das generelle Demonstrationsverbot rund um den G8-Gipfel in Heiligendamm. Kritiker monieren, ein solches Verbot ginge zu weit. Einer der Anwälte die gegen das Verbot eine Klage anstreben, Claus Förster, wurde von Telepolis interviewt:
Förster weiter: "Juristisch sind die Argumente sicher auf unserer Seite. Aber es wäre auch lebensfremd zu glauben, dass die Richter unbeeindruckt von der politischen Großwetterlage ihre Entscheidungen fällen." Ob die Klagen durchkommen kann sich ggf. auch erst kurz vor dem Gipfel zeigen.
Ebenfalls Teil der Panikmache und Terrorhysterie: die Medien
Die legendäre, linksalternative Berliner Band Ton Steine Scherben sang in ihrer Hausbesetzter-Hymne, dem "Rauch-Haus-Song", Anfang der 70er Jahre:
30 Jahre später ist es der Focus der als erstes über die brisanten Ergebnisse der oben beschriebenen Razzien erfahren haben will:
Gefälschte Personaldokumente, Wecker, Drähte, "größere Feuerwerkskörper" und Anleitungen zum Bau von Spreng- und Brandvorrichtungen -- die heute jeder aus dem Internet herunterladen kann. Das riecht schon sehr nach einer eher spärlichen Rechtfertigung für den unverhältnismäßigen Razzia-Einsatz. Die Bundesanwaltschaft wollte die "Enthüllungen" von Focus nicht kommentieren, doch wenn sie am Ende nicht mehr vorzuweisen haben, bleibt es bei der Erkenntnis, daß die Razzien ein politisch motivierter Versuch waren, G8-Gegner im Vorfeld des Gipfels einzuschüchtern.
Doch auch in "Springers heißem Blatt" konnte man natürlich wieder die schönsten Varianten einer Terror-Panikmache studieren. Mit Bezug auf den aktuellen Verfassungsschutzbericht schreibt Bild-Redakteur Einar Koch:
Die Geschichte mit den "Knieschüssen" und "Exekutionen" machte dann in den restlichen Medien schnell die Runde. Tatsächlich resümiert der Verfassungsschutzbericht jedoch:
Und in der taz heißt es weiter zu einer Stellungnahme des Verfassungsschutz-Präsidenten Heinz Fromm:
Natürlich ist es immer denkbar, daß eine linksextremistische Gruppierung wie die mg irgendwann dazu übergeht, auch Anschläge auf Menschen zu verüben. Insofern ist der Titel der Bild-Zeitung auch sinnig, denn völlig ausschließen konnte und kann man doch linksextremistische Anschläge auf Politiker und Manager nie. Glücklicherweise gab es solche Anschläge auf Menschen aber seit der RAF nicht mehr (im Gegensatz zum Rechtsextremismus, der eben immer noch Menschenleben fordert). Und nach Erkenntnissen des Verfassungsschutz gibt es auch keine konkreten Hinweise, daß sich das im Zuge des G8-Gipfels ändert. Was also soll die von der Bild-Zeitung losgetretene Hysterie?
Ähnlich wie der Focus fährt auch die Springerpresse im Vorfeld von Heiligendamm eine Panikmache-Schiene, die den Protest gegen den G8-Gipfel in den Kontext von Terrorismus zu stellen versucht. Das geht dann Hand-in-Hand mit Polizei und Staatsanwaltschaft, die mit Razzien, "Hausbesuchen", Demonstrationsverbot und einigen anderen Repressionsmitteln versucht, die Anti-G8-Bewegung noch vor Beginn des eigentlichen Gipfels zu zähmen.
Fazit
Daß die deutsche Staatsmacht versucht, die Randale im Kontext des G8-Gipfels schon im Keim zu ersticken erscheint legitim. Tatsächlich ist jetzt im Vorfeld von Heiligendamm eine Zunahme von Brandanschlägen zu verzeichnen (wobei noch zu klären wäre, ob die wirklich ausnahmslos alle etwas mit dem G8-Gipfel zu tun haben, schließlich haben diese Anschläge auf Sachgegenstände eine längere "Tradition", die sicherlich keinen unmittelbaren Bezug zu Heiligendamm hat). Und auch während des Gipfels wird es vermutlich Ausschreitungen geben. Da Heiligendamm als solches eine No-go-area ist und es das Demoverbot für den Gipfel-Bereich gibt, wird inzwischen Hamburg als wahrscheinlichster Knotenpunkt für Ausschreitungen prophezeit.
Es stellt sich jedoch die Frage nach der Recht- und Verhältnismässigkeit. Wenn Razzien tatsächlich nur als Vorwand dazu dienen, an Informationen über die Struktur der Anti-G8-Bewegung zu kommen und die Bewegung unter Druck zu setzen (nach dem Motto: "Wehe wenn ihr...") bzw. den Handlungsspielraum potentieller Deliquenten für den Zeitraum des Gipfels einzuschränken, dann wäre das rechtsstaatlich ein höchstbedenklicher Vorgang. Gleiches gilt natürlich für die Einschränkung des Demonstrationsrechts, hier bleibt abzuwarten, ob das Verbot nicht doch noch aufgehoben werden muß.
Weiterhin treffen diese präventiven Gegenmaßnahmen eben gerade nicht den radikalen Flügel, der im Gegenteil die Repression als Steilvorlage nimmt, die Serie von Brandanschlägen zu intensivieren. Die Razzien haben der radikalen Linken noch mal einen sehr starken Schub an Unterstützern verschafft, weil sich alle in eine "Jetzt erst recht"-Stimmung steigern ("Tausende protestieren gegen Razzien", Spiegel Online, 10.05.07). Auch rein strategisch betrachtet ist dieses Vorgehen für die Staatsmacht also kontraproduktiv.
Auf der anderen Seite wird dann die Hysterie vor einem wieder aufkeimenden "Linksterrorismus" insbesondere von der bürgerlichen Presse systematisch weiter aufgebaut. Jahrelang hat sich keiner für in Brand gesteckte Autos interessiert, erst im Vorfeld des G8-Gipfels wird das Stereotyp des "langhaarigen Bombenlegers" auf einmal wiederentdeckt. Nur erstens machen Brandanschläge auf Sachgegenstände noch keine neue RAF, zweitens steht wenn nur ein Bruchteil der durch Linksextremisten in den letzten Jahren verübten Brandanschläge in einem direkten Kontext zum G8-Gipfel in diesem Jahr. Nur verkauft sich Gewalt bzw. mögliche Gewalt als Schlagzeile natürlich immer besser, als eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der durchaus berechtigten Kritik der Anti-G8-Bewegung am Gipfel.
Das Ergebnis ist eine Kriminalisierung der Anti-G8-Bewegung, denn das in der Öffentlichkeit durch mediale Berichterstattung und staatliche Präventionsmaßnahmen konstruierte Bild suggeriert eine Gleichsetzung von "Gewalt", "Terrorismus" und "Anti-G8-Protest". Daß die große Mehrheit der Demonstranten und Aktivisten eben nicht irgendwelche Autos abfackelnde und Steine schmeißende Hooligans sind, wird in der Berichterstattung vielleicht mal am Rande erwähnt, geht aber ansonsten in der Terrorismushysterie einfach unter.
Ja, das hat dann nicht so ganz hingehauen: Als Merkel gegenüber dem Kollegen Putin in Samara ihre Bedenken darüber äußerte, daß Bürgerrechtler am Rande ihres jüngsten Treffens daran gehindert werden für Meinungsfreiheit und Menschenrechte zu demonstrieren, erdreistete sich der "lupenreine Demokrat" -- wie Ex-Kanzler Schröder ihn einst nannte -- Wladimir Putin zu erwidern, daß das Demonstrationsrecht in Deutschland im Vorfeld des G8-Gipfels in Heiligendamm ja auch eingeschränkt worden sei und es zudem präventive Razzien in Hamburg und Berlin gegeben habe.
Der Vergleich hinkt natürlich, denn trotz aller Einschränkungen und Repressionen befindet sich der deutsche Rechtsstaat (noch) nicht auf dem Niveau von Putins autoritärer Vision einer "gelenkten Demokratie" (Kritiker reden eher vom Fallbeispiel einer "defekten Demokratie"). Dennoch sah Merkel bei dem Versuch Putin hinsichtlich der russischen Demokratiedefizite zu tadeln nicht besonders gut aus, da Putins Retour-Hinweis auf die Verhältnisse in Deutschland hinsichtlich des G8-Gipfels einen wunden Punkt traf. Für die Medien war die Story jedenfalls ein gefundenes Fressen (siehe z.B. "Schein-Heiligendamm", "Merkel in Argumentationsnot" und natürlich Stuttmann).
Von der legitimen Prävention zur illegitimen Repression
Tatsächlich ist der Katalog von präventiven Maßnahmen im Vorfeld von internationalen Konferenzen (neben den G8- z.B. auch die WTO-Treffen) unabhängig vom Gastgeberland ja immer in etwa der gleiche. Man sagt, man wolle die Meinungsfreiheit und das Demonstrationsrecht nicht einschränken, aber mit dem Hinweis auf die Sicherheitsproblematik wird der Veranstaltungsort in der Regel dann doch hermetisch abgeriegelt, so daß der Protest nie zu nah an die Konferenzteilnehmer kommt.
Auch daß man möglichen Ausschreitungen zuvorkommen möchte, indem man versucht potentielle Randalierer schon im Vorfeld unter Druck zu setzen und die Organisation einer Protestbewegung zu stören, ist ja kein neues Phänomen. Problematisch wird es, wenn aus legitimer Prävention illegitime Repression wird, wenn die Exekutive also anfängt es mit den Grundrechten nicht mehr so genau zu nehmen. In einem Telepolis-Artikel heißt es:
"In Niedersachsen hat die Polizei auch Globalisierungsgegner, die sie als gewalttätig betrachtet, besucht. Man habe sie vor einer Reise nach Heiligendamm gewarnt, sagte ein Sprecher des niedersächsischen Innenministeriums. 'Den Leuten wird signalisiert, dass wir sie im Visier haben.' Vermutlich will man sie unter Druck setzen und damit gleichzeitig vermeiden, sie in Schutzhaft zu nehmen, was – auch wie jetzt im Hinblick auf Russland – international keinen guten Eindruck hinterlassen könnte." ("Russische Verhältnisse in Heiligendamm?", Telepolis, 19.05.07)
Man hat die Zielpersonen also nicht dabei beobachtet, wie sie ganz konkret etwas Illegales planen, viel mehr reicht allein der Umstand daß sie von der Exekutive einem bestimmten Milieu zugerechnet werden aus, sie unter Druck zu setzen. Vielleicht hat Rötzer recht, wenn er vermutet, man nimmt sie nicht in "Schutzhaft" (gemeint ist hier sicherlich Unterbindungsgewahrsam) weil dies international keinen guten Eindruck machen würde, wahrscheinlicher ist jedoch, daß man nichts in der Hand hat, was als rechtliche Begründung für Unterbindungsgewahrsam ausreicht (welcher ja rechtsstaatlich ohnehin umstritten ist). Daher werden die potentiellen Täter dann eben einfach nur "besucht".
Der Tagesspiegel berichtete am Sonntag von einem "Blockade-Training" von G8-Gegnern in Berlin. Dabei trainieren die Beteiligten, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie während eines Sitzstreiks z.B. von der Polizei weggetragen werden sollen. Die Polizei schritt gegen das Training nicht ein, was am letzten Wochenende noch ganz anders war:
"Die Polizeiführung hat sich für Zurückhaltung entschieden. Am vergangenen Wochenende hatten Polizisten ein ähnliches Training gestoppt und die Personalien von 20 Teilnehmern aufgenommen. Am folgenden Tag hatte sich die Polizei dafür entschuldigt und mitgeteilt, dass 'ein solches Training nicht strafbar ist'." ("Der Protest soll richtig sitzen", Tagesspiegel, 20.05.07)
Man stoppt also zunächst das besagte Training und nimmt die Personalien von 20 Teilnehmern auf, nur um dann im Nachhinein einzuräumen, daß ein solches Training "nicht strafbar ist", es also auch keine Rechtsgrundlage für das Einschreiten der Polizei gab. Der Fall steht symptomatisch für eine Entwicklung hin zu einem hektischen Überreagieren seitens der Staatsmacht, sobald irgend etwas im Vorfeld des G8-Gipfels auch nur leicht subversiv riecht.
Denn das alternative, richtige Vorgehen wäre natürlich gewesen, sich vor dem Einschreiten erst mal klar zu werden, ob es für das Unterbinden eines solchen "Blockade-Trainings" überhaupt eine Rechtsgrundlage gibt, und falls ja, ob es dann auch wirklich Sinn macht, das Training zu unterbinden. Denn die Teilnehmer lernen dort ja nicht mit Steinen nach Polizisten zu werfen, sondern wie sie sich z.B. beim Wegtransportieren schwer machen können, ohne dabei aber panisch um sich zu schlagen. Es geht also um das Erlernen passiven Widerstands, der Deeskalationsstrategien beinhaltet -- was unter Umständen auch der Staatsmacht entgegenkommt, will sie die Demonstranten dann im Ernstfall wirklich abstransportieren. Ein Demonstrant der sich absichtlich schwer macht mag nerven, ist aber immer noch besser als einer, der sich zusammen mit seiner Gruppe aktiv dem Abtransport mit Gewalt zu widersetzen versucht.
In der Wikipieda kann man über den Präventionsstaat lesen:
"Fürsprecher des Präventionsstaates halten diesen angesichts der Gefahren des Terrorismus für notwendig und sinnvoll. Kritiker halten einen Präventionsstaat hingegen für nur schwer oder gar nicht mit einer freiheitlichen Demokratie vereinbar."
Nun führt sicherlich nicht jede präventive Maßnahme gleich dazu, daß der Rechtsstaat zum Präventionsstaat mutiert. Auch gibt es sicherlich Fälle, bei denen präventives Eingreifen unumgänglich ist, um z.B. einen terroristischen Anschlag zu unterbinden. Doch die präventiven Maßnahmen sollten nicht die Regel werden, sollten nicht wie im Fall des G8-Gipfels in Heiligendamm dazu genutzt werden, eine systematische Kriminalisierung der politischen G8-Gegnerschaft voranzutreiben.
Das neue linke Schreckgespenst der Republik: die "militante gruppe" (mg)
In der zweiten Maiwoche fanden in Norddeutschland (Hamburg, Berlin, Bremen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Brandenburg) Razzien statt. Durchsucht wurden mehr als 40 Wohnungen, Büros, Archive, Buchläden, ein Internetanbieter und linke Kulturzentren wie der "Mehringhof" und das "Bethanien" in Berlin oder die Rote Flora in Hamburg.
Die Ermittlungen richteten sich gegen die sogenannte "militante gruppe" (mg). Auf das Konto dieser linksextremistischen Untergrundorganisation gehen 25 Brandanschläge im Raum Berlin-Brandenburg, neben Autos befinden sich auch Gebäude unter den Zielobjekten (im Detail siehe Wikipedia). Weiterhin bekannt wurde die Gruppe durch die Versendung von scharfer Munition, u.a. an Otto Graf Lambsdorff und andere Beteiligte der Zwangsentschädigungs-Verhandlungen.
Besondere Aufmerksamkeit widmete der Verfassungsschutz auch der durch die mg initiierten "Militanzdebatte" (siehe dazu auch den aktuellen Verfassungsschutzbericht), die in der linksradikalen Untergrund-Zeitschrift "Interim" geführt wird. In dieser Debatte geht es kurz gesagt darum, ob die radikale Linke auch wieder Anschläge auf Menschen verüben soll oder nicht. Bisher haben in der Debatte jedoch die Gegner einer solchen Eskalation die Oberhand, wie auch der Verfassungsschutz festhält (dazu komme ich weiter unten noch mal).
Schon seit Jahren versucht man die mg zu zerschlagen, ihre Mitglieder dingfest zu machen. Zuletzt meldete der Focus 2003, die Identität von vier Mitgliedern sei bekannt und gegen sie würde ermittelt, was sich jedoch als Falschmeldung entpuppte (es gab keine Hausdurchsuchungen, Festnahmen oder Verfahren). Diesmal gab es dann zwar tatsächlich Hausdurchsuchungen, aber auch keine Verhaftungen.
Konstruierte Terrorismusvorwürfe
Neben der "militanten gruppe" galten die Razzien aber auch Mitgliedern der "Militanten Kampagne zum Weltwirtschaftsgipfel G8 2007 in Heiligendamm", eine radikale Gruppe, die verdächtigt wird, den G8-Gipfel stören zu wollen.
"Die meisten der angeblich in der 'Militanten Kampagne' organisierten Einzelgruppen haben nur jeweils eine Straftat begangen; die Ermittler vermuten aber personelle Überschneidungen und fassen die Gruppen ganz einfach zu einer Vereinigung zusammen. Die Bundesanwaltschaft ermittelt insgesamt gegen 21 namentlich bekannte und weitere unbekannte Personen. Dreien wirft sie die Mitgliedschaft in der 'Militanten Gruppe' vor, den anderen 18 Mitgliedschaft in der 'Militanten Kampagne'.
Dass die Öffentlichkeit die fast 40 Anschläge kaum zur Kenntnis genommen hat, erklärt sich, wenn man die Aktionen betrachtet: Gäbe es den Paragrafen 129a nicht, könnte die Staatsanwaltschaft nur wegen Sachbeschädigung und Brandstiftung ermitteln. Mehrere geparkte Autos brannten ab, bei Wohnhäusern, öffentlichen Einrichtungen und Firmengebäuden wurden Fensterscheiben eingeworfen. Durch die Konstruktion der 'Militanten Kampagne' werden sogar Farbbeutelwürfe auf Häuserfassaden zu terroristischen Akten aufgebauscht.
... Der Anwalt Christoph Kliesing geht davon aus, dass die 129a-Verfahren nur eingeleitet wurden, um die Überwachungsmöglichkeiten der Strafprozessordnung ausschöpfen zu können. Er zweifelt wegen der dürftigen Beweislage daran, dass es überhaupt zu Anklagen gegen die Beschuldigten kommt." ("Die Position der Republik", Jungle World, 20/07)
Der hier geäußerte Vorwurf ist also, daß 129a (Bildung terroristischer Vereinigungen) nur ins Spiel gebracht wurde, um die Sache aufzubauschen und mehr Überwachungsmöglichkeiten zu haben. Wenn es tatsächlich nicht mal zu Anklagen kommt, wäre das natürlich ein weiteres Indiz für die die Fadenscheinigkeit der ganzen Aktion. Worum es nach Meinung vieler Kritiker in Wirklichkeit ging, faßt Carsten Schnober in der Jungle World so zusammen:
"Dass es bei der Aktion ums Sammeln von Informationen über die gesamte Szene ging, verdeutlicht die Durchsuchung beim Internetanbieter SO36.net. Der Durchsuchungsbeschluss wies ausdrücklich Personen- und Adressenverzeichnisse als zu beschlagnahmende Beweismittel aus. Betroffen waren neben zehn privaten E-Mail-Postfächern auch zwei Mailinglisten, womit alle Besitzer darin eingetragener E-Mail-Adressen unter Terrorverdacht gestellt werden.
... Obwohl die Begründungen der Durchsuchungsbeschlüsse und die ausbleibenden Haftbefehle zeigen, dass die Bundesanwaltschaft wenig in der Hand hat, das ihre Vorwürfe untermauert, ist die Liste der Verdächtigen offenbar nicht zufällig zusammengestellt. Vielmehr finden sich darauf bekannte Aktivisten wieder, deren Handlungsfähigkeit während des G8-Gipfels offenbar eingeschränkt werden sollte." ("Die Position der Republik", Jungle World, 20/07)
Ging es also in Wahrheit nur darum, einige "bekannter Aktivisten" für den Zeitraum des Gipfels zu "neutralisieren" und zeitgleich durch die Beschlagnahmung von Personen- und Adressenverzeichnis mehr Infos über die Bewegung als solche zu sammeln? Dann wären die Razzien wirklich überzogen gewesen und unter "falschem Label" (129a) durchgeführt worden.
In einem weiteren Jungle World Artikel schreibt Carlos Kunze über das "Spektakel des Terrorismus":
"So funktioniert es mittlerweile, das deutsche Spektakel des Terrorismus. Es funktioniert über die Herstellung eines Bildes, das sich vollständig von der (geschichtlichen wie gegenwärtigen) Realität abgelöst hat. Es funktioniert über die Amalgamierung von allem und jedem. Dass die Gruppen und Grüppchen wie RAF, RZ, Bewegung 2.Juni, die für den 'bewaffneten Kampf' (so die Gruppen) bzw. 'Terrorismus' (so der Staat) zuständig waren, seit Jahrzehnten nicht mehr existieren, dass die Taten der überaus terrorverdächtigen 'Militanten Gruppe' dem entsprechen, womit sich die Jugend in den französischen Banlieues die Zeit vertreibt: dem Abfackeln von Autos, ist dem Spektakel egal." ("Staatsschauspiel, neu aufgeführt", Jungle World, 20/07)
Natürlich hinkt auch dieser Vergleich, da die Jugendlichen in den französischen Banlieues eben einfach nur x-beliebig irgend welche Autos aus Frust abfackeln, während sich etwa die mg ja ganz gezielt Fahrzeuge heraussucht und ihre Anschläge in einen ideologischen Kontext stellt. Trotzdem ist die Frage natürlich berechtigt, ob man hier wirklich schon von "Terrorismus" reden kann.
Demonstrationsverbote rund um den Gipfel
Ein weiterer Streitpunkt ist das generelle Demonstrationsverbot rund um den G8-Gipfel in Heiligendamm. Kritiker monieren, ein solches Verbot ginge zu weit. Einer der Anwälte die gegen das Verbot eine Klage anstreben, Claus Förster, wurde von Telepolis interviewt:
"Telepolis: Wie werten Sie diese Verbotsverfügung juristisch?
Claus Förster: Ich sehe darin eindeutig einen Verstoß gegen den Paragraphen 15 des Versammlungsgesetzes. Allerdings ist juristisch generell umstritten, ob mit solchen Allgemeinverfügungen in das grundrechtlich geschützte Versammlungsrecht eingegriffen werden kann. Dabei muss es um eine konkrete Versammlung mit konkreten Verdachtsmomenten gehen. Bei den Verboten rund um den G8-Gipfel in Heiligendamm handelt es sich dagegen um eine Allgemeinverfügung, mit der zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten Region alle Demonstrationen generell verboten werden. Eine Einzelfallprüfung wird hier nicht mehr vorgenommen.
Telepolis: Gab es solche Maßnahmen schon früher?
Claus Förster: Ja. Das Bundesverfassungsgericht hat im Zusammenhang mit den Protesten gegen die Castortransporte ins Wendland die Rechtmäßigkeit einer solchen Allgemeinverfügung bestätigt. Im Unterschied zu den Protesten in und um Heiligendamm war in Gorleben allerdings eine wesentlich kleinere Fläche zur versammlungsfreien Zone erklärt worden. Es handelte sich dort um ca. 100 Meter. Das Gericht begründete die Rechtmäßigkeit des Versammlungsverbots damit, dass sich die Proteste auch außerhalb dieser Zone noch in Hör- und Sichtweite der Adressaten befinden. Genau dieses Kriterium würde in unserem Fall nicht mehr gelten, da die Verbotszone mehrere Kilometer umfasst und die Adressaten des Protestes dann davon nichts mehr mitbekommen würden." ("Die rechtlichen Argumente sind auf unserer Seite", Telepolis, 22.05.07)
Förster weiter: "Juristisch sind die Argumente sicher auf unserer Seite. Aber es wäre auch lebensfremd zu glauben, dass die Richter unbeeindruckt von der politischen Großwetterlage ihre Entscheidungen fällen." Ob die Klagen durchkommen kann sich ggf. auch erst kurz vor dem Gipfel zeigen.
Ebenfalls Teil der Panikmache und Terrorhysterie: die Medien
Die legendäre, linksalternative Berliner Band Ton Steine Scherben sang in ihrer Hausbesetzter-Hymne, dem "Rauch-Haus-Song", Anfang der 70er Jahre:
"Und vier Monate später stand in Springers heißem Blatt, daß das Georg-von-Rauch-Haus eine Bombenwerkstatt hat. Und die deutlichen Beweise sind zehn leere Flaschen Wein und zehn leere Flaschen können schnell zehn Mollies sein."
30 Jahre später ist es der Focus der als erstes über die brisanten Ergebnisse der oben beschriebenen Razzien erfahren haben will:
"Der 'Focus' berichtet heute vorab, dass im Zuge der Razzia in Berlin Zubehör für Brandsätze und Zeitzünder sichergestellt worden sein. Das Blatt beruft sich auf erste Analysen der Durchsuchungen. Von Weckern, Drähten, Uhren und größeren Feuerwerkskörpern ist in dem Beitrag die Rede. In Brandenburg hätten Beamte Anleitungen zum Bau von Spreng- und Brandvorrichtungen entdeckt. In Hamburg habe die Polizei bei einem Verdächtigen 'ge- und verfälschte Personaldokumente' beschlagnahmt." ("Polizei fand bei Razzia Zubehör für Brandbomben", Spiegel Online, 12.05.07)
Gefälschte Personaldokumente, Wecker, Drähte, "größere Feuerwerkskörper" und Anleitungen zum Bau von Spreng- und Brandvorrichtungen -- die heute jeder aus dem Internet herunterladen kann. Das riecht schon sehr nach einer eher spärlichen Rechtfertigung für den unverhältnismäßigen Razzia-Einsatz. Die Bundesanwaltschaft wollte die "Enthüllungen" von Focus nicht kommentieren, doch wenn sie am Ende nicht mehr vorzuweisen haben, bleibt es bei der Erkenntnis, daß die Razzien ein politisch motivierter Versuch waren, G8-Gegner im Vorfeld des Gipfels einzuschüchtern.
Doch auch in "Springers heißem Blatt" konnte man natürlich wieder die schönsten Varianten einer Terror-Panikmache studieren. Mit Bezug auf den aktuellen Verfassungsschutzbericht schreibt Bild-Redakteur Einar Koch:
"Im Klartext: Der Verfassungsschutz schließt Anschläge auf Politiker und Manager nicht mehr aus! In der Szene würden bereits Aktionen gegen 'Handlanger und Profiteure des Systems' diskutiert ('Knieschüsse', 'Exekutionen')." (Bild, 14.05.07, zitiert nach BILDblog)
Die Geschichte mit den "Knieschüssen" und "Exekutionen" machte dann in den restlichen Medien schnell die Runde. Tatsächlich resümiert der Verfassungsschutzbericht jedoch:
"Insgesamt war wiederum keine signifikante Entwicklung in der Militanzdebatte feststellbar. Nach wie vor überwiegen kritische Einschätzungen." (Verfassungsschutzbericht 2006, S. 153)
Und in der taz heißt es weiter zu einer Stellungnahme des Verfassungsschutz-Präsidenten Heinz Fromm:
"Schlechte Nachrichten für die Fans der Panikmache vor dem G-8-Gipfel: (...) Spekulationen über einen neuen RAF-Terrorismus seien 'völlig gegenstandslos', versicherte Fromm. Er habe vielmehr zuletzt 'ein paar sehr zugespitzte Überschriften' in der Presse gelesen. (...) Und was ist mit der Meldung der Bild-Zeitung, der Verfassungsschutz schließe von Linksextremen begangene 'Anschläge auf Politiker und Manager nicht mehr aus'? In der Szene würden auch 'Exekutionen' diskutiert? Im Moment habe sein Amt keine Hinweise, dass militante G-8-Gegner Anschläge auf Menschen planten, sagte Fromm." ("Agenten entspannter als Journalisten", taz, 16.5.07)
Natürlich ist es immer denkbar, daß eine linksextremistische Gruppierung wie die mg irgendwann dazu übergeht, auch Anschläge auf Menschen zu verüben. Insofern ist der Titel der Bild-Zeitung auch sinnig, denn völlig ausschließen konnte und kann man doch linksextremistische Anschläge auf Politiker und Manager nie. Glücklicherweise gab es solche Anschläge auf Menschen aber seit der RAF nicht mehr (im Gegensatz zum Rechtsextremismus, der eben immer noch Menschenleben fordert). Und nach Erkenntnissen des Verfassungsschutz gibt es auch keine konkreten Hinweise, daß sich das im Zuge des G8-Gipfels ändert. Was also soll die von der Bild-Zeitung losgetretene Hysterie?
Ähnlich wie der Focus fährt auch die Springerpresse im Vorfeld von Heiligendamm eine Panikmache-Schiene, die den Protest gegen den G8-Gipfel in den Kontext von Terrorismus zu stellen versucht. Das geht dann Hand-in-Hand mit Polizei und Staatsanwaltschaft, die mit Razzien, "Hausbesuchen", Demonstrationsverbot und einigen anderen Repressionsmitteln versucht, die Anti-G8-Bewegung noch vor Beginn des eigentlichen Gipfels zu zähmen.
Fazit
Daß die deutsche Staatsmacht versucht, die Randale im Kontext des G8-Gipfels schon im Keim zu ersticken erscheint legitim. Tatsächlich ist jetzt im Vorfeld von Heiligendamm eine Zunahme von Brandanschlägen zu verzeichnen (wobei noch zu klären wäre, ob die wirklich ausnahmslos alle etwas mit dem G8-Gipfel zu tun haben, schließlich haben diese Anschläge auf Sachgegenstände eine längere "Tradition", die sicherlich keinen unmittelbaren Bezug zu Heiligendamm hat). Und auch während des Gipfels wird es vermutlich Ausschreitungen geben. Da Heiligendamm als solches eine No-go-area ist und es das Demoverbot für den Gipfel-Bereich gibt, wird inzwischen Hamburg als wahrscheinlichster Knotenpunkt für Ausschreitungen prophezeit.
Es stellt sich jedoch die Frage nach der Recht- und Verhältnismässigkeit. Wenn Razzien tatsächlich nur als Vorwand dazu dienen, an Informationen über die Struktur der Anti-G8-Bewegung zu kommen und die Bewegung unter Druck zu setzen (nach dem Motto: "Wehe wenn ihr...") bzw. den Handlungsspielraum potentieller Deliquenten für den Zeitraum des Gipfels einzuschränken, dann wäre das rechtsstaatlich ein höchstbedenklicher Vorgang. Gleiches gilt natürlich für die Einschränkung des Demonstrationsrechts, hier bleibt abzuwarten, ob das Verbot nicht doch noch aufgehoben werden muß.
Weiterhin treffen diese präventiven Gegenmaßnahmen eben gerade nicht den radikalen Flügel, der im Gegenteil die Repression als Steilvorlage nimmt, die Serie von Brandanschlägen zu intensivieren. Die Razzien haben der radikalen Linken noch mal einen sehr starken Schub an Unterstützern verschafft, weil sich alle in eine "Jetzt erst recht"-Stimmung steigern ("Tausende protestieren gegen Razzien", Spiegel Online, 10.05.07). Auch rein strategisch betrachtet ist dieses Vorgehen für die Staatsmacht also kontraproduktiv.
Auf der anderen Seite wird dann die Hysterie vor einem wieder aufkeimenden "Linksterrorismus" insbesondere von der bürgerlichen Presse systematisch weiter aufgebaut. Jahrelang hat sich keiner für in Brand gesteckte Autos interessiert, erst im Vorfeld des G8-Gipfels wird das Stereotyp des "langhaarigen Bombenlegers" auf einmal wiederentdeckt. Nur erstens machen Brandanschläge auf Sachgegenstände noch keine neue RAF, zweitens steht wenn nur ein Bruchteil der durch Linksextremisten in den letzten Jahren verübten Brandanschläge in einem direkten Kontext zum G8-Gipfel in diesem Jahr. Nur verkauft sich Gewalt bzw. mögliche Gewalt als Schlagzeile natürlich immer besser, als eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der durchaus berechtigten Kritik der Anti-G8-Bewegung am Gipfel.
Das Ergebnis ist eine Kriminalisierung der Anti-G8-Bewegung, denn das in der Öffentlichkeit durch mediale Berichterstattung und staatliche Präventionsmaßnahmen konstruierte Bild suggeriert eine Gleichsetzung von "Gewalt", "Terrorismus" und "Anti-G8-Protest". Daß die große Mehrheit der Demonstranten und Aktivisten eben nicht irgendwelche Autos abfackelnde und Steine schmeißende Hooligans sind, wird in der Berichterstattung vielleicht mal am Rande erwähnt, geht aber ansonsten in der Terrorismushysterie einfach unter.
Freitag, Mai 11, 2007
Mittwoch, April 11, 2007
re:publica 2007
Vom heutigen Mittwoch (11.04.07) bis zum Freitag (13.04.07) findet in der Berliner Kalkscheune die "re:publica" statt, eine Blogger-Konferenz, die sich mit einem weiten Themenspektrum von "Web 2.0" über "Open Source" bis zu "Social Media" beschäftigt:
Organisiert und durchgeführt wird die Konferenz von Johnny Haeusler, dessen Blog Spreeblick zu den bekanntesten im deutschsprachigen Raum zählt und bereits mit einem "Grimme Online Award" ausgezeichnet wurde, sowie der Agentur "newthinking communications", hinter der unter anderem auch Markus Beckedahl steckt, ein weiteres "Schwergewicht" in der deutschen Blogosphäre. Beckedahl ist in erster Linie für sein Blog netzpolitik.org bekannt, das ebenfalls als sehr einflußreich gilt und viel gelesen wird.
Die Liste der Vortragenden und Workshop-Leitenden liest sich wie ein Who-is-who der deutschen Web-Community. Entsprechend vielseitig ist dann auch das Programm der re:publica.
Am ersten Tag referiert unter anderem Ralf Bendrath über "Identität im Netz", Tim Pritlove über die "Generation MashUp", Torsten Kleinz über "Trolle im Netz", Stefan Niggemeier (BILDblog.de) über die Frage der Notwendigkeit einer Blog-Etikette und Don Dahlmann geht der philosophischen Frage nach, ob wir schon im Netz leben oder nur so tun.
Am zweiten Tag informiert Kurt Jansson über die Zukunft der Wikipedia, Udo Vetter klärt über rechtliche Aspekte beim Bloggen auf, Markus Beckedahl setzt sich mit "Politik 2.0" auseinander, und der "Bad Boy" der deutschen Blogosphäre, Felix Schwenzel (wirres.net), darf natürlich auch nicht mit einem Vortrag fehlen. Das Highlight des Tages ist aber sicherlich Régine Debattys Vorstellung ihres Kult-Blogs We Make Money Not Art! (WMMNA).
Am dritten Tag gibt es dann eine Bloglesung, unter anderem mit MC Winkel, während Constanze Kurz über "Datenschutz im Web 2.0" referiert. Katharina "Lyssa" Borchert (siehe auch hier) geht der Frage nach, ob der viel gepriesene neue Citizen Journalism auch die Bürger bewegt. Schließlich referiert Jörg Kantel (Schockwellenreiter.de) über die Entwicklung der Weblogs in Deutschland.
Eine Tageskarte kostet 20 Euro für einfache Besucher (Unternehmen zahlen 40 Euro). Ein Besuch lohnt sich also nur, wenn man sich gleich mehrere Vorträge anhört bzw. dann vielleicht auch mal an einem der angebotenen Workshops teilnimmt. Tickets für einzelne Veranstaltungen gibt es dagegen nicht, alternativ konnte man sich aber im Vorfeld "akkreditieren". Pro Tag werden jetzt noch 50 Tageskarten zugesichert, im Wiki haben sich aber schon bis zu 80 Leute die Tagestickets vorangemeldet, jetzt noch reinzukommen erscheint daher unwahrscheinlich.
Die Nachfrage nach Tickets übersteigt also deutlich das vorhandene Angebot, es interessieren sich weitaus mehr Personen für die Konferenz, als die Veranstalter je gedacht hätten. Ein klares Indiz, daß die Konferenz ein Erfolg wird und das Themenspektrum offenbar auf viel Interesse stößt. Wer will, kann sein Glück reinzukommen ja trotzdem noch versuchen, es scheint sich wirklich zu lohnen.
"Soziale Netzwerke, Blogs, Podcasts, Videocasts, Online- und Offline-Communities und -Services - all diese Aspekte werden bei der re:publica ebenso umfassend zur Sprache kommen wie Hintergründe, die Philosophie, die Prinzipien, die rechtlichen Grundlagen der sozialen (R)evolution im Netz.
Kurzum: Es geht um Kultur.
Neben den Diskussionen und Vorträgen wird es Workshops geben und auch kommerzielle Aspekte kommen zur Sprache: re:publica wird diskutieren, ob und wie man als Blogger oder Podcaster seinen Lebensunterhalt verdienen kann und auf bisherige Erfahrungen zurückblicken." (Info at re:publica)
Organisiert und durchgeführt wird die Konferenz von Johnny Haeusler, dessen Blog Spreeblick zu den bekanntesten im deutschsprachigen Raum zählt und bereits mit einem "Grimme Online Award" ausgezeichnet wurde, sowie der Agentur "newthinking communications", hinter der unter anderem auch Markus Beckedahl steckt, ein weiteres "Schwergewicht" in der deutschen Blogosphäre. Beckedahl ist in erster Linie für sein Blog netzpolitik.org bekannt, das ebenfalls als sehr einflußreich gilt und viel gelesen wird.
Die Liste der Vortragenden und Workshop-Leitenden liest sich wie ein Who-is-who der deutschen Web-Community. Entsprechend vielseitig ist dann auch das Programm der re:publica.
Am ersten Tag referiert unter anderem Ralf Bendrath über "Identität im Netz", Tim Pritlove über die "Generation MashUp", Torsten Kleinz über "Trolle im Netz", Stefan Niggemeier (BILDblog.de) über die Frage der Notwendigkeit einer Blog-Etikette und Don Dahlmann geht der philosophischen Frage nach, ob wir schon im Netz leben oder nur so tun.
Am zweiten Tag informiert Kurt Jansson über die Zukunft der Wikipedia, Udo Vetter klärt über rechtliche Aspekte beim Bloggen auf, Markus Beckedahl setzt sich mit "Politik 2.0" auseinander, und der "Bad Boy" der deutschen Blogosphäre, Felix Schwenzel (wirres.net), darf natürlich auch nicht mit einem Vortrag fehlen. Das Highlight des Tages ist aber sicherlich Régine Debattys Vorstellung ihres Kult-Blogs We Make Money Not Art! (WMMNA).
Am dritten Tag gibt es dann eine Bloglesung, unter anderem mit MC Winkel, während Constanze Kurz über "Datenschutz im Web 2.0" referiert. Katharina "Lyssa" Borchert (siehe auch hier) geht der Frage nach, ob der viel gepriesene neue Citizen Journalism auch die Bürger bewegt. Schließlich referiert Jörg Kantel (Schockwellenreiter.de) über die Entwicklung der Weblogs in Deutschland.
Eine Tageskarte kostet 20 Euro für einfache Besucher (Unternehmen zahlen 40 Euro). Ein Besuch lohnt sich also nur, wenn man sich gleich mehrere Vorträge anhört bzw. dann vielleicht auch mal an einem der angebotenen Workshops teilnimmt. Tickets für einzelne Veranstaltungen gibt es dagegen nicht, alternativ konnte man sich aber im Vorfeld "akkreditieren". Pro Tag werden jetzt noch 50 Tageskarten zugesichert, im Wiki haben sich aber schon bis zu 80 Leute die Tagestickets vorangemeldet, jetzt noch reinzukommen erscheint daher unwahrscheinlich.
Die Nachfrage nach Tickets übersteigt also deutlich das vorhandene Angebot, es interessieren sich weitaus mehr Personen für die Konferenz, als die Veranstalter je gedacht hätten. Ein klares Indiz, daß die Konferenz ein Erfolg wird und das Themenspektrum offenbar auf viel Interesse stößt. Wer will, kann sein Glück reinzukommen ja trotzdem noch versuchen, es scheint sich wirklich zu lohnen.
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Mittwoch, März 07, 2007
In Memorandum: Jean Baudrillard
Gestern starb der bekannte französische Philosoph und Soziologe Jean Baudrillard, einer der wichtigsten Vertreter der Postmoderne.
Ursprünglich ein Deutschlehrer an einer französischen Oberschule, machte er sich zunächst mit Übersetzungen einen Namen. Parallel studierte er Philosophie und Soziologie und war danach auch für relativ kurze Zeit im akademischen Betrieb tätig, dem er sich aber nie wirklich zugehörig fühlte:
Wie bei Vertretern der Postmoderne nicht ungewöhnlich, gibt es vermutlich selbst unter Experten nur wenige die behaupten können, sie hätten alles verstanden, was Baudrillard verfaßt hat. In der Wikipedia findet sich eine brauchbare wenn auch kurze Zusammenfassung:
In einem Nachruf bei SPON heißt es:
Und in einem weiteren Artikel:
Wie andere Interpreten des Postmodernismus auch geriet Jean Baudrillard im Zuge der sogenannten "Sokal-Affäre" in die Kritik. Der amerikanische Physiker Alan Sokal reichte bei der bekannten Fachzeitschrift "Social Text" einen Fake-Artikel ein, um die Pseudo-Wissenschaftlichkeit der postmodernen Philosophie zu belegen und der Coup gelang ihm:
Einige von Baudrillards Werken waren eine zeitlang bei textz.com online zu lesen, doch dieses legendäre und kontroverse (siehe 2002 und 2004) Website-Projekt verschwand leider (ein Comeback ist angekündigt).
Ursprünglich ein Deutschlehrer an einer französischen Oberschule, machte er sich zunächst mit Übersetzungen einen Namen. Parallel studierte er Philosophie und Soziologie und war danach auch für relativ kurze Zeit im akademischen Betrieb tätig, dem er sich aber nie wirklich zugehörig fühlte:
"Auch den akademischen Institutionen mochte er sich nicht anpassen, sie interessierten ihn einfach ebenso wenig wie die in ihnen aufgeführten Rituale nicht." (Florian Rötzer, Telepolis, 07.03.07)
Wie bei Vertretern der Postmoderne nicht ungewöhnlich, gibt es vermutlich selbst unter Experten nur wenige die behaupten können, sie hätten alles verstanden, was Baudrillard verfaßt hat. In der Wikipedia findet sich eine brauchbare wenn auch kurze Zusammenfassung:
"In 'Requiem für die Medien' entwirft er eine Art 'Anti-Medientheorie'. Seine berühmte Theorie über Simulation und Simulacren beschreibt, dass 'die Bilder der Medien mächtiger und wirklicher geworden sind als die Wirklichkeit selbst' und Freiheit in der Moderne nichts als Schein sei. Offiziell verkündete Werte stellen demnach nur Modelle, Simulationen dar, welche andere Antriebe maskieren. So parodiere Demokratie lediglich die Macht.
Bekannt wurde er vor allem durch seine Untersuchungen zur Bedeutung des Symbolsystems der modernen Gesellschaft. Baudrillards Denken ist bestimmt vom Zeichensystem (Signifikat und Signifikant), in dem Aussagen sich immer mehr von der Wahrheit entfernen, was z. B. die Verführung des Konsumenten möglich macht. Dadurch entsteht ein Raum permanenter Simulation von Realität, die in Hyperrealität (der Auflösung alles Greifbaren, Referentiellen) endet – so wie es etwa in der hinduistischen Vorstellung vom Alles überdeckenden 'Schleier des Maya' umschrieben wird.
Für ihn stehen Objekte in keinerlei symbolischer oder konkreter Beziehung mehr zu den Menschen, die sie umgeben, sondern sie sind 'reine Zeichen': Ein englischer Ledersessel, ein Ascher aus Jade, ein orientalischer Gebetsteppich existieren nicht als Gegenstände des Gebrauchs, sondern sie werden zuvörderst, in ihrer ideellen Dimension als Zeichen konsumiert. Konsumiert wird die Vorstellung von britischer Behaglichkeit, von Reisesouvenirs aus dem Morgenland, nicht das jeweilige Objekt. Der Konsum, so schloss Baudrillard damals, ist eine 'absolut idealistische Praxis'." (Wikipedia)
In einem Nachruf bei SPON heißt es:
"Seit Jahrzehnten predigt er seine These von der Scheinwelt aus Illusionen und Simulationen, die längst zum natürlichen Lebensraum geworden sei. Bilder waren für ihn im schlechtesten Fall so teuflisch wie moderne Götzendarstellungen; auf ihnen werde die Wirklichkeit überblendet und damit ausgelöscht. ("Frankreich trauert um Soziologen Baudrillard", SPON, 07.03.07)
Und in einem weiteren Artikel:
"Spätestens als der zweite Golfkrieg in Form grünstichiger, kaum erkennbarer Nachtaufnahmen über die Mattscheiben flimmerte, war klar: Frankreichs provokantester Kulturkritiker trifft den Nerv der Zeit. Die Wirklichkeit ist von ihrer medialen Repräsentation nicht zu unterscheiden, im Gegenteil: Das Reale ist immer schon Teil eines inszenierten Szenarios.
(...) Grundlegende Idee: So wie sich im Kapitalismus der Tauschwert verselbständigt und vom Gebrauchswert abkoppelt, so haben sich die Zeichen, die Informationen, von ihren Bedeutungen und Gegenständen entfernt. Ideologiekritik musste in der Folge also immer auch Sprachkritik sein - und die durfte keinesfalls so klingen wie der Jargon der Aufklärung, der ja selber nur eine illusionäre Verkleidung der Macht war.
(...) Spannender jedoch als seine Abgesänge auf Demokratie und Subjekt, Staat und Fernsehen ist sein Schreiben selbst. Dieser polemische und radikale Stil, der mit Annahmen und nicht bewiesenen Hypothesen operiert; der nicht darlegen, sondern provozieren will, hat etwas Verführerisches. Und Verführung war für Baudrillard das Mittel, die Strategien der Macht zu durchkreuzen. 'Sie unterläuft die Wahrheit und die Kräfte der Produktion, sie erledigt, parodiert den Sinn und lockt uns ins Spiel', schrieb der Denker. ("Willkommen im Second Life", SPON, 07.03.07)
Wie andere Interpreten des Postmodernismus auch geriet Jean Baudrillard im Zuge der sogenannten "Sokal-Affäre" in die Kritik. Der amerikanische Physiker Alan Sokal reichte bei der bekannten Fachzeitschrift "Social Text" einen Fake-Artikel ein, um die Pseudo-Wissenschaftlichkeit der postmodernen Philosophie zu belegen und der Coup gelang ihm:
"Kurz nach der Veröffentlichung bekannte Sokal in einer anderen Zeitschrift, Lingua Franca, dass es sich bei dem Aufsatz um eine Parodie handle. Er hatte die zusammengesuchten Zitate verschiedener postmoderner Denker mit dem typischen Jargon dieser Denkrichtung zu einem Text montiert, dessen unsinniger Inhalt bei Beachtung wissenschaftlicher Standards, so der Vorwurf an die Herausgeber von Social Text, als solcher hätte erkannt werden müssen." (Wikipedia)
Einige von Baudrillards Werken waren eine zeitlang bei textz.com online zu lesen, doch dieses legendäre und kontroverse (siehe 2002 und 2004) Website-Projekt verschwand leider (ein Comeback ist angekündigt).
Mittwoch, Februar 21, 2007
Except the super-AIDS *rofl*
Linda: Butters, what on earth are you doing??
Butters: Well I think... I'm like the kid in that movie! I-I'm seeing dead people!
Linda: Dead people?
Stephen: Who's seeing dead people?
Butters: Me! I saw a ghost!
Stephen: Now, Butters, there's no such thing as ghosts.
Butters: But I saw him! Just as plain as I'm seein' you right now!
Stephen: Butters, these things happen all the time. You've got a very active little brain and your mind was just playing tricks on you.
Butters: Ruh, really?
Stephen: Yeess.
Butters: So... so it was just... it was... just my ima... magination then?
Stephen: That's right. There's no reason to be afraid of things that aren't real. There's plenty of real things to be scared of. Like super-AIDS.
Butters: Huh s-s-super-AIDS?
Stephen: That's right. A new form of AIDS which is resistant to drugs. Just one teaspoon of super-AIDS in your butt and you're dead in three years.
Butters: AAAH! [drops his flashlight] Oh Jesus.
Stephen: So now you feel better? Ghosts don't exist and there's nothing to be afraid of. Except the super-AIDS.
aus: South Park, Episode 906, The Death Of Eric Cartman
("Super AIDS" ist eine Anspielung auf eine Medien-Hysterie im Frühjahr 2005, als in New York ein Mann angeblich an einer besonders aggressiven Variante des HI-Virus erkrankte; die Existenz des sogenannten "Super AIDS" konnte aber nie wirklich belegt werden. Siehe auch hiv.net)
Butters: Well I think... I'm like the kid in that movie! I-I'm seeing dead people!
Linda: Dead people?
Stephen: Who's seeing dead people?
Butters: Me! I saw a ghost!
Stephen: Now, Butters, there's no such thing as ghosts.
Butters: But I saw him! Just as plain as I'm seein' you right now!
Stephen: Butters, these things happen all the time. You've got a very active little brain and your mind was just playing tricks on you.
Butters: Ruh, really?
Stephen: Yeess.
Butters: So... so it was just... it was... just my ima... magination then?
Stephen: That's right. There's no reason to be afraid of things that aren't real. There's plenty of real things to be scared of. Like super-AIDS.
Butters: Huh s-s-super-AIDS?
Stephen: That's right. A new form of AIDS which is resistant to drugs. Just one teaspoon of super-AIDS in your butt and you're dead in three years.
Butters: AAAH! [drops his flashlight] Oh Jesus.
Stephen: So now you feel better? Ghosts don't exist and there's nothing to be afraid of. Except the super-AIDS.
aus: South Park, Episode 906, The Death Of Eric Cartman
("Super AIDS" ist eine Anspielung auf eine Medien-Hysterie im Frühjahr 2005, als in New York ein Mann angeblich an einer besonders aggressiven Variante des HI-Virus erkrankte; die Existenz des sogenannten "Super AIDS" konnte aber nie wirklich belegt werden. Siehe auch hiv.net)
Dienstag, Januar 23, 2007
Befürworter der Rudi-Dutschke-Straße gewinnen Abstimmung
Wie bereits mehrfach berichtet (18.12.04, 27.02.06, 29.08.06) führt die taz seit Dezember 2004 in Berlin eine Kampagne zur Umbenennung der Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße. Der legendäre Studentenführer der 68er-Bewegung hätte sich seine eigene Straße mehr als verdient, so die taz.
Pikantes Detail: Neben der taz residiert auch die Axel Springer AG an der Kochstraße. Im Fall einer Umbenennung würden dann Rudi-Dutschke-Straße und die bereits bestehende Axel-Springer-Straße an einer Kreuzung aufeinander treffen. Harald Neuber formuliert es wie folgt:
Während sich Springer beim Protest gegen die Umbenennung dezent im Hintergrund hielt, liefen die CDU und einige Anwohner der Kochstraße gegen die Umbenennungspläne Sturm. Auf einer eigens angelegten Website versuchten sie argumentativ darzulegen, warum eine Umbenennung nicht in Frage kommt. Genannt werden "finanzielle, historische und politische Gründe". Mit "finanziell" sind die Kosten für die Bewohner der Straße gemeint, die durch die Umbenennung entstehen, "historisch" bezieht sich auf den Bekanntheitsgrad der Kochstraße über Berlin hinaus (gemeint ist hier vermutlich als traditioneller Sitz diverser Zeitungsredaktionen und Verlage) und auf den "ehrenwerten Bäckermeister Johann Jakob Koch" (obwohl dieser gar kein Bäckermeister war, siehe Tagesspiegel, 21.01.07); "politisch" schließlich bezieht sich auf Dutschkes "Äußerungen und Taten" die ihn "als undemokratischen Revolutionär ausgezeichnet" haben (pro-kochstrasse.de).
Wobei der letzte Aspekt sicherlich im Vordergrund steht. Für viele Konservative ist Rudi Dutschke immer noch ein rotes Tuch, jemand der im schlimmsten Fall für die Radikalisierung der Studentenbewegung hin zur RAF teilverantwortlich ist und im besten Fall einfach nur ein Unruhestifter war. In keinem Fall also jemand, nach dem man eine Straße benennen sollte. Ganz anders natürlich Axel Springer, gegen dessen Presse-Imperium sich Dutschkes Protest ja nicht zuletzt richtete (bekanntlich gab es inbesondere zwischen BILD-Zeitung und Studierenden einen harten Schlagabtausch), der hat bereits seine eigene Straße im Viertel.
Die CDU hat im linken Friedrichshain-Kreuzberg jedoch nur eine marginale Stammwählerschaft. Dies findet auch in der Besetzung der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Ausdruck, in der Grüne und Linkspartei mit ihrer Mehrheit problemlos die Umbenennung beschließen konnten. Da jedoch eine Umbenennung der gesamten Kochstraße auch eine Umbenennung des U-Banhofs Kochstraße bedingt hätte und dies mit gut 100.000 Euro veranschlagt wurde, beließ man es dabei nur ein Teilstück der Kochstraße umzubenennen.
Die CDU gab sich damit jedoch nicht zufrieden und initiierte zunächst ein Bürgerbegehren, für das sie knapp 6.000 Unterschriften im Bezirk sammeln konnte. Dies reichte aus um die nächste Stufe zu veranlassen, einen Bürgerentscheid bei dem alle wahlberechtigen Einwohner von Friedrichshain-Kreuzberg zu einer Abstimmung über die Umbenennung gebeten wurden.
Besagter Bürgerentscheid fand nun am verganenen Sonntag in Friedrichshain-Kreuzberg statt. Von 184.827 Wahlberechtigten beteiligten sich aber nur 30.695 was eine Wahlbeteiligung von 16,8% entspricht. Damit wurde das Abstimmungsquorum (die nötige Mindestbeteiligung) von 15% knapp erreicht. Die von vielen als verwirrend kritisierte Frage lautete:
Wer also die alte Kochstraße beibehalten wollte, mußte mit "Ja" stimmen, wer die Rudi-Dutschke-Straße wollte mußte mit "Nein" votieren. Diese "verkehrte Fragestellung" ist ein Resultat der Tatsache, daß die BVV die Umbenennung schon beschlossen hatte und es im Bürgerentscheid faktisch um die "Rück-Umbenennung" ging.
Von den Wählern votierten 57,1% mit Nein (also für die Rudi-Dutschke-Straße) und 42,9% mit Ja (also für die Kochstraße). Damit hatten die Befürworter der Rudi-Dutschke-Straße gewonnen, wenn auch nicht ganz so eindeutig wie ursprünglich gedacht. Den Gegnern der Umbenennung fiel es sichtlich leichter ihre Anhänger zu mobilisieren, während es der Masse der Einwohner schlicht weg egal war, ob die Straße umbenannt wird oder nicht. Trotzdem gelang es der taz zusammen mit diversen "Politgrößen" aus den Reihen der Grünen genug Leute an die Urnen zu bekommen, um eine Umbenennung durchzusetzen. Der Tagesspiegel berichtet:
War der Aufwand also gerechtfertigt? Einerseits argumentierte die CDU unter anderem, eine Umbenennung sei einfach zu kostspielig. Andererseits brachte sie dann aber einen Bürgerentscheid auf den Weg der den Bezirk gut 200.00 Euro kostete (Telepolis, 22.01.07) -- und damit vermutlich deutlich mehr als die Umbenennung. Dies wäre wenn überhaupt nur dann zu rechtfertigen, wenn sie zu irgend einem Zeitpunkt eine reale Chance gehabt hätte, diese Abstimmung zu gewinnen. Tatsächlich ist es ihr gelungen, ihre Anhängerschaft stärker zu mobilisieren als die Dutschke-Freunde die ihrige -- nur eine wirkliche Chance hatte sie in einem Bezirk in dem die Linke so übermächtig ist zu keinem Zeitpunkt.
Endgültig erledigt ist die Sache damit allerdings immer noch nicht, denn eine Interessengemeinschaft bei der die Axel Springer AG federführend ist, hat schon vor längerem vor dem Berliner Verwaltungsgericht gegen die Umbenennung Klage eingereicht (Telepolis, 22.01.07). So wäre es denkbar, daß sich die Gegner der Rudi-Dutschke-Straße am Ende doch noch durchsetzen.
Pikantes Detail: Neben der taz residiert auch die Axel Springer AG an der Kochstraße. Im Fall einer Umbenennung würden dann Rudi-Dutschke-Straße und die bereits bestehende Axel-Springer-Straße an einer Kreuzung aufeinander treffen. Harald Neuber formuliert es wie folgt:
"Der Antrag auf eine Umbenennung eines Teils der Berliner Kochstraße hatte ursprünglich durchaus seinen Reiz. Schließlich soll die Rudi-Dutschke-Straße künftig an dem Axel-Springer-Hochhaus vorbeiführen, vor dem der Namensgeber als Aktivist des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes einst demonstriert hat. Und wenn der Springer-Konzern eine Straße vor der eigenen Haustür nach seinem Gründer benennen konnte, warum sollte es der taz nicht gelingen, die nahe Kochstraße, in der sie ihre Redaktionsräume hat, Dutschke zu widmen?" (Telepolis, 22.01.07)
Während sich Springer beim Protest gegen die Umbenennung dezent im Hintergrund hielt, liefen die CDU und einige Anwohner der Kochstraße gegen die Umbenennungspläne Sturm. Auf einer eigens angelegten Website versuchten sie argumentativ darzulegen, warum eine Umbenennung nicht in Frage kommt. Genannt werden "finanzielle, historische und politische Gründe". Mit "finanziell" sind die Kosten für die Bewohner der Straße gemeint, die durch die Umbenennung entstehen, "historisch" bezieht sich auf den Bekanntheitsgrad der Kochstraße über Berlin hinaus (gemeint ist hier vermutlich als traditioneller Sitz diverser Zeitungsredaktionen und Verlage) und auf den "ehrenwerten Bäckermeister Johann Jakob Koch" (obwohl dieser gar kein Bäckermeister war, siehe Tagesspiegel, 21.01.07); "politisch" schließlich bezieht sich auf Dutschkes "Äußerungen und Taten" die ihn "als undemokratischen Revolutionär ausgezeichnet" haben (pro-kochstrasse.de).
Wobei der letzte Aspekt sicherlich im Vordergrund steht. Für viele Konservative ist Rudi Dutschke immer noch ein rotes Tuch, jemand der im schlimmsten Fall für die Radikalisierung der Studentenbewegung hin zur RAF teilverantwortlich ist und im besten Fall einfach nur ein Unruhestifter war. In keinem Fall also jemand, nach dem man eine Straße benennen sollte. Ganz anders natürlich Axel Springer, gegen dessen Presse-Imperium sich Dutschkes Protest ja nicht zuletzt richtete (bekanntlich gab es inbesondere zwischen BILD-Zeitung und Studierenden einen harten Schlagabtausch), der hat bereits seine eigene Straße im Viertel.
Die CDU hat im linken Friedrichshain-Kreuzberg jedoch nur eine marginale Stammwählerschaft. Dies findet auch in der Besetzung der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Ausdruck, in der Grüne und Linkspartei mit ihrer Mehrheit problemlos die Umbenennung beschließen konnten. Da jedoch eine Umbenennung der gesamten Kochstraße auch eine Umbenennung des U-Banhofs Kochstraße bedingt hätte und dies mit gut 100.000 Euro veranschlagt wurde, beließ man es dabei nur ein Teilstück der Kochstraße umzubenennen.
Die CDU gab sich damit jedoch nicht zufrieden und initiierte zunächst ein Bürgerbegehren, für das sie knapp 6.000 Unterschriften im Bezirk sammeln konnte. Dies reichte aus um die nächste Stufe zu veranlassen, einen Bürgerentscheid bei dem alle wahlberechtigen Einwohner von Friedrichshain-Kreuzberg zu einer Abstimmung über die Umbenennung gebeten wurden.
Besagter Bürgerentscheid fand nun am verganenen Sonntag in Friedrichshain-Kreuzberg statt. Von 184.827 Wahlberechtigten beteiligten sich aber nur 30.695 was eine Wahlbeteiligung von 16,8% entspricht. Damit wurde das Abstimmungsquorum (die nötige Mindestbeteiligung) von 15% knapp erreicht. Die von vielen als verwirrend kritisierte Frage lautete:
"Das Bezirksamt wird aufgefordert, die Umbenennung eines Teils der Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße zurück zu nehmen." (Bezirkswahlamt Friedrichshain-Kreuzberg, 21.01.07)
Wer also die alte Kochstraße beibehalten wollte, mußte mit "Ja" stimmen, wer die Rudi-Dutschke-Straße wollte mußte mit "Nein" votieren. Diese "verkehrte Fragestellung" ist ein Resultat der Tatsache, daß die BVV die Umbenennung schon beschlossen hatte und es im Bürgerentscheid faktisch um die "Rück-Umbenennung" ging.
Von den Wählern votierten 57,1% mit Nein (also für die Rudi-Dutschke-Straße) und 42,9% mit Ja (also für die Kochstraße). Damit hatten die Befürworter der Rudi-Dutschke-Straße gewonnen, wenn auch nicht ganz so eindeutig wie ursprünglich gedacht. Den Gegnern der Umbenennung fiel es sichtlich leichter ihre Anhänger zu mobilisieren, während es der Masse der Einwohner schlicht weg egal war, ob die Straße umbenannt wird oder nicht. Trotzdem gelang es der taz zusammen mit diversen "Politgrößen" aus den Reihen der Grünen genug Leute an die Urnen zu bekommen, um eine Umbenennung durchzusetzen. Der Tagesspiegel berichtet:
"Während in den Grünen-Hochburgen eine klare Mehrheit für die Rudi-Dutschke-Straße war und in CDU-Hochburgen erwartungsgemäß mit einer ebenso deutlichen Mehrheit dagegen gestimmt wurde, gab es in anderen Wahllokalen Überraschungen. In SPD-Hochburgen beispielsweise fand sich eine Mehrheit für die Kochstraße, und auch in Bezirken, in denen die Linkspartei/PDS in der Vergangenheit Wahlerfolge feierte, fiel das Ergebnis knapp pro Kochstraße aus. Die PDS in der BVV hatte damals für die Umbenennung votiert. Eindeutig fielen das Ergebnis wie die Wahlbeteiligung im Kochstraßen-Viertel aus: Dort waren am Ende 75 Prozent für den alten Namen." (Tagesspiegel, 22.01.07)
War der Aufwand also gerechtfertigt? Einerseits argumentierte die CDU unter anderem, eine Umbenennung sei einfach zu kostspielig. Andererseits brachte sie dann aber einen Bürgerentscheid auf den Weg der den Bezirk gut 200.00 Euro kostete (Telepolis, 22.01.07) -- und damit vermutlich deutlich mehr als die Umbenennung. Dies wäre wenn überhaupt nur dann zu rechtfertigen, wenn sie zu irgend einem Zeitpunkt eine reale Chance gehabt hätte, diese Abstimmung zu gewinnen. Tatsächlich ist es ihr gelungen, ihre Anhängerschaft stärker zu mobilisieren als die Dutschke-Freunde die ihrige -- nur eine wirkliche Chance hatte sie in einem Bezirk in dem die Linke so übermächtig ist zu keinem Zeitpunkt.
Endgültig erledigt ist die Sache damit allerdings immer noch nicht, denn eine Interessengemeinschaft bei der die Axel Springer AG federführend ist, hat schon vor längerem vor dem Berliner Verwaltungsgericht gegen die Umbenennung Klage eingereicht (Telepolis, 22.01.07). So wäre es denkbar, daß sich die Gegner der Rudi-Dutschke-Straße am Ende doch noch durchsetzen.
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Montag, Dezember 18, 2006
Bild und RTL -- Bohlens beste Freunde
"Vielleicht kann man sich in die Lage Bohlens nicht hineinversetzen, wenn man noch nie mit einer Waffe bedroht wurde; wenn einem noch nie 60.000 Euro in bar gestohlen wurden; wenn man noch nie vor der Frage stand, wie man in einer solchen Situation handeln soll: die Ruhe bewahren, Widerstand leisten oder davonlaufen. Vielleicht ist es nach einem solchen Schock eine ganz natürliche Reaktion, das Fernsehen anzurufen und die größte deutsche Boulevardzeitung. Und dennoch kommt man nicht darum herum, sich zu fragen, wie kaputt eigentlich ein Mensch sein muß, der überhaupt nicht nachdenkt, bevor er die mediale Aufbereitung seines Schicksals einleitet; der nicht erst ein paar gute Freunde anruft, mit denen er die Sache bespricht. Was aber das allertraurigste ist: Genau das hat Bohlen wohl getan - vom Nachdenken einmal abgesehen. Die 'Bild'-Zeitung und RTL: Das sind seine besten Freunde." (Harald Staun)
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Donnerstag, Dezember 14, 2006
EU-Kommissar Günter Verheugen -- Ein Nackedei auf Abwegen?
Es gibt plumpe und subtile Versuche, einen Politiker aus dem Amt zu schreiben. Die Variante im Fall des EU-Kommissars Günter Verheugen ist schlicht weg dreist.
Es geht um Fotos von Verheugen die ihn nackt an einem FKK-Strand mit seiner Kabinettschefin Frau Erler zeigen sollen. Der Focus ist angeblich im Besitz dieser Bilder, traut sich aber nicht sie zu veröffentlichen. Was die Bild-Zeitung nicht davon abhält, mit diesen imaginären Fotos Schlagzeilen zu machen. Doch der Reihe nach, die ganze Geschichte begann bereits im Sommer:
Es gab also damals schon Fotos, die Verheugen mit Frau Erler zusammen im Urlaub zeigten -- damals noch bekleidet. Der Vorwurf, Erler sei seine Geliebte und habe ihren Posten aufgrund dieser Tatsache bekommen, ließ sich nicht belegen. Jetzt legte Focus nach und kündigte an, weitere Bilder zu haben, die Verheugen nackt mit Erler an einem FKK-Strand in Litauen zeigen.
Das Problem des Focus: Er kann die Bilder nicht so ohne weiteres veröffentlichen, da sie die Intimsphäre des Politikers betreffen:
Der Focus beläßt es also bis dato dabei mit der Veröffentlichung der Nacktfotos nur zu drohen. Denn legitim wäre deren Veröffentlichung erst, wenn damit bewiesen werden könnte, daß Frau Erler durch ihre persönliche Beziehung zu Verheugen an ihre Position gekommen ist. Genau diese Beweiskraft wohnt den Bildern aber eben nicht inne. Verheugen und Erler betonen nur Freunde zu sein, Verheugens Frau sagt von dem gemeinsamen Urlaub ihres Mannes mit seiner Kabinettschefin gewußt zu haben. Die Bilder bieten Möglichkeit so einiges hineinzuinterpretieren, beweisen tun sie nichts:
Die Tatsache, daß der Focus mit einer Schlagzeilen von Fotos aufmacht, die er gar nicht veröffentlicht, die Bild dann mit einer Story darauf verweist, Focus hätte solche Bilder und die FAZ ebenfalls auf den Zug aufspringt, wird in der linken Presse -- zurecht -- als Skandal gebrandtmarkt. In der taz faßt man den Sachverhalt wie folgt zusammen:
Die taz reagierte auf ihre ganz eigene Art, in dem sie mit einem Titelblatt aufmachte, daß Kai Diekmann (Bild) und Helmut Markwort (Focus) in einer gemeinen Fotomontage nackt am Strand zeigte, Titel: "Focus-Chef Markwort und der bildhübsche Kai -- Mehr als nur Kollegen?"
Es geht um Fotos von Verheugen die ihn nackt an einem FKK-Strand mit seiner Kabinettschefin Frau Erler zeigen sollen. Der Focus ist angeblich im Besitz dieser Bilder, traut sich aber nicht sie zu veröffentlichen. Was die Bild-Zeitung nicht davon abhält, mit diesen imaginären Fotos Schlagzeilen zu machen. Doch der Reihe nach, die ganze Geschichte begann bereits im Sommer:
"Die crossmediale Zusammenarbeit der ungleichen Blätter hatte schon einmal im Sommer funktioniert, ohne allerdings das erhoffte Ergebnis zu erreichen. Damals veröffentlichte Bild Bilder des urlaubenden Verheugen. Sie zeigten den Kommissar Händchen haltend mit seiner Kabinettschefin in Litauen. Die FAZ und einige wenige andere Blätter woben daraus den Vorwurf der Günstlingswirtschaft. Insinuiert wurde, dass Verheugen Frau Erler nur auf den hohen Brüsseler Posten berufen habe, weil er ein Verhältnis mit ihr unterhalte. Beide bestreiten dies bis heute nachdrücklich." (ZEIT online, 08.12.06)
Es gab also damals schon Fotos, die Verheugen mit Frau Erler zusammen im Urlaub zeigten -- damals noch bekleidet. Der Vorwurf, Erler sei seine Geliebte und habe ihren Posten aufgrund dieser Tatsache bekommen, ließ sich nicht belegen. Jetzt legte Focus nach und kündigte an, weitere Bilder zu haben, die Verheugen nackt mit Erler an einem FKK-Strand in Litauen zeigen.
Das Problem des Focus: Er kann die Bilder nicht so ohne weiteres veröffentlichen, da sie die Intimsphäre des Politikers betreffen:
"Frau Erler badet gern nackt. Herr Verheugen normalerweise eher nicht. Sind solche Ganzkörper-Fotos im öffentlichen Interesse? Beweisen sie etwas? Und: Was haben EU-Beamten damit zu? Verheugen hat sich in Brüssel viele Feinde gemacht, als er öffentlich über zu viel EU-Bürokratie klagte.
Der Mann, der einst mal Volontär beim Regionalblatt NRZ war, müht sich seit einer Woche, mit Gerichtshilfe die Publizierung der Nackt-Bilder definitiv zu untersagen; bislang wird nur gedroht. In der Rechtsprechung gehört der nackte Körper zur Intimzone. Als vor einem Jahrzehnt heimlich geschossene Fotos einer Schauspielerin erschienen, sah das Hamburger Oberlandesgericht 'eine schwerwiegende Verletzung es Persönlichkeitsrechts'." (Süddeutsche Zeitung, 08.12.06)
Der Focus beläßt es also bis dato dabei mit der Veröffentlichung der Nacktfotos nur zu drohen. Denn legitim wäre deren Veröffentlichung erst, wenn damit bewiesen werden könnte, daß Frau Erler durch ihre persönliche Beziehung zu Verheugen an ihre Position gekommen ist. Genau diese Beweiskraft wohnt den Bildern aber eben nicht inne. Verheugen und Erler betonen nur Freunde zu sein, Verheugens Frau sagt von dem gemeinsamen Urlaub ihres Mannes mit seiner Kabinettschefin gewußt zu haben. Die Bilder bieten Möglichkeit so einiges hineinzuinterpretieren, beweisen tun sie nichts:
"Grundsätzlich ist an einem FKK-Strand das Fotografieren durch Dritte sowieso tabu. Und auch wenn Verheugen eine Person der Zeitgeschichte sein sollte, ist sein Recht auf Privatsphäre durch das Presserecht geschützt. Nackt ist eindeutig privat. Eine Veröffentlichung kann also nur erfolgen, wenn den Fotos politische Relevanz beigemessen werden könnte." (taz, 09.12.06)
Die Tatsache, daß der Focus mit einer Schlagzeilen von Fotos aufmacht, die er gar nicht veröffentlicht, die Bild dann mit einer Story darauf verweist, Focus hätte solche Bilder und die FAZ ebenfalls auf den Zug aufspringt, wird in der linken Presse -- zurecht -- als Skandal gebrandtmarkt. In der taz faßt man den Sachverhalt wie folgt zusammen:
"Zum Mitschreiben: Der Focus bringt Fotos nicht auf den Markt, wartet die 'Entwicklung' der 'Causa' ab, um dann auf der Grundlage einer Entwicklung, die man durch nichtpublizierte Fotos initiiert hat, zu entscheiden, ob man die Fotos publiziert. Oder ob man sie nun publizieren kann. Das - und das Pingpong mit Bild - hat eine ganz neue Qualität." (taz, 09.12.06)
Die taz reagierte auf ihre ganz eigene Art, in dem sie mit einem Titelblatt aufmachte, daß Kai Diekmann (Bild) und Helmut Markwort (Focus) in einer gemeinen Fotomontage nackt am Strand zeigte, Titel: "Focus-Chef Markwort und der bildhübsche Kai -- Mehr als nur Kollegen?"
Freitag, Dezember 08, 2006
Same procedure as every amok run
Seit dem glücklicherweise noch verhältnismäßig glimpflich ausgegangenen Versuch eines Amoklaufs in Emsdetten (Wikipedia) (es gab bis dato keine Toten), kommt der Begriff nicht mehr aus den Medien: "Killerspiele".
Zwar wurde von der Staatsanwaltschaft "allgemeiner Lebensfrust" als Motiv genannt und der Täter, Sebastian B., hat einen recht ausführlichen Abschiedsbrief hinterlassen (Telepolis, 21.11.06), in dem er seine Beweggründe schildert -- im öffentlichen Diskurs dominierten dennoch schnell wieder die jetzt so getauften "Killerspiele" als DIE Ursache für eine solche Tat schlecht hin.
Statt sich Gedanken darüber zu machen, was die tatsächlichen Gründe für eine solche Irrsinnstat sein können, wälzten sich die Politiker wie immer in solchen Fällen im puren Aktionismus und forderten ein Verbot der "Killerspiele". Niedersachsens Innenminister, Uwe Schünemann (CDU), kündigte eine Bundesratsinitiative zum Verbot gewaltverherrlichender Computerspiele an (heise newsticker, 21.11.06), der bayrische Innenminister Günther Beckstein (CSU) preschte sogar gleich mit einem Gesetzesentwurf vor (SPON, 05.12.06) und bekam als er dafür kritisiert wurde durch den brandenburgischen Innenminister, Jörg Schönbohm (CDU), Schützenhilfe (SPON, 06.12.06).
Same procedure as every amok run. So sah es zunächst aus, doch anders als sonst gingen die aktionistischen Vorschläge diesmal nicht ganz so schnell wieder unter. Grund dafür war auch ein für den 06.12. im Internet angekündigter weiterer Amoklauf in Baden-Württemberg. Das Kultusministerium reagierte panisch und warnte öffentlich einfach alle Schulen, weil es nicht wußte, welche konkret das Ziel sein sollte (SPON, 06.12.06). Der Effekt waren eine Massenhysterie in Baden-Württemberg und Trittbrettfahrer am Folgetag, die sich einen Jux daraus machten im Internet nicht ernstgemeinte Ankündigungen zu verbreiten (SPON, 07.12.06).
Der ursprüngliche "Nikolaus"-Amokläufer hatte seine Tat beim Counter-Strike spielen angekündigt. Ein zunächst als Zielperson ausgemachter 18jähriger Selbstmörder erwies sich jedoch nicht als Täter. Begründung der Ermittler: Auf seinem Computer konnten weder Hinweise auf einen geplanten Amoklauf noch "Killerspiele" festgestellt werden (SPON, 07.11.06).
Wie selbstverständlich wird heute immer eine Kausalität zwischen Amokläufern und "Killernspielen" als gegeben angenommen. Bei Wikipedia können wir jedoch nachlesen:
Es gibt also keinen empirischen Beweis für die These, daß der Konsum von gewaltverherrlichenden Spielen, einen negativen Einfluß auf die Konsumenten hat. Wenn jemand ohnehin psychisch labil ist, ein gewaltaffines Verhalten aufweist, dann ist er natürlich gefährdet sich durch solche Spiele noch weiter in seinen Wahn zu steigern. Die Masse der Jugendlichen die solche "Killerspieler" konsumiert mutiert aber eben nicht zu Amokläufern.
Das Spielen des beliebten Ego-Shooters Counter-Strike ist inzwischen zum Volkssport geworden (SPON, 02.12.06). Gute Spieler verdienen in Turnieren damit ihren Lebensunterhalt, "E-Sport" zählt inzwischen zu den vier mitgliedstärksten Vereinssportarten Deutschlands (polylux, 07.12.06). Auch wenn zu "E-Sport" natürlich nicht nur Ego-Shooter wie Counter-Strike zu zählen sind, wächst die Szene kontinuierlich. Counter-Strike verbieten zu wollen kommt der Idee gleich, Volleyball verbieten zu wollen.
Und selbst wenn Counter-Strike und andere "Killerspiele" verboten wären, was würde das ändern? Die Turniere würden im Ausland stattfinden, die Kids sich die Spiele aus dem Internet organisieren, potentielle Gewalttäter bei Bedarf auch weiterhin einen Zugang zu den Spielen finden. Die tatsächlichen Ursachen für das Durchdrehen der Amokläufer wären weiterhin nicht analysiert, das Problem bliebe weiterhin bestehen.
Besonders bizarre Früchte trägt die Panikmache in den Medien inzwischen in einem ganz anderen Fall: In Cottbus hat ein 19jähriger gestanden, einen Obdachlosen umgebracht zu haben. Als Grund nannte er unter anderem beim Computer spielen ständig verloren zu haben. Sein Spiel der Wahl war allerdings nicht ein typisches "Killerspiel" bei dem man andere Figuren umbringen muß, sondern "SmackDown vs. Raw", ein Wrestling-Spiel. Der Hirnforscher und Gewaltspiele-Kritiker Manfred Spitzer will nun ein Gutachten vorstellen, indem es um die Frage geht, ob "das Spielen solcher Computerspiele Einfluss auf die Schuldfähigkeit des Angeklagten haben könnte" (SPON, 07.12.06). Milderne Umstände aufgrund des Konsums gewaltverherrlichender Computerspiele? Wo führt das hin? Wenn es nach Spitzer geht vermutlich in ein Totalverbot.
Statt eines Verbots sollte lieber die Frage eines verantwortungsvollen Umgangs mit gewaltverrlichenden Spielen diskutiert werden. Zu so einem verantwortungsvollen Umgang würde z.B. auch gehören, daß die Eltern ihren Sprösslingen öfter über die Schulter gucken, was die da eigentlich spielen und den Konsum ggf. einschränken. Vielleicht sollte man sich auch generell intensiver mit der Frage beschäftigen, wie sich diese Amokläufer ihrem Umfeld aus Freunden und Familie derart entziehen konnten.
Da der exzessive Konsum solcher Spiele zudem nicht der eigentliche Grund für die Amoktaten ist, muß auch allgemein einfach mehr in der psychologischen Betreuung von Jugendlichen getan werden. Andiskutiert wird in diesem Kontext auch immer wieder die Etablierung eines Schulpsychologen in jeder Schule. Gleichwohl man am Beispiel der USA sehen kann, daß auch dies nicht der Weisheit letzter Schluß sein kann.
Das Problem auf sog. "Killerspiele" zu reduzieren, deren Verbot dann entscheident zur Verhinderung solcher Taten beitragen soll ist dagegen nicht nur naiv, sondern auch fatal. Denn Scheindiskussionen verhindern immer, daß der eigentliche Kern des Problems angegangen werden kann.
Zwar wurde von der Staatsanwaltschaft "allgemeiner Lebensfrust" als Motiv genannt und der Täter, Sebastian B., hat einen recht ausführlichen Abschiedsbrief hinterlassen (Telepolis, 21.11.06), in dem er seine Beweggründe schildert -- im öffentlichen Diskurs dominierten dennoch schnell wieder die jetzt so getauften "Killerspiele" als DIE Ursache für eine solche Tat schlecht hin.
Statt sich Gedanken darüber zu machen, was die tatsächlichen Gründe für eine solche Irrsinnstat sein können, wälzten sich die Politiker wie immer in solchen Fällen im puren Aktionismus und forderten ein Verbot der "Killerspiele". Niedersachsens Innenminister, Uwe Schünemann (CDU), kündigte eine Bundesratsinitiative zum Verbot gewaltverherrlichender Computerspiele an (heise newsticker, 21.11.06), der bayrische Innenminister Günther Beckstein (CSU) preschte sogar gleich mit einem Gesetzesentwurf vor (SPON, 05.12.06) und bekam als er dafür kritisiert wurde durch den brandenburgischen Innenminister, Jörg Schönbohm (CDU), Schützenhilfe (SPON, 06.12.06).
Same procedure as every amok run. So sah es zunächst aus, doch anders als sonst gingen die aktionistischen Vorschläge diesmal nicht ganz so schnell wieder unter. Grund dafür war auch ein für den 06.12. im Internet angekündigter weiterer Amoklauf in Baden-Württemberg. Das Kultusministerium reagierte panisch und warnte öffentlich einfach alle Schulen, weil es nicht wußte, welche konkret das Ziel sein sollte (SPON, 06.12.06). Der Effekt waren eine Massenhysterie in Baden-Württemberg und Trittbrettfahrer am Folgetag, die sich einen Jux daraus machten im Internet nicht ernstgemeinte Ankündigungen zu verbreiten (SPON, 07.12.06).
Der ursprüngliche "Nikolaus"-Amokläufer hatte seine Tat beim Counter-Strike spielen angekündigt. Ein zunächst als Zielperson ausgemachter 18jähriger Selbstmörder erwies sich jedoch nicht als Täter. Begründung der Ermittler: Auf seinem Computer konnten weder Hinweise auf einen geplanten Amoklauf noch "Killerspiele" festgestellt werden (SPON, 07.11.06).
Wie selbstverständlich wird heute immer eine Kausalität zwischen Amokläufern und "Killernspielen" als gegeben angenommen. Bei Wikipedia können wir jedoch nachlesen:
"Bisher ist ein eindeutiger wissenschaftlicher Beweis, dass Computerspiele einen immer gleichen, konstant negativen Einfluss auf den Konsumenten haben, ausgeblieben. Mittlerweile gibt es einen dritten, weitaus komplexeren Ansatz, nämlich, dass die Auswirkungen der Gewalt in Computerspielen vom konsumierenden Individuum bzw. seiner sozialen Situation abhängen. Diese These postuliert, dass ein familiär und sozial, d.h. freundschaftlich gebundener Mensch, der idealerweise auch mit Beruf, Ausbildung oder Schule zufrieden ist, viel eher allein aus dem Unterhaltungswert eines Computerspiels Nutzen zieht, als ein isolierter, unzufriedener Spieler, der eher am Aspekt der Brutalität eines Spiels Gefallen findet." (Wikipedia)
Es gibt also keinen empirischen Beweis für die These, daß der Konsum von gewaltverherrlichenden Spielen, einen negativen Einfluß auf die Konsumenten hat. Wenn jemand ohnehin psychisch labil ist, ein gewaltaffines Verhalten aufweist, dann ist er natürlich gefährdet sich durch solche Spiele noch weiter in seinen Wahn zu steigern. Die Masse der Jugendlichen die solche "Killerspieler" konsumiert mutiert aber eben nicht zu Amokläufern.
Das Spielen des beliebten Ego-Shooters Counter-Strike ist inzwischen zum Volkssport geworden (SPON, 02.12.06). Gute Spieler verdienen in Turnieren damit ihren Lebensunterhalt, "E-Sport" zählt inzwischen zu den vier mitgliedstärksten Vereinssportarten Deutschlands (polylux, 07.12.06). Auch wenn zu "E-Sport" natürlich nicht nur Ego-Shooter wie Counter-Strike zu zählen sind, wächst die Szene kontinuierlich. Counter-Strike verbieten zu wollen kommt der Idee gleich, Volleyball verbieten zu wollen.
Und selbst wenn Counter-Strike und andere "Killerspiele" verboten wären, was würde das ändern? Die Turniere würden im Ausland stattfinden, die Kids sich die Spiele aus dem Internet organisieren, potentielle Gewalttäter bei Bedarf auch weiterhin einen Zugang zu den Spielen finden. Die tatsächlichen Ursachen für das Durchdrehen der Amokläufer wären weiterhin nicht analysiert, das Problem bliebe weiterhin bestehen.
Besonders bizarre Früchte trägt die Panikmache in den Medien inzwischen in einem ganz anderen Fall: In Cottbus hat ein 19jähriger gestanden, einen Obdachlosen umgebracht zu haben. Als Grund nannte er unter anderem beim Computer spielen ständig verloren zu haben. Sein Spiel der Wahl war allerdings nicht ein typisches "Killerspiel" bei dem man andere Figuren umbringen muß, sondern "SmackDown vs. Raw", ein Wrestling-Spiel. Der Hirnforscher und Gewaltspiele-Kritiker Manfred Spitzer will nun ein Gutachten vorstellen, indem es um die Frage geht, ob "das Spielen solcher Computerspiele Einfluss auf die Schuldfähigkeit des Angeklagten haben könnte" (SPON, 07.12.06). Milderne Umstände aufgrund des Konsums gewaltverherrlichender Computerspiele? Wo führt das hin? Wenn es nach Spitzer geht vermutlich in ein Totalverbot.
Statt eines Verbots sollte lieber die Frage eines verantwortungsvollen Umgangs mit gewaltverrlichenden Spielen diskutiert werden. Zu so einem verantwortungsvollen Umgang würde z.B. auch gehören, daß die Eltern ihren Sprösslingen öfter über die Schulter gucken, was die da eigentlich spielen und den Konsum ggf. einschränken. Vielleicht sollte man sich auch generell intensiver mit der Frage beschäftigen, wie sich diese Amokläufer ihrem Umfeld aus Freunden und Familie derart entziehen konnten.
Da der exzessive Konsum solcher Spiele zudem nicht der eigentliche Grund für die Amoktaten ist, muß auch allgemein einfach mehr in der psychologischen Betreuung von Jugendlichen getan werden. Andiskutiert wird in diesem Kontext auch immer wieder die Etablierung eines Schulpsychologen in jeder Schule. Gleichwohl man am Beispiel der USA sehen kann, daß auch dies nicht der Weisheit letzter Schluß sein kann.
Das Problem auf sog. "Killerspiele" zu reduzieren, deren Verbot dann entscheident zur Verhinderung solcher Taten beitragen soll ist dagegen nicht nur naiv, sondern auch fatal. Denn Scheindiskussionen verhindern immer, daß der eigentliche Kern des Problems angegangen werden kann.
Freitag, November 17, 2006
Wikipedia in der Defensive
"Aber was, wenn da etwas Schwerwiegendes über jemanden behauptet wird, und er kann sich nicht so ohne weiteres Gehör verschaffen? Schnell wird der Einzelne Opfer des Mobs; die Gefahr von Wiki-Lynchjustiz halte ich für sehr real. In der Wikipedia-Welt bestimmen jene die Wahrheit, die am stärksten besessen sind. Dahinter steckt der Narzissmus all dieser kleinen Jungs, die der Welt ihren Stempel aufdrücken wollen, ihre Initialen an die Mauer sprayen, aber gleichzeitig zu feige sind, ihr Gesicht zu zeigen."
Derart hart urteilt der "Digitalvisionär" Jaron Lanier im Interview mit dem SPIEGEL über Wikipedia. "Die schlimmste [Idee] ist der Glaube an die sogenannte Weisheit der Massen, die im Internet ihre Vollendung finde", so Lanier weiter. Ich habe zwar auch so meine Probleme mit der "Weisheit der Massen", glaube aber nicht, daß Wikipedia dafür das richtige Beispiel ist.
Das interessante am Phänomen Wikipedia ist ja gerade, daß mit dem Wiki-Prinzip so viele qualitativ hochwertige Artikel entstanden sind, die den Vergleich mit Standard-Enzyklopädien wie dem Brockhaus nicht scheuen müssen. Natürlich finden sich nach wie vor viele Artikel die Schrott sind und bevor man Infos aus der Wikipedia für wahr nimmt, sollte man sie immer noch mal prüfen. Unterm Strich findet man aber ein breites Angebot an Wissen und Informationen, das einem oft weiterhilft.
Die Kritiken sind bei genauer Betrachung meistens schwach, so trägt Laniers Argument, die Wikipedia-Autoren würden sich hinter ihrer Anonymität verstecken, wenig. Tatsächlich treffen sich ja viele Stamm-User ganz real und nicht wenige verwenden auch im Netz ihren tatsächlichen Namen. Selbst wenn sie sich aber auf die Verwendung eines Pseudonyms beschränken, führt das nicht zu einem Mangel an Verantwortlichkeit ("Wer unsichtbar ist, ist unangreifbar. Die Wahrheit hingegen bekommen Sie nur mit Verantwortlichkeit"). Viele dieser anonymen Autoren übernehmen ja nicht zuletzt dadurch Verantwortung, daß sie falsche oder schlicht weg blödsinnige Informationen wieder entfernen bzw. ersetzen. Natürlich besteht zwischen den Begriffen Verantwortung und Verantwortlichkeit ein Unterschied, aber selbst wenn der ursprüngliche Autor wegen seiner Anomymität (die ja oft auch nur vermeintlich existiert) nicht verantwortlich gemacht werden kann, übernehmen andere ebenfalls anonyme Autoren insofern Verantwortung, als daß sie den Blödsinn umgehend löschen, da sie sich dem Projekt und seinen Idealen verpflichtet fühlen. Und ob der Vandalismus unter dem Wikipedia leidet besser in den Griff zu kriegen wäre, wenn jeder Veränderungen nur noch unter seiner Reallife-Identität vornehmen könnte? Das größere Problem sind ja nicht die bewußt falschen Artikel, sondern die unbewußten (d.h., der Autor ist sich nicht darüber im Klaren, was für einen Unsinn er schreibt). Dagegen würde auch kein Zwang die eigene Reallife-Identität zu offenbaren helfen.
Dennoch wird die Kritik in den Medien an Wikipedia immer lauter, seit man auch dort begriffen hat, daß das Wiki-Prinzip natürlich potentiell auch offen für Manipulationen ist. Jeder nicht sofort berichtigte Falscheintrag mutiert auf einmal zum Beleg dafür, daß die Wikipedia nicht viel taugt. Erst vor kurzem griff die Süddeutsche Zeitung die Problematik auf und baute absichtlich Fehler in Wikipedia-Einträge ein, um zu sehen wie viele davon gefunden würden und wie lange es dauert. Von 17 Falschinformationen deckte die Wikipedia-Community aber 12 auf, noch bevor die SZ ihren "Skandalartikel" abdruckte, eine noch passable Quote.
Besonders dreist mutet allerdings die neue "Wiki-Fehlia"-Kampagne der Bild-Zeitung an. Ausgerechnet Deutschlands größtes Boulevard-Blatt, berühmt berüchtigt für seine Falschinformationen (siehe BILDblog), rief seine Leser dazu auf, in der "Wiki-Fehlia" nach Fehlern zu suchen und diese dann Bild zu melden. Schließlich berichtete Bild dann über "Schmutz-Einträge", erstes "Promi-Opfer" sei Dieter Thomas Heck, über den in der Wikipedia unter anderem zu lesen war, er hätte "nach einem Bombenangriff drei Tage lang onanierend unter einer Kellertreppe" gelegen. Erstens handelt es sich bei dieser Information recht offensichtlich um einen pubertären Scherz, zweitens wurde der Unsinn zügig wieder aus dem Eintrag entfernt (wie Bild selber einräumt) und drittens wurde die Falschinformation just an dem Tag in die Wikipedia eingetragen, an dem die Bild-Zeitung öffentlich dazu aufgerufen hatte nach Fehlern in der Wikipedia zu suchen, wie BILDblog herausgearbeitet hat.
Nüchtern betrachtet sind das alles recht müde Skandalisierungs-Versuche. Entgegen den vielen Unkenrufen klappt das in der Wikipedia mit dem Ausfiltern von Falschinformationen und dem Hervorbringen von qualitativ brauchbaren Artikeln recht gut. Natürlich wird es immer wieder Fehler geben, die den zahlreichen Autoren nicht auffallen und dann unter Umständen länger in einem Artikel bestehen oder die wegen einer kontroversen Diskussion lange brauchen, bevor sie endgültig verschwunden sind. Nur solange man Informationen aus Wikipedia-Artikeln nicht automatisch als unumstößliche Wahrheit betrachtet, sollte das kein Problem sein.
Sonntag, November 05, 2006
Gegen die Wand
arte zeigt am morgigen Montag den 06.11.06 um 0:15 Uhr (Nacht von Montag auf Dienstag) den preisgekrönten Spielfilm "Gegen die Wand" des türkischstämmigen Deutschen Fatih Akin. Der Film erhielt unter anderem den Goldenen Bären auf der Berlinale 2004 und fünf Lolas in Gold des Deutschen Filmpreises.
Cahit (Birol Ünel), ein Deutschtürke Anfang 40 der in Hamburg lebt, ist seit dem Tod seiner Frau depressiv und dem Alkohol verfallen. Zu Beginn des Films versucht er sich umzubringen, indem er gegen eine Wand fährt. In der Psychiatrie lernt er die junge Deutschtürkin Sibel (Sibel Kekilli) kennen, die ebenfalls versucht hat Suizid zu begehen, da sie sich von ihrer traditionell-konservativen Familie eingeengt sieht.
Mit diesem inzwischen legendären Zitat eröffnet die quirlige Sibel Cahit, daß er sie doch zum Schein heiraten möge, damit sie endlich ihren Durst nach Leben stillen kann. Falls nicht, so Sibel, würde sie erneut versuchen sich umzubringen (was sie dann auch tatsächlich versucht). Der stets grummelige und ungehaltene Cahit lehnt zunächst ab, willigt dann aber doch ein. Zusammen mit seinem besten Kumpel, den er für seinen Onkel ausgibt, wird er bei Sibels Familie vorstellig und erhält schließlich deren Einverständnis zur Heirat.
SPOILER WARNING
Zunächst läuft alles nach Plan, Sibel lebt ihr wildes, promiskes Wunschleben und Cahit schläft regelmässig mit einer alten Freundin. So leben Sibel und Cahit zwar zusammen in einer Wohnung, ihre Ehe bleibt wie verabredet aber nur Schein. Vorsichtige Annäherungsversuche durch Sibel die mehr über Cahit erfahren möchte, fruchten nicht, da dieser jedesmal ausrastet, wenn man ihn auf seine Vergangenheit anspricht und sich ansonsten nur dem Alkohol hingibt.
Doch Cahit muß einsehen, daß er sich doch in Sibel verliebt hat. Zuzusehen wie sie mit anderen Männern verschwindet, fällt ihm zunehmend schwer. Er sagt jedoch nichts. Auch Sibel kaschiert ihre Eifersucht, nachdem sie erfahren hat, daß Cahit mit seiner alten Freundin schläft. Als Sibel aus Wut über Cahit Nico, einen Bekannten von Cahit, abweist, der sich von ihr mehr erhofft hatte als nur einen One-Nigh-Stand, kommt es zum Eklat: betrunken zieht Nico später in einer Bar -- und in Anwesenheit von Cahit -- über Sibel her. Was sie eigentlich für eine Beziehung führen würden, warum er kein Problem damit habe wenn seine Frau in der Gegend rumvögelt, ob er ihr Zuhälter sei, etc. Cahit bleibt zunächst ruhig, erträgt Nicos Pöbeleien scheinbar stoisch. Doch dann bricht es plötzlich aus ihm heraus und er tötet Nico mit einem einzigen Schlag mit einer Bierflasche. Er wird wegen Totschlags verurteilt und muß ins Gefängnis.
Die Boulevard-Presse greift die Geschichte auf und Sibels Scheinehe fliegt auf, jeder weiß jetzt, daß sie mehrere Männerbekanntschaften hatte. Ihr Vater verstößt sie, von ihrem Bruder wird sie gejagt. Schließlich geht sie nach Istanbul wo ihre weltoffene, einige Jahre ältere Cousine Selma ein Single-Leben lebt. Doch schnell empfindet Sibel für Selma, die sie früher immer bewunderte, nur noch Verachtung. Denn Selma lebt das Leben eines Workaholics, sie arbeitet von früh bis spät in einem Hotel, mit dem Ziel, es eines Tages übernehmen zu können. Zeit für ein Privatleben bleibt da nicht. Anders als die lebenshungrige Sibel, geht Selma nie aus.
Schließlich zieht Sibel bei Selma aus und kommt bei einem Barkeeper unter, der sie aber auch nur ausnutzt. Sie tanzt, trinkt und vögelt mehr denn je, doch hat mit einer starken inneren Leere zu kämpfen, die nur Cahit zu füllen in der Lage war. Ihren selbstzerstörerischen Tiefpunkt erreicht sie, als sie nachts betrunken in einer dunklen Istanbuler Gasse drei ebenfalls betrunkene Männer so sehr provoziert, daß die sie zunächst zusammenschlagen und -- nachdem sie immer noch nicht Ruhe gibt -- anschließend niederstechen. Diese Eskalation wurde von Sibel bewußt herbeigeführt, doch sie überlebt knapp.
Im Gefängnis in Deutschland ist es seine Liebe zu Sibel, die Cahit nach eigenem Bekunden am Leben erhält. Er wandelt sich, gibt das Trinken auf, wird ein anderer Mensch. Nachdem er aus dem Gefängnis entlassen ist, zieht es ihn sofort nach Istanbul zu Sibel. Doch auch diese hat sich inzwischen gewandelt, hat wieder geheiratet und mit ihrem Ehemann eine Tochter. Sie bleibt mit Rücksicht auf ihre neue Familie zunächst auf Distanz zu Cahit, doch ihre Liebe ist so intensiv wie eh und je, in einem Hotelzimmer geben sie sich einander schließlich hin. Cahit plant zusammen mit Sibel und dem Kind in einen anderen Teil der Türkei zu verschwinden, aus dem er, Cahit, ursprünglich stammt. Sibel willigt zunächst ein, erscheint aber nicht zum vereinbarten Treffpunkt, weil sie ihr neues Leben nicht aufgeben will, den Vater ihres Kindes nicht verlassen möchte. So muß Cahit unverrichteter Dinge allein von dannen ziehen.
"Gegen die Wand" ist ein unglaublich intensiver Film, voller Leidenschaft und Selbstzerstörung, die beide Hauptakteure gleichermaßen auszeichnet. Brillant gespielt und inszeniert ist er für jeden Cineasten ein Muß. In der Wikipedia wird das treffend ausgedrückt:
Interessanter Weise gibt es zudem viele Übereinstimmungen zwischen Sibel der Filmfigur und Sibel Kekilli der Schauspielerin. Nachdem der Film den Goldenen Bären erhalten hatte, wühlte die Bild-Zeitung und fand heraus, daß Sibel Kekilli vorher eine Pornodarstellerin gewesen war. Das Thema wurde wochenlang ausgeschlachtet, Bild und andere Boulevard Medien starteten eine der häßlichsten Kampagnen die man bis dahin gesehen hatte und führten Kekilli an den Rand eines Zusammenbruchs. Der Presserat stellte fest, daß Bild die Menschenwürde verletzt. Ebenso wie die Familie im Film mit Sibel bricht, als sie aus der Zeitung erfahren muß, was für ein Leben diese geführt hat, so führte die "Aufarbeitung" von Sibels Pornovergangenheit auch in der Realität dazu, daß sie von ihrem Vater verstoßen wurde und er mit ihr nichts mehr zu tun haben will (siehe FAZ-Interview, 23.02.04).
Auch das im Film grundsätzlich thematisierte Problem, von jungen türkischstämmigen Frauen, die zwar in Deutschland geboren sind aber nach traditionellen, konservativen, muslimischen Regeln erzogen werden, ist ja durchaus real. Irgendwann kommt es zwangsläufig zu einem Zusammenstoß der durch die Außenwelt vermittelten westlich-emanzipatorisch-liberalen Werte mit den traditonellen, familien-internen Werten. Auch hier trifft der Film den Zahn der Zeit und wirkt authentisch.
Insgesamt ein wirklich sehenswerte Film, der seine Auszeichnungen zurecht erhalten hat. Wer die deutsche Erstaustrahlung bei arte in der letzten Woche verpaßt hat, sollte sich unbedingt die Wiederholung am morgigen Montag um 0:15 geben.
Cahit (Birol Ünel), ein Deutschtürke Anfang 40 der in Hamburg lebt, ist seit dem Tod seiner Frau depressiv und dem Alkohol verfallen. Zu Beginn des Films versucht er sich umzubringen, indem er gegen eine Wand fährt. In der Psychiatrie lernt er die junge Deutschtürkin Sibel (Sibel Kekilli) kennen, die ebenfalls versucht hat Suizid zu begehen, da sie sich von ihrer traditionell-konservativen Familie eingeengt sieht.
"Ich will leben, ich will tanzen, ich will ficken. Und nicht nur mit einem Typen."
Mit diesem inzwischen legendären Zitat eröffnet die quirlige Sibel Cahit, daß er sie doch zum Schein heiraten möge, damit sie endlich ihren Durst nach Leben stillen kann. Falls nicht, so Sibel, würde sie erneut versuchen sich umzubringen (was sie dann auch tatsächlich versucht). Der stets grummelige und ungehaltene Cahit lehnt zunächst ab, willigt dann aber doch ein. Zusammen mit seinem besten Kumpel, den er für seinen Onkel ausgibt, wird er bei Sibels Familie vorstellig und erhält schließlich deren Einverständnis zur Heirat.
SPOILER WARNING
Zunächst läuft alles nach Plan, Sibel lebt ihr wildes, promiskes Wunschleben und Cahit schläft regelmässig mit einer alten Freundin. So leben Sibel und Cahit zwar zusammen in einer Wohnung, ihre Ehe bleibt wie verabredet aber nur Schein. Vorsichtige Annäherungsversuche durch Sibel die mehr über Cahit erfahren möchte, fruchten nicht, da dieser jedesmal ausrastet, wenn man ihn auf seine Vergangenheit anspricht und sich ansonsten nur dem Alkohol hingibt.
Doch Cahit muß einsehen, daß er sich doch in Sibel verliebt hat. Zuzusehen wie sie mit anderen Männern verschwindet, fällt ihm zunehmend schwer. Er sagt jedoch nichts. Auch Sibel kaschiert ihre Eifersucht, nachdem sie erfahren hat, daß Cahit mit seiner alten Freundin schläft. Als Sibel aus Wut über Cahit Nico, einen Bekannten von Cahit, abweist, der sich von ihr mehr erhofft hatte als nur einen One-Nigh-Stand, kommt es zum Eklat: betrunken zieht Nico später in einer Bar -- und in Anwesenheit von Cahit -- über Sibel her. Was sie eigentlich für eine Beziehung führen würden, warum er kein Problem damit habe wenn seine Frau in der Gegend rumvögelt, ob er ihr Zuhälter sei, etc. Cahit bleibt zunächst ruhig, erträgt Nicos Pöbeleien scheinbar stoisch. Doch dann bricht es plötzlich aus ihm heraus und er tötet Nico mit einem einzigen Schlag mit einer Bierflasche. Er wird wegen Totschlags verurteilt und muß ins Gefängnis.
Die Boulevard-Presse greift die Geschichte auf und Sibels Scheinehe fliegt auf, jeder weiß jetzt, daß sie mehrere Männerbekanntschaften hatte. Ihr Vater verstößt sie, von ihrem Bruder wird sie gejagt. Schließlich geht sie nach Istanbul wo ihre weltoffene, einige Jahre ältere Cousine Selma ein Single-Leben lebt. Doch schnell empfindet Sibel für Selma, die sie früher immer bewunderte, nur noch Verachtung. Denn Selma lebt das Leben eines Workaholics, sie arbeitet von früh bis spät in einem Hotel, mit dem Ziel, es eines Tages übernehmen zu können. Zeit für ein Privatleben bleibt da nicht. Anders als die lebenshungrige Sibel, geht Selma nie aus.
Schließlich zieht Sibel bei Selma aus und kommt bei einem Barkeeper unter, der sie aber auch nur ausnutzt. Sie tanzt, trinkt und vögelt mehr denn je, doch hat mit einer starken inneren Leere zu kämpfen, die nur Cahit zu füllen in der Lage war. Ihren selbstzerstörerischen Tiefpunkt erreicht sie, als sie nachts betrunken in einer dunklen Istanbuler Gasse drei ebenfalls betrunkene Männer so sehr provoziert, daß die sie zunächst zusammenschlagen und -- nachdem sie immer noch nicht Ruhe gibt -- anschließend niederstechen. Diese Eskalation wurde von Sibel bewußt herbeigeführt, doch sie überlebt knapp.
Im Gefängnis in Deutschland ist es seine Liebe zu Sibel, die Cahit nach eigenem Bekunden am Leben erhält. Er wandelt sich, gibt das Trinken auf, wird ein anderer Mensch. Nachdem er aus dem Gefängnis entlassen ist, zieht es ihn sofort nach Istanbul zu Sibel. Doch auch diese hat sich inzwischen gewandelt, hat wieder geheiratet und mit ihrem Ehemann eine Tochter. Sie bleibt mit Rücksicht auf ihre neue Familie zunächst auf Distanz zu Cahit, doch ihre Liebe ist so intensiv wie eh und je, in einem Hotelzimmer geben sie sich einander schließlich hin. Cahit plant zusammen mit Sibel und dem Kind in einen anderen Teil der Türkei zu verschwinden, aus dem er, Cahit, ursprünglich stammt. Sibel willigt zunächst ein, erscheint aber nicht zum vereinbarten Treffpunkt, weil sie ihr neues Leben nicht aufgeben will, den Vater ihres Kindes nicht verlassen möchte. So muß Cahit unverrichteter Dinge allein von dannen ziehen.
"Gegen die Wand" ist ein unglaublich intensiver Film, voller Leidenschaft und Selbstzerstörung, die beide Hauptakteure gleichermaßen auszeichnet. Brillant gespielt und inszeniert ist er für jeden Cineasten ein Muß. In der Wikipedia wird das treffend ausgedrückt:
"Der Film verarbeitet zwei große Themen brillant: Da ist zunächst die Frage nach der Identität des türkischstämmigen Einwanderers Cahit, der seit dreißig Jahren in Deutschland lebt, und der jungen türkischen Frau, die in Deutschland geboren und umgeben von einer weltoffenen deutschen Gesellschaft traditionell türkisch erzogen wurde (...) Das zweite Thema ist die Liebesgeschichte zwischen Cahit und Sibel, die reich an Gefühlen und Wirrungen, an Missverständnissen und falschen Vorstellungen ist." (Wikipedia)
Interessanter Weise gibt es zudem viele Übereinstimmungen zwischen Sibel der Filmfigur und Sibel Kekilli der Schauspielerin. Nachdem der Film den Goldenen Bären erhalten hatte, wühlte die Bild-Zeitung und fand heraus, daß Sibel Kekilli vorher eine Pornodarstellerin gewesen war. Das Thema wurde wochenlang ausgeschlachtet, Bild und andere Boulevard Medien starteten eine der häßlichsten Kampagnen die man bis dahin gesehen hatte und führten Kekilli an den Rand eines Zusammenbruchs. Der Presserat stellte fest, daß Bild die Menschenwürde verletzt. Ebenso wie die Familie im Film mit Sibel bricht, als sie aus der Zeitung erfahren muß, was für ein Leben diese geführt hat, so führte die "Aufarbeitung" von Sibels Pornovergangenheit auch in der Realität dazu, daß sie von ihrem Vater verstoßen wurde und er mit ihr nichts mehr zu tun haben will (siehe FAZ-Interview, 23.02.04).
Auch das im Film grundsätzlich thematisierte Problem, von jungen türkischstämmigen Frauen, die zwar in Deutschland geboren sind aber nach traditionellen, konservativen, muslimischen Regeln erzogen werden, ist ja durchaus real. Irgendwann kommt es zwangsläufig zu einem Zusammenstoß der durch die Außenwelt vermittelten westlich-emanzipatorisch-liberalen Werte mit den traditonellen, familien-internen Werten. Auch hier trifft der Film den Zahn der Zeit und wirkt authentisch.
Insgesamt ein wirklich sehenswerte Film, der seine Auszeichnungen zurecht erhalten hat. Wer die deutsche Erstaustrahlung bei arte in der letzten Woche verpaßt hat, sollte sich unbedingt die Wiederholung am morgigen Montag um 0:15 geben.
Freitag, Oktober 27, 2006
Zum Totenschädel-Skandal
Unverhältnismäßige Skandalisierung
Die Hysterie in den Medien ist angesichts immer wieder neu auftauchender Totenschädel-Fotos der Bundeswehr zur Zeit immens. Trotz des unbestrittenen Fehlverhaltens der betroffenen Soldaten stellt sich allerdings die Frage, inwieweit die Reaktion darauf noch verhältnismäßig ist.
Und zwar insbesondere dann, wenn man sich mal ansieht, was zeitgleich so alles in Afghanistan abläuft. So hat die Taliban zwar Vergeltung angekündigt -- nicht aber etwa wegen der Bundeswehr-Fotos, sondern für den Tod zahlreicher Zivlisten im Südosten des Landes:
Während diese Tötung von afghanischen Zivilisten durch die Isaf-Truppen aber in den Medien kaum Beachtung findet, ist das Geschrei riesig, wenn ein Soldat seinen Pullermann neben einem Schädelknochen ablichten läßt.
Fast könnte man meinen, es sei ethisch verwerflicher neben menschlichen Knochen zu posieren als z.B. durch Unvermögen Unschuldige zu töten. Ähnlich bringt das der Karikaturist Klaus Stuttmann in der taz auf den Punkt: In der Karikatur vom Freitag sind sterbende Soldaten zu sehen, jeweils mit der Bildunterschrift "Das ist nicht pervers", nur der letzte Soldat, der unverletzt ist und einen Totenschädel in der Hand hält, ist "pervers".
Wirklich schlimm wäre es gewesen, wenn die Bundeswehr Menschen mißhandelt oder gar Unschuldige umgebracht hätte. Ein solches Fehlverhalten hätten dann in der Tat eine Empörungswelle gerechtfertigt, wie wir sie zur Zeit erleben. Aber darum geht es in diesem Fall ja nicht. Es geht um die sterblichen Überreste von Menschen, nicht um lebende Menschen. Da besteht, trotz der natürlich berechtigten Kritk am Verhalten der Soldaten, immer noch ein gewichtiger Unterschied.
Die "Totenschädel-Vorgänge" in Afghanistan sind ein Skandal, aber sie sind nicht der "Über-Skandal" zu dem die deutsche Presselandschaft sie hypt. Da wäre es wünschenswert, man würde das Augenmerk auf viel größere Skandale lenken, wie etwa dem oben angesprochenen Tod von Zivilisten während eines Isaf-Angriffs oder dem Tod von Isaf-Soldaten während eines insgesamt fragwürdigen Einsatzes am Hindukusch.
Totenruhe wirklich gestört?
Ob tatsächlich ein Straftatbestand nach § 168 StGB ("Störung der Totenruhe", siehe auch Wikipedia) vorliegt, ist zudem bis dato immer noch nicht ganz klar. Reiner Sörries, Geschäftsführer der "Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal" (AFD), sagte gegenüber SPON:
Ob das die Juristerei genauso sieht, wird sich noch zeigen. Die Staatsanwaltschaft München hat jedenfalls gegen den ersten der identifizierten Soldaten Ermittlungen aufgenommen.
Nach gegenwärtigem Erkenntnissstand haben die Täter die Knochen zumindest nicht irgendwo auf einem Friedhof ausgegraben, sondern sie anscheinend irgendwo in einer offenen Grube am Straßenrand liegen sehen. Offenbar sind vor ihnen also schon andere pietätlos mit diesen menschlichen Überresten umgegangen. Gut, das macht die Tat der Soldaten natürlich auch nicht besser, aber es besteht hier schon noch ein qualitativer Unterschied zu z.B. Nekrophilen, die Nachts auf Friedhöfen gezielt Leichen ausbuddeln um sich an ihnen zu vergehen.
Erklärungsansätze für das Fehlverhalten
Wie es dazu nun dazu kommen konnte, daß einige Bundeswehrsoldaten ein derartiges Fehlverhalten an den Tag legen konnten, versucht der Verhaltensbiologe Wulf Schiefenhövel zu erklären
Wenn der Soldat also endlich mal jemanden hätte, dem er eine Kugel in den Kopf jagen könnte, dann müßte er nicht mit den Gebeinen Dritter posieren. Ganz toll. Und außerdem fällt er in ein archaisch-pubertäres Showverhalten zurück, weil "risky young males" das nun mal so machen. Ach so.
Andererseits wären Soldaten, die zu viel über ihr eigenes Handeln reflektieren vermutlich unbrauchbar, sie liefen Gefahr im falschen Moment zu zögern und wären dann tot. Man braucht zum Krieg führen also ein Typ Mann, der linear denkt, sich bis zu einem bestimmten Grad seinen Machismen hingibt und immer genug Testosteron-Reserven hat. Wenn dann aber mal einige negative, gesellschaftliche "Nebenwirkungen" dieses Typs Mann an die Oberfläche kommen, ist die Empörung groß.
Wahrscheinlichkeit eines Terror-Anschlags erhöht?
Neben der Empörung über das pietätlose Verhalten der betroffenen Bundeswehr-Soldaten geht es natürlich auch um die Frage, ob durch das Veröffentlichen der Fotos die Wahrscheinlichkeit gestiegen ist, daß die Soldaten in Afghanistan oder gar die Bevölkerung hier in Deutschland Opfer von Anschlägen werden, weil radikale Islamisten Rache für die Totenschändung nehmen wollen.
Natürlich ist das nicht auszuschließen, muslimische Fundamentalisten sind bekanntlich in der jüngeren Vergangenheit schon in ähnlichen Fällen auf die Barrikaden gegangen und haben durchgedreht. Insofern hätte das Fehlverhalten dann schlimmere Auswirkungen, als die involvierte Soldaten es sich jemals hätten vorstellen können. Bisher gab es allerdings keine nennenswerten Stellungnahme von Fundamentalisten.
Auch steht bis dato immer noch nicht fest, ob es sich bei den Gebeinen um die von Muslimen oder nicht doch um die von Russen gehandelt hat (inzwischen gibt es ja mehr als einen Fall).
Fast scheint es dagegen so, als würden die deutschen Printmedien eine solche Reaktion der radikalen Islamisten regelrecht herbeischreiben wollen.
Die Intention der BILD-Zeitung
Es war die BILD-Zeitung, die am 25.10. die ersten "Schock-Fotos" veröffentlichte und sich moralisch aufspielte. Christian Gapp schreibt dazu in Telepolis:
Dennoch kann der durch die BILD-Zeitung begonnen Skandalisierung des Vorfalls vielleicht auch etwas positives abgewonnen werden, wie auch Gapp meint: Auf diese Art und Weise wächst in der Öffentlichkeit das Bewußtsein, in was für einer mißlichen Lage sich die Bundeswehr in Afghanistan befindet. Mäßig ausgerüstet und schlecht geschult arbeiten sie dort unten dem großen Knall entgegen. Gapp geht davon aus, daß es so langfristig vielleicht sogar zu einer wirklichen Diskussion über Sinn und Zweck der Bundeswehrmissionen kommen könnte.
Siehe zum Thema im blogSquad auch: "schändliches" von kreyki.
Die Hysterie in den Medien ist angesichts immer wieder neu auftauchender Totenschädel-Fotos der Bundeswehr zur Zeit immens. Trotz des unbestrittenen Fehlverhaltens der betroffenen Soldaten stellt sich allerdings die Frage, inwieweit die Reaktion darauf noch verhältnismäßig ist.
Und zwar insbesondere dann, wenn man sich mal ansieht, was zeitgleich so alles in Afghanistan abläuft. So hat die Taliban zwar Vergeltung angekündigt -- nicht aber etwa wegen der Bundeswehr-Fotos, sondern für den Tod zahlreicher Zivlisten im Südosten des Landes:
"Während die deutsche Öffentlichkeit mit weiteren schändlichen 'Bundeswehr-Schockfotos' aus Afghanistan beschäftigt ist und das bisherige Schweigen islamistischer Wortführer zu diesem Thema als 'unheimlich' bewertet wird, sieht sich die NATO mit einem anderen Image-Schaden konfrontiert: Ein Bombenangriff im Süden des Landes soll möglicherweise mindestens 60 Zivilisten das Leben gekostet haben." (Telepolis, 27.10.06)
Während diese Tötung von afghanischen Zivilisten durch die Isaf-Truppen aber in den Medien kaum Beachtung findet, ist das Geschrei riesig, wenn ein Soldat seinen Pullermann neben einem Schädelknochen ablichten läßt.
Fast könnte man meinen, es sei ethisch verwerflicher neben menschlichen Knochen zu posieren als z.B. durch Unvermögen Unschuldige zu töten. Ähnlich bringt das der Karikaturist Klaus Stuttmann in der taz auf den Punkt: In der Karikatur vom Freitag sind sterbende Soldaten zu sehen, jeweils mit der Bildunterschrift "Das ist nicht pervers", nur der letzte Soldat, der unverletzt ist und einen Totenschädel in der Hand hält, ist "pervers".
Wirklich schlimm wäre es gewesen, wenn die Bundeswehr Menschen mißhandelt oder gar Unschuldige umgebracht hätte. Ein solches Fehlverhalten hätten dann in der Tat eine Empörungswelle gerechtfertigt, wie wir sie zur Zeit erleben. Aber darum geht es in diesem Fall ja nicht. Es geht um die sterblichen Überreste von Menschen, nicht um lebende Menschen. Da besteht, trotz der natürlich berechtigten Kritk am Verhalten der Soldaten, immer noch ein gewichtiger Unterschied.
Die "Totenschädel-Vorgänge" in Afghanistan sind ein Skandal, aber sie sind nicht der "Über-Skandal" zu dem die deutsche Presselandschaft sie hypt. Da wäre es wünschenswert, man würde das Augenmerk auf viel größere Skandale lenken, wie etwa dem oben angesprochenen Tod von Zivilisten während eines Isaf-Angriffs oder dem Tod von Isaf-Soldaten während eines insgesamt fragwürdigen Einsatzes am Hindukusch.
Totenruhe wirklich gestört?
Ob tatsächlich ein Straftatbestand nach § 168 StGB ("Störung der Totenruhe", siehe auch Wikipedia) vorliegt, ist zudem bis dato immer noch nicht ganz klar. Reiner Sörries, Geschäftsführer der "Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal" (AFD), sagte gegenüber SPON:
"Reiner Sörries widerspricht auch der allgemeinen Deutung, dass es sich bei der Tat der Soldaten um Schändung handle: 'Totenschändung ist immer individualisiert', sagt der Experte zu SPIEGEL ONLINE. Die Soldaten hingegen kannten die Verstorbenen nicht." (SPON, 27.10.06)
Ob das die Juristerei genauso sieht, wird sich noch zeigen. Die Staatsanwaltschaft München hat jedenfalls gegen den ersten der identifizierten Soldaten Ermittlungen aufgenommen.
Nach gegenwärtigem Erkenntnissstand haben die Täter die Knochen zumindest nicht irgendwo auf einem Friedhof ausgegraben, sondern sie anscheinend irgendwo in einer offenen Grube am Straßenrand liegen sehen. Offenbar sind vor ihnen also schon andere pietätlos mit diesen menschlichen Überresten umgegangen. Gut, das macht die Tat der Soldaten natürlich auch nicht besser, aber es besteht hier schon noch ein qualitativer Unterschied zu z.B. Nekrophilen, die Nachts auf Friedhöfen gezielt Leichen ausbuddeln um sich an ihnen zu vergehen.
Erklärungsansätze für das Fehlverhalten
Wie es dazu nun dazu kommen konnte, daß einige Bundeswehrsoldaten ein derartiges Fehlverhalten an den Tag legen konnten, versucht der Verhaltensbiologe Wulf Schiefenhövel zu erklären
"Zum einen seien junge Männer nun einmal 'risky young males' - also mit Risiken behaftet. Soll heißen: 'Auf der ganzen Welt machen sie Dinge, die man nicht wirklich kontrollieren kann.' Das sei 'Showverhalten'. Die einen würden in Afghanistan mit Schädeln posieren, während manch andere 'sich nach dem Disco-Besuch zu sechst ins Auto setzen und gegen die Wand fahren'. Die Motivation in beiden Fällen: 'Sie wollen Macho-Macker sein', sagt Schiefenhövel zu SPIEGEL ONLINE. Das bekomme man 'nicht so leicht durch Sozialisation weg - und schon gar nicht durch kurze Lehrgänge bei der Bundeswehr'.
Als zweiter Erklärungsstrang dient Schiefenhövel die Drucksituation, in der sich deutsche Soldaten beim Auslandseinsatz am Hindukusch befinden: 'Sie stehen unter ständiger Bedrohung, kommen quasi als Eroberer in ein Land, befinden sich aber andererseits nicht in einem offenen Kampf.' Echte Kampfhandlungen dagegen könnten 'eine Ventilfunktion' haben. So aber ergebe sich 'ein Gemisch aus Routine und Frustration', das vermutlich für viele Soldaten 'massiven psychischen Druck' bedeute, sagt Schiefenhövel. Mögliche Folge: Die Soldaten fielen auf 'archaische, biophysisch begründbare Verhaltensmechanismen' zurück und posierten mit Schädelknochen" (SPON, 27.10.06)
Wenn der Soldat also endlich mal jemanden hätte, dem er eine Kugel in den Kopf jagen könnte, dann müßte er nicht mit den Gebeinen Dritter posieren. Ganz toll. Und außerdem fällt er in ein archaisch-pubertäres Showverhalten zurück, weil "risky young males" das nun mal so machen. Ach so.
Andererseits wären Soldaten, die zu viel über ihr eigenes Handeln reflektieren vermutlich unbrauchbar, sie liefen Gefahr im falschen Moment zu zögern und wären dann tot. Man braucht zum Krieg führen also ein Typ Mann, der linear denkt, sich bis zu einem bestimmten Grad seinen Machismen hingibt und immer genug Testosteron-Reserven hat. Wenn dann aber mal einige negative, gesellschaftliche "Nebenwirkungen" dieses Typs Mann an die Oberfläche kommen, ist die Empörung groß.
Wahrscheinlichkeit eines Terror-Anschlags erhöht?
Neben der Empörung über das pietätlose Verhalten der betroffenen Bundeswehr-Soldaten geht es natürlich auch um die Frage, ob durch das Veröffentlichen der Fotos die Wahrscheinlichkeit gestiegen ist, daß die Soldaten in Afghanistan oder gar die Bevölkerung hier in Deutschland Opfer von Anschlägen werden, weil radikale Islamisten Rache für die Totenschändung nehmen wollen.
Natürlich ist das nicht auszuschließen, muslimische Fundamentalisten sind bekanntlich in der jüngeren Vergangenheit schon in ähnlichen Fällen auf die Barrikaden gegangen und haben durchgedreht. Insofern hätte das Fehlverhalten dann schlimmere Auswirkungen, als die involvierte Soldaten es sich jemals hätten vorstellen können. Bisher gab es allerdings keine nennenswerten Stellungnahme von Fundamentalisten.
Auch steht bis dato immer noch nicht fest, ob es sich bei den Gebeinen um die von Muslimen oder nicht doch um die von Russen gehandelt hat (inzwischen gibt es ja mehr als einen Fall).
Fast scheint es dagegen so, als würden die deutschen Printmedien eine solche Reaktion der radikalen Islamisten regelrecht herbeischreiben wollen.
Die Intention der BILD-Zeitung
Es war die BILD-Zeitung, die am 25.10. die ersten "Schock-Fotos" veröffentlichte und sich moralisch aufspielte. Christian Gapp schreibt dazu in Telepolis:
"Dahingehend ist die im ersten Moment scheinbar besonders nahe liegende Frage nach den Intentionen der BILD-Zeitung wahrscheinlich leicht zu beantworten. Mit in Jahrzehnten vervollkommneter traumwandlerischer Sicherheit trifft BILD den gesellschaftlichen Nerv. Eine ein Tabu brechende Enthüllung ('Die Bilder erregen Abscheu'), kombiniert mit staatstragender Rhetorik ('Sind sich Vorgesetzte immer ihrer Verantwortung bewusst?') garantiert hechelnde Neugierbefriedigung und pseudo-moralische Unangreifbarkeit." (Telepolis, 26.10.06)
Dennoch kann der durch die BILD-Zeitung begonnen Skandalisierung des Vorfalls vielleicht auch etwas positives abgewonnen werden, wie auch Gapp meint: Auf diese Art und Weise wächst in der Öffentlichkeit das Bewußtsein, in was für einer mißlichen Lage sich die Bundeswehr in Afghanistan befindet. Mäßig ausgerüstet und schlecht geschult arbeiten sie dort unten dem großen Knall entgegen. Gapp geht davon aus, daß es so langfristig vielleicht sogar zu einer wirklichen Diskussion über Sinn und Zweck der Bundeswehrmissionen kommen könnte.
Siehe zum Thema im blogSquad auch: "schändliches" von kreyki.
Samstag, Oktober 21, 2006
Stuttmann-Karikatur in der taz
Stuttmann kombiniert die Unterschichten-Debatte mit dem BVG-Urteil zur Berliner Finanzlage:
http://www.taz.de/pt/2006/10/20.1/kari
*roflmao*
http://www.taz.de/pt/2006/10/20.1/kari
*roflmao*
Montag, Oktober 09, 2006
Deutsche Nachrichtensender schwächeln
Als ich heute morgen um 5 Uhr durch die Programme zappte, lief auf CNN und BBC World schon eine ausführliche Berichterstattung über die Zündung der ersten nordkoreanischen Atombombe -- knapp 1,5 Stunden nach der Detonation. In den "Breaking News" kamen wie in diesen Fällen üblich diverse Experten zur Sprache, Korrespondenten in den Nachbarländern lieferten erste Infos über die Reaktionen der jeweiligen Regierung vor Ort. Auch die -- bis heute ja nicht endgültig geklärte -- Frage ob es nun wirklich eine Atombombe oder nur ein Fake mit einem konventionellen Sprengstoff war, wurde hinreichend diskutiert.
Auf den beiden deutschen Nachrichtensendern n-tv und N24 lief dagegen das übliche Programm weiter. Daß man hier überhaupt etwas von den jüngsten Ereignissen mitbekommen hatte, wurde nur über einen am unteren Bildrand laufenden Newsticker verdeutlicht. Offenbar war es keinem der beiden Sender möglich, das laufende Programm zu unterbrechen und mit einer Live-Berichterstattung zu dem Atomwaffentest auf Sendung zu gehen -- wie man dies normalerweise eigentlich von reinen Nachrichtensendern erwarten würde.
Das Frühmagazin "Punkt 6" auf RTL und das ARD-Morgenmagazin war die Nachricht jeweils gerade mal gut 3 Minuten wert (obwohl um 6 Uhr morgens nicht wenige Leute die Glotze anknipsen), ansonsten setzte man lieber auf länger vorbereitete Nachrichten wie dem Anschlag auf die Bahnstrecke Dortmund-Lünen. Wo kämen wir da auch hin, wenn mühsam zusammengetragene Lokal-Beiträge zurückstehen müßten, nur weil es plötzlich ein Ereignis von internationaler Tragweite gibt. Da müßte man ja über eine flexible und schnell schaltende Nachrichtenzentrale verfügen, das ginge nun wirklich zu weit.
Was für konventionelle Fernsehsender noch okay sein mag, ist es für Sender die von sich behaupten 24-Stunden-Nachrichtenkanäle zu sein ziemlich peinlich. Wozu hat man denn ein 24-Stunden-Programm, wenn es nach Einbruch der Dunkelheit mit "Autopilot fliegt" und nicht auf Änderungen im weltweiten Geschehen reagiert? Vielleicht war das Ereignis nicht wichtig genug, vermutlich würden aber n-tv und N24 selbst dann keine Live-Sendung auf die Reihe kriegen, wenn um 3 Uhr nachts plötzlich der Dritte Weltkrieg ausbrechen sollte.
Natürlich ist die Quote um diese Uhrzeit denkbar niedrig, trotzdem bleibt es ein Armutszeugnis für einen Nachrichtensender, wenn er nicht umgehend auf ein solches Ereignis mit einer Unterbrechung des Sendebetriebs durch eine Live-Sendung reagieren kann/will. Früher, als CNN noch an n-tv beteiligt war, war das etwas besser. Inzwischen ist n-tv genauso trantütig wie N24. Das liegt natürlich an der im Vergleich zu CNN oder Fox News schwachen personellen Besetzung von n-tv und N24. Aber wie wollen sie auch mehr Zuschauer bekommen, wenn man sich für eine "Echtzeit-Berichterstattung" doch wieder der BBC oder CNN zuwenden muß?
Ein anderes Beispiel, ist der tragische Tod des australischen Dokumentarfilmers Steve Irwin, der hierzulande außer auf ein paar Meldungen auf SPON keinerlei berichtenswerte Relevanz zu haben schien. Auch hier konnte man nur wenige Stunden nach dem Bekanntwerden des Unfalltods auf CNN und BBC World genaueres über die Umstände erfahren, während im deutschen Fernsehen selbst tagsdarauf die Todesnachricht nicht mal im Videotext zu finden war.
Nun war Irwin hierzulande natürlich auch nicht so bekannt wie in den USA und Australien, trotzdem lief seine Show ("The Crocodile Hunter") auch bei rtl2 und war ein weltweit vermarktetes Format. Irwins Stil war umstritten und er war auch keine Instanz wie Heinz Sielmann, trotzdem zeugt die hiesige Nicht-Berichterstattung von Ignoranz, da er trotz allem international bekannter war (in Australien wurde sogar ein Staatsbegräbnis erwogen) als die Nichtbeachtung seines Todes schließen lassen könnte.
Auf den beiden deutschen Nachrichtensendern n-tv und N24 lief dagegen das übliche Programm weiter. Daß man hier überhaupt etwas von den jüngsten Ereignissen mitbekommen hatte, wurde nur über einen am unteren Bildrand laufenden Newsticker verdeutlicht. Offenbar war es keinem der beiden Sender möglich, das laufende Programm zu unterbrechen und mit einer Live-Berichterstattung zu dem Atomwaffentest auf Sendung zu gehen -- wie man dies normalerweise eigentlich von reinen Nachrichtensendern erwarten würde.
Das Frühmagazin "Punkt 6" auf RTL und das ARD-Morgenmagazin war die Nachricht jeweils gerade mal gut 3 Minuten wert (obwohl um 6 Uhr morgens nicht wenige Leute die Glotze anknipsen), ansonsten setzte man lieber auf länger vorbereitete Nachrichten wie dem Anschlag auf die Bahnstrecke Dortmund-Lünen. Wo kämen wir da auch hin, wenn mühsam zusammengetragene Lokal-Beiträge zurückstehen müßten, nur weil es plötzlich ein Ereignis von internationaler Tragweite gibt. Da müßte man ja über eine flexible und schnell schaltende Nachrichtenzentrale verfügen, das ginge nun wirklich zu weit.
Was für konventionelle Fernsehsender noch okay sein mag, ist es für Sender die von sich behaupten 24-Stunden-Nachrichtenkanäle zu sein ziemlich peinlich. Wozu hat man denn ein 24-Stunden-Programm, wenn es nach Einbruch der Dunkelheit mit "Autopilot fliegt" und nicht auf Änderungen im weltweiten Geschehen reagiert? Vielleicht war das Ereignis nicht wichtig genug, vermutlich würden aber n-tv und N24 selbst dann keine Live-Sendung auf die Reihe kriegen, wenn um 3 Uhr nachts plötzlich der Dritte Weltkrieg ausbrechen sollte.
Natürlich ist die Quote um diese Uhrzeit denkbar niedrig, trotzdem bleibt es ein Armutszeugnis für einen Nachrichtensender, wenn er nicht umgehend auf ein solches Ereignis mit einer Unterbrechung des Sendebetriebs durch eine Live-Sendung reagieren kann/will. Früher, als CNN noch an n-tv beteiligt war, war das etwas besser. Inzwischen ist n-tv genauso trantütig wie N24. Das liegt natürlich an der im Vergleich zu CNN oder Fox News schwachen personellen Besetzung von n-tv und N24. Aber wie wollen sie auch mehr Zuschauer bekommen, wenn man sich für eine "Echtzeit-Berichterstattung" doch wieder der BBC oder CNN zuwenden muß?
Ein anderes Beispiel, ist der tragische Tod des australischen Dokumentarfilmers Steve Irwin, der hierzulande außer auf ein paar Meldungen auf SPON keinerlei berichtenswerte Relevanz zu haben schien. Auch hier konnte man nur wenige Stunden nach dem Bekanntwerden des Unfalltods auf CNN und BBC World genaueres über die Umstände erfahren, während im deutschen Fernsehen selbst tagsdarauf die Todesnachricht nicht mal im Videotext zu finden war.
Nun war Irwin hierzulande natürlich auch nicht so bekannt wie in den USA und Australien, trotzdem lief seine Show ("The Crocodile Hunter") auch bei rtl2 und war ein weltweit vermarktetes Format. Irwins Stil war umstritten und er war auch keine Instanz wie Heinz Sielmann, trotzdem zeugt die hiesige Nicht-Berichterstattung von Ignoranz, da er trotz allem international bekannter war (in Australien wurde sogar ein Staatsbegräbnis erwogen) als die Nichtbeachtung seines Todes schließen lassen könnte.
Freitag, Oktober 06, 2006
Zapateros Parlamentssessel eingesackt -- oder auch nicht
In Spanien gibt es zur Zeit viel Wirbel um dieses Video, das angeblich die Entwendung des Sessels von Ministerpräsident Zapatero aus dem spanischen Parlamentsgebäude zeigt. Zu sehen sind vier maskierte Männer, die über ein Fenster einsteigen, den Sessel klauen und dann damit verschwinden. Nach einigen Überprüfungen stellte sich heraus, daß das Video ein Teil-Fake ist. Zwar wurde tatsächlich ein Sessel durch die Gänge des Parlaments geschoben, das war aber nicht der von Zapatero und die Missetäter kamen auch nicht durchs Fenster in das Gebäude, sondern wurden von einem Parlamentsangestellten eingeschleust. Einige Szenen im Video sind also echt, andere lediglich inszeniert.
Das Ganze geisterten durch die Blogosphäre und erregte zunehmend auch die Aufmerksamkeit der spanischen Mainstream-Medien. Inzwischen steht aber fest, daß die Geschichte eine Guerilla-Marketing-Aktion einer Werbeagentur war. Die handelte im Auftrag einer NGO, diese berief sich widerum auf ein Projekt der UN zur Armutsbekämpfung (sog. "Millenniumcampaign"). Die UN weist aber zurück, in die Sessel-Aktion involviert zu sein. Inzwischen hat sich die spanische Justiz eingeschaltet und ermittelt gegen die Initiatoren.
Mehr Details zu der Geschichte gibt es z.B. bei Telepolis.
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