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Donnerstag, Oktober 23, 2008

Windows Live Groups kommen im November - MSN Groups werden abgeschoben

Die gute Nachricht zuerst: Am 17.11.08 soll es angeblich endlich soweit sein, Microsoft wird seine "Windows Live Groups" offiziell ins Leben rufen (LiveSide.net, 15.10.08). Damit wird die Windows Live Familie endlich um das bereits vor einem Jahr erwartete Groups-Angebot erweitert.

Die schlechte Nachricht: Am 21.02.09 sollen die "altehrwürdigen" MSN Groups endgültig abgeschafft werden. Und obwohl die neuen Live Groups als de facto Nachfolge-Angebot fungieren werden, können MSN Groups Betreiber ihre Gruppen nicht dorthin migrieren. Wer seine alte Gruppe über den 21. Februar hinaus behalten will, muß sie zu einem Drittanbieter namens Multiply transferieren, den Microsoft als neuen "Partner" anpreist (TechCrunch, 15.10.08).

Multiply gehört zu den Social Networks der ersten Stunde, es wurde bereits 2003 gegründet, ist aber bis heute kaum jemandem ein Begriff, da es sich anders als z.B. Facebook oder MySpace nie durchsetzen konnte. Dennoch nutzen laut Wikipedia immerhin 9 Millionen User den Service.

Gemessen am Erfolg anderer Social Networks spielt Multiply aber nur in der zweiten oder dritten Liga. Die Frage ist also, warum Microsoft sich dazu entschlossen hat, seine MSN Groups ausgerechnet dahin abzuschieben, anstatt seinen Nutzern die Möglichkeit einzuräumen, die jeweilige MSN Group in eine Windows Live Group zu migrieren:

"This just seems weird - why would Microsoft abandon a sizable (but dwindling) chunk of users to an entirely unrelated social network? It's nice that they aren't leaving their users out in the cold, but why not just cut off new signups to MSN Groups and allow the legacy users to continue on in peace? Microsoft may appear to have made the gesture in good faith, but it's likely that the company is hoping users will scoff at the idea of having to migrate, and just sign up on the new Live service when it launches." (TechCrunch, 15.10.08)

Demnach wäre die Kalkulation bei Microsoft also, daß die Nutzer mehrheitlich keine Lust haben sich mit der Migration oder anschließend mit dem eher drittklassigen Anbieter Multiply herumzuschlagen und dann lieber gleich eine neue Windows Live Group eröffnen (dazu später mehr). Ähnlich wie schon bei der Einstellung des MSN Chat Services (später MSN Group Chat), nimmt Microsoft dabei offenbar billigend in Kauf, daß einige Nutzer auch abwandern und sich die gewünschte Dienstleistung woanders suchen.

Microsoft begründet die Schließung von MSN Groups wie folgt:

"Da wir unseren Kunden die aktuellsten und benutzerfreundlichsten Technologien zur Verfügung stellen möchten, die derzeit verfügbar sind, haben wir die schwierige Entscheidung getroffen, den MSN Groups-Dienst zu schließen. Diese Entscheidung steht in direktem Zusammenhang mit weitergehenden Investitionen zur Aktualisierung und Neuausrichtung unserer Windows Live-Onlinedienste.

Wir sind der Überzeugung, dass die Schließung dieses Diensts langfristig die beste Lösung darstellt, um weiterhin innovative Dienste anbieten zu können, die zu den besten ihrer Art zählen und mit deren Hilfe Sie mit den Menschen in Kontakt bleiben können, die Ihnen wichtig sind. Im Herbst möchten wir einen neuen Groups-Dienst eröffnen.

Anders als MSN Groups wird Windows Live Groups jedoch hauptsächlich einen Ort darstellen, an dem kleinere Gruppen kommunizieren können. Ein Dienst für kleine, mittlere und große Gruppen steht nun über unseren Onlinepartner Multiply zur Verfügung." (MSN Groups Resource Center DE, 02.10.08)

Während also die neuen Windows Live Groups nur für "kleinere Gruppen" gedacht sind, ist Multiply als MSN Groups Aufnehmer darüber hinaus auch für "mittlere und große Gruppen" geeignet.

TechCrunch veröffentlichte auch eine statistische Kurve, die sehr schön den schleichenden Bedeutungsverlust der MSN Groups deutlich macht.

Einerseits lohnt sich die Aufrechterhaltung des alten Services für Microsoft also nicht mehr, andererseits würden die MSN Groups aber dennoch immer noch eine Grundkonkurrenz zum neuen Windows Live Groups Service bedeuten. Und die Live Groups sind vermutlich strukturell wie technisch soweit von den alten MSN Groups entfernt, daß Microsoft auch nicht den Aufwand betreiben möchte, die Möglichkeit eines "Upgrades" vom alten zum neuen Service anzubieten.

Eine ernsthafte Konkurrenz durch Multiply befürchtet Microsoft dagegen offenbar nicht. Zwar kann ein Gruppenbesitzer seine Gruppe migrieren, nicht aber die Benutzer. Die erhalten eine Einladung, müssen sich aber dennoch anschließend bei Multiply erst mal neu registrieren (MSN Groups Resource Center DE, 02.10.08). Selbst wenn die Migration erfolgreich war, haben die User auf Multiply noch einige andere Hürden zu nehmen (es gibt z.B. als einzige Sprache bei Multiply zur Zeit nur Englisch). Der Nutzer erhält also von Microsoft einen Wink mit dem Zaunpfahl, daß er aufs Abstellgleis geschoben wird und soll dann abspringen und sich bei den Windows Live Groups wiederfinden.

Selbst wenn man all diese Faktoren zugrunde legt, um Microsofts Vorgehen zu erklären, kündet der Schritt sicherlich von Arroganz. Die neue Zielgruppe der Windows Life Services ist wohl mehrheitlich deutlich jünger als die alte Garde der MSN Groups Nutzer (dies erkennt man z.B. mit einem einfachen Blick auf die mehrheitlichen Inhalte der von Nutzern betriebenen Windows Live Spaces). Und wer heute noch nicht im neuen Web 2.0 angekommen ist bzw. vielleicht nur ein einfaches Diskussionsforum (mit einem Chat) haben möchte, der ist als Zielgruppe für Microsoft offenbar einfach nicht mehr interessant genug.

Wer sich als Gruppen-Besitzer trotzdem nicht abschrecken lassen möchte, findet hier einen offiziellen "Step-by-Step Guide Migration Guide" in Deutsch, der erklärt, wie man seine Gruppe nach Multiply migriert. Die alte Gruppe bei MSN sollte man nach erfolgreicher Migration dann aber löschen, da diese ansonsten bis Februar noch weiter existiert und man als Group-Betreiber dann vor einem Redundanz-Problem steht, da neue und alte Gruppe von den Nutzern parallel (aber unter Umständen unterschiedlich) vorangetrieben werden.

Sonntag, November 04, 2007

Windows Live Events

Während die "Windows Live Groups" weiter auf sich warten lassen, präsentierte Microsoft vor kurzem die "Windows Live Events" als ein neues zentrales Produkt innerhalb der "Windows Live Services".

Über ein "Event", das in der deutschen Ausgabe an einigen Stellen etwas verunglückt mit "Ereignis" übersetzt wurde ("Veranstaltung" wäre in diesem Kontext vielleicht besser, ideal die Beibehaltung von "Event"), können Live.com-Nutzer Partys, Hochzeiten, etc. organisieren. Man erstellt eine Gästeliste und lädt andere Live.com-User zu der Veranstaltung ein, diese können dann reagieren und sagen, ob sie kommen oder nicht, wie viele Personen sie mitbringen, etc.

Am Beispiel einer fiktiven Hochzeit in Bielefeld am 24.12. zwischen Zora und meiner Wenigkeit, habe ich das neue Events-Angebot einem ersten Test unterzogen. Nicht nur, weil "Events" unter Umständen ein sinnvolles Feature ist, sondern auch wegen der integrierten Diskussionsforums-Funktion, die vermutlich in ähnlicher Form in den künftigen "Live Groups" auftauchen wird. Die "Live Groups" wiederum gelten informell als Nachfolgeangebot für die etablierten "MSN Groups" (mehr dazu hier).

Wie alle Live-Angebote werden auch die "Live Events" in diversen Sprachen angeboten, darunter Deutsch und Englisch:
Diese Differenzierung ist an dieser Stelle insofern von Belang, als daß in der deutschen Darstellung die integrierte Stadtplan-Funktion der "Live Search Maps" nicht angezeigt wird. Mittels dieser Option kann der Gastgeber den Gästen auch gleich eine Karte an die Hand geben, die anzeigt, wo der Veranstaltungsort zu finden ist.

Warum diese Funktion mit deutscher Spracheinstellung nicht zu nutzen ist, bleibt unklar. Der zugrunde liegende "Live Search Map" Dienst ist jedenfalls auch in Deutsch verfügbar. Dies hat aber auch seine guten Seiten, arbeitet man nämlich eine zeitlang mit der Karte muß man schnell feststellen, daß sie den Browser bis an die Grenze des Erträglichen verlangsamt (es scheinen unglaublich viele Daten in den Cache gerammt zu werden).

"Windows Live Events" bietet darüber hinaus noch eine ganze Palette von weiteren Modulen, z.B. ein Diskussionsforum um die Veranstaltung zu diskutieren oder eine Fotoalbum-Funktion, in der man nach dem Event Fotos ablegen kann. Hier Beispiele zu den zentralen Modulen:
Wer einen Blick auf diese Module wirft, wird schnell feststellen, daß die meisten von ihnen bereits aus den "Windows Live Spaces" bekannt sind. Es gibt nur einige wirkliche Neuerungen, wie eben z.B. die Gästeliste-Funktion oder die Diskussionsforen. Bei letzteren kann man sogar erweitertes HTML nutzen, was dann z.B. die Einbindung von Videos ermöglicht.

Wie praktikabel die "Live Events" insgesamt sind, wird sich erst noch zeigen müssen. Grundsätzlich kann man ein Event so generieren, daß man jeden Gast separat einladen muß oder daß sich jeder der Interesse hat, einfach eintragen kann. Angenehm wäre es, auch noch Optionen dazwischen zu haben. Zum Beispiel die Einladung nur an alle Mitglieder einer Group auszusprechen (etwa für ein UT) ohne aber dafür jedes Group-Mitglied einzeln einladen zu müssen. Es bleibt zu hoffen, daß es beim Erscheinen der neuen "Windows Live Groups" eine entsprechende Option geben wird.

Größtes Manko ist und bleibt der Editor, der bei allen Live Diensten derselbe ist. Dieser läuft nicht wirklich stabil, er stürzt öfter ab, zickt hin und wieder beim nachträglichen Editieren eines Eintrags oder erlaubt es manchmal einfach nicht einen Post abzusetzen, obwohl alle erforderlichen Felder ausgefüllt wurden. Wenn derselbe Editor dann auch bei den "Live Groups" Verwendung findet (wovon ja auszugehen ist) können die "Live Groups" kaum als erstrebenswerte Alternative zu den "MSN Groups" gehandelt werden -- obgleich letztere technisch völlig veraltet sind und daher eigentlich dringend einen Nachfolger brauchen.

Dienstag, Oktober 30, 2007

Windows Live Groups als Nachfolgeangebot für MSN Groups?

Wie im März am Fallbeispiel der Herzflimmern-Group dokumentiert, hat die vollständige Einstellung des Chat-Services seitens MSN auch zu starken Auflöseerscheinungen der MSN Groups geführt. Dieser Prozeß wird dadurch verstärkt, daß MSN bereits seit Jahren technisch nichts mehr an den MSN Groups verbessert hat, so daß diese heute weit hinter "modernen" Web 2.0-Angeboten hinterherhinken.

Es war offensichtlich, daß die MSN Groups in den Augen von MSN ein Auslaufmodell waren und es gab zunächst auch keine Anzeichen, daß es ein vergleichbares Group-Angebot innerhalb der neuen "Windows Live Services" geben sollte.

Folgt man dem entsprechenden Eintrag in der englischen Wikipedia, soll nun aber doch ein "Windows Live Groups"-Angebot an den Start gebracht werden, angeblich bereits in diesem November.

Die neuen Groups sollen an die "Windows Live Spaces" angegliedert werden und sich in verschiedene Typen unterteilen:
  • Share Group - allow group members to add or view each other's photos and videos
  • Discussion Group - allow group members to discuss a common topic and learn from each other
  • Keep In Touch Group - allow users to stay connected with their families, friends and collegues using Windows Live Spaces
  • Coordinate Group - allow users to keep people around them organized
  • Generic Group - multipurpose group that allow users to do any of the above functions
Allerdings sind auch die Quellenangaben in diesem Wikipedia-Eintrag äußerst dürftig, man könnte auch sagen: nicht existent. Einziges wirklich aussagekräftiges Indiz ist ein Screenshot des neuen Services. Die URL leitet hingegen zur Zeit auf die Live Spaces um.

Entweder arbeitet Microsoft wirklich noch an diesem Service oder es hat das Projekt inzwischen wieder aufgegeben. Auch mit einer Google-Abfrage kann man hier zur Zeit nicht wesentlich mehr Licht ins Dunkel bringen. Bei ZDNet heißt es:

"Fluegel declined to discuss when, how and even if Microsoft plans to integrate Live Events with Windows Live Groups, the expected successor to MSN Groups." (ZDNet.com Blogs, 11.10.07)

Und bei dem verlinkten LiveSide.net Blog-Eintrag kann man nachlesen

"And while we're on the topic of Spaces, there's also been some chatter on an MSN Groups upgrade to Windows Live Groups. The Wikipedia entry on it is well worth reading, thanks again to Live Search doing a great job in caching the non-public facing Groups homepage." (LiveSide News Blog, 08.10.07)

Womit zumindest deutlich wird, wie der Screenshot im Wikipedia-Eintrag zustande gekommen ist. Klarheit ob und wenn ja wann die Windows Live Groups kommen, bringt das alles aber immer noch nicht. Immerhin erscheint es aber wahrscheinlich, daß Microsoft wirklich an einem entsprechenden Projekt arbeitet.

Das grundlegende Problem des Fehlens eines Chatraums, der in vielen Groups den Kern der Community gebunden hat, wird allerdings auch durch den neuen Service nicht gelöst. Denn eine Chat-Funktion werden auch die neuen Groups anscheinend nicht haben.

Dennoch stellt die Option im "Live-Kosmos" dann auch Diskussionsgruppen eröffnen zu können immerhin eine neue Perspektive dar, die beim jetzigen Live-Angebot mit dem zentralen Fokus auf Fotoalbum und Blog bei den Spaces einfach fehlt.

Dienstag, September 11, 2007

Im Gedenken an 9/11

Seit 2003 platziere ich jedes Jahr am 11.09. einen Thread in den MSN Groups (2003, 2004, 2005, 2006, 2007), der den Titel "Im Gedenken an 9/11" trägt. Das Ausgangspostings enthält nichts weiter als ein Bild von Salvador Allende. Zwar erkennt natürlich nicht jeder sein Gesicht, aber aus dem Namen der entsprechenden Jpeg-Datei geht hervor, wer die Person ist. Nicht ganz klar ist den meisten, was nun Allende mit "9/11" zu tun hat, denn die meisten assoziieren mit dem 11. September natürlich den Terroanschlag von 2001 und nicht den Putsch von 1973 in Chile (in den die USA verwickelt waren).

Ursprünglich entstanden ist diese "Tradition" heraus als Persiflage der pathos-triefenden 9/11-Gedenkpostings in den MSN Groups (mit protzigen, animierten Gifs, usw.). Zwar ist natürlich generell nichts gegen Trauer und Gedenken zu sagen, die Frage stellt sich aber dennoch: Warum wird jedes Jahr der Opfer vom 11.09.2001 gedacht, aber nicht der vom 11.09.1973 (bzw. der Folgeopfer in der Pinochet-Diktatur)?

Hier das Posting von 2004 aus meinem alten Nucleus-Blog:

Im Gedenken an den 11.09. ...

seit den anschlägen in new york 2001 wird weltweit alljährlich am 11.09. der opfer dieses terrors gedacht. bei all dem tamtam verliert man schnell aus den augen, daß sich am 11.09. auch noch ganz andere historische ereignisse jähren.

so wurde z.b. vor 31 jahren am 11.09.1973 der chilenische präsident salvador allende im zuge eines putsches ermodert. ihm folgte die diktatur pinochets, der bis zu ihrem ende etwa 3000 menschen zum opfer fielen. allende war demokratisch gewählt, stand jedoch als kommunist den interessen der us-regierung entgegen, so daß dann wohl auch die CIA in den sturz allendes mitverwickelt war. völlig unverblümt brachte das der spätere us-außenminister henry kissinger 1970 auf den punkt, als er im hinblick auf den bevorstehenden wahlsiegs allendes in chile sagte: "I don't see why we need to stand by and watch a country go communist because of the irresponsibility of its own people."

wenn also in einem land eine kommunistische regierung frei gewählt wird, dann zeugt das von der unverantwortlichkeit der bevölkerung in diesem land und die USA müssen dies nicht hinnehmen. so wurde die beteiligung am putsch legitimiert und die rechtsgerichtete diktatur unter pinochet gut geheißen, weil sie aus sicht der USA eine angenehmere alternative zu einer allzu linksgerichteten regierung war.

wenn sich die welt nun jährlich an die opfer von 2001 in new york erinnert, aber keiner an diesen blutigen putsch, was bedeutet das dann? daß ein us-bürger, der von islamistischen terroristen ermordert wurde, eher betrauert werden sollte, als ein chilenischer bürger der in einer diktatur umgekommen ist, die von den USA mitinstalliert wurde? oder liegt es daran, daß es von 1973 keine so medienwirksamen bilder gibt, wie von 2001? oder einfach daran, daß 2001 kürzer zurück liegt und immer noch aktuell ist, während die süd-amerika-politik der USA im kalten krieg keinen mehr interessiert?

"selektive geschichtswahrnehmung" bedeutet, man nimmt nur den teil der vergangenheit wahr, der ins eigene, aktuelle weltbild paßt. der unangenehme rest wird ausgeblendet, wenn er im pathosschweren und patriotismustrunkenden gedöns keinen platz mehr findet.

Zum Nachlesen:

- taz, 1998: Der Putsch in Chile
- Telepolis, 2003: Der Putsch in Chile
- Telepolis, 2003: Der erste 11. September
- Freitag, 2003: Zusehen, wie ein Land kommunistisch wird?
- Historische Übersicht über US-Militärinterventionen in Amerika
- Chile Documentation Project (CIA-Papiere zu Chile)

Montag, August 20, 2007

OpenID

Wer kennt das Problem nicht: Zig verschiedene Benutzerkonten mit zig verschiedenen Paßwörtern. Einen Account bei MSN, einen bei Yahoo, einen bei Google, einen bei Lycos, einen für ICQ, einen für Skype, einen für Ebay, einen für Amazon, einen für diesen Blog hier, usw., usf. Je mehr Dienste und verschiedene Webangebote man im Internet nutzt, desto mehr Benutzernamen und Paßwörter muß man sich merken. Die meisten Leute behelfen sich damit, daß sie nach Möglichkeit immer einen identischen Benutzernamen und immer dasselbe Paßwort wählen, um anschließend die Daten im Browser zu speichern (sie also nicht jedesmal wieder neu eingeben zu müssen), was aber aus Sicherheitsgründen nicht besonders klug ist.

Dabei muß das gar nicht sein, es gibt im Internet inzwischen Ansätze wie z.B. OpenID, bei denen man mit ein- und derselben Benutzer-Paßwort-Kombination überall hineinkommt, sofern der Anbieter der Website auch OpenID unterstützt (dazu kommen wir noch).

Man registriert sich zunächst kostenlos eine OpenID auf Seiten die den Service anbieten (was inzwischen einige sind). Der Benutzername ist dabei immer eine URL. WordPress.com bietet z.B. OpenID an, so daß die URL des blogSquads (den ich ja registriert habe), http://blogsquad.wordpress.com/, gleichzeitig meine OpenID ist (zusammen mit meinem Paßwort). Jetzt kann ich mich als "blogsquad.wordpress.com" z.B. auch beim Fotodienst "Zooomr" anmelden, da dieser ebenfalls OpenID unterstützt -- und das, obwohl WordPress.com und Zooomr.com zwei völlig unterschiedliche Anbieter sind, die nichts miteinander gemein haben, außer, daß sie beide OpenID unterstützen.

Jeder Website-Anbieter kann auf seiner Site einen OpenID-Service einrichten, der es anschließend Besuchern der Website ermöglicht sich mit ihrem jeweiligen OpenID-Account dort einzuloggen. Allerdings hat das System noch Macken, nicht jeder OpenID-Anbieter kann einen reibungslosen Service garantieren. Da WordPress.com als OpenID-Anbieter so seine Tücken hat, nehmen wir den bekanntesten und ausgesprochen soliden OpenID-Anbieter MyOpenID als weiteres Beispiel:

Ich registriere mir als erstes einen Account auf MyOpenID als http://bloomsday.myopenid.com/ (etwas verwirrend, obwohl es aussieht wie ein Link, ist es tatsächlich ein Benutzername). Dazu muß ich wie bei jeder Registrierung auch ein Paßwort wählen und meine Emailadresse angeben, zu der ich eine Bestätigungs-Email gesandt bekomme. Nach dem Klicken auf den Bestätigungs-Link ist die Registrierung abgeschlossen.

Nun besuche ich den Social Bookmarking-Anbieter Ma.gnolia.com, um mir dort einen Account einzurichten. Ich richte natürlich keinen neuen ein, sondern logge mich einfach mit meiner OpenID ein. Ich gebe also http://bloomsday.myopenid.com/ als OpenID-URL an, werde auf die MyOpenID.com Seite umgeleitet (da dies ja mein OpenID-Provider ist, es könnte z.B. auch WordPress.com sein), gebe mein Paßwort ein, und werde auf Ma.gnolia.com als eingeloggt zurückgeleitet. Natürlich läuft das beim ersten Mal nicht völlig reibunglos, denn ich hatte bei MyOpenID.com vergessen meine Standard-Email-Adresse und meinen Standard-Nickname anzugeben. Nachdem das nachgeholt ist, bin ich endlich bei Ma.gnolia.com als bloomsday.myopenid.com eingeloggt.

Nun wiederhole ich das Prozedere beim Fotodienst Zooomr.com, wo ich meine OpenID ebenfalls verwenden kann. Auch hier will Zooomr beim ersten Login von mir noch mal eine Email-Adresse, Vor- und Nachnamen, sowie einen Nickname. Nachdem das erledigt ist, kann ich aber auch hier mit meiner OpenID (http://bloomsday.myopenid.com/) ein- und ausgehen.

Ich mußte also sowohl Ma.gnolia.com als auch Zooomr.com ein paar Informationsbrocken hinwerfen, die zentrale Information, das Kennwort zu meiner OpenID-URL erfahren sie jedoch nie, das bleibt ausschließlich bei meinem OpenID-Provider, über den der Login jedesmal abläuft, hinterlegt. In meinem Fall also bei MyOpenID.com. Auch aus datenschutztechnischer Sicht macht das Konzept also durchaus Sinn.

Natürlich haben die etablierten Anbieter nicht unbedingt ein Interesse daran, daß es autonome Account-Datenbanken gibt, die sich ihrer Kontrolle entziehen. Wer einen MSN-Service nutzen will, der muß sich eben auch einen Account bei MSN registrieren (der dann nur bei MSN funktioniert, für Ebay brauch ich schon wieder einen anderen Account, usw.). Meistens sind es daher eher weniger bekannte Websites, die auf OpenID setzen, weil so die Chance besteht, zusätzliche Nutzer zu gewinnen. Ist der Anbieter dagegen schon sehr bekannt und hat viele Nutzer, hat er das nicht mehr nötig, er hat eine eigene Community und versucht die Nutzer an sich zu binden. Ein OpenID-System wäre hier kontraproduktiv, da es den Nutzern den Wechsel zur Konkurrenz vereinfacht. Ob sich also ein System wie OpenID jemals durchsetzen wird, ist noch ungewiß.

Es gibt jedoch einen Trend, daß Account-Anbieter ihren Account-Dienst selbst auslagern, der OpenID-Idee sozusagen Konkurrenz machen. So bietet Microsoft seit kurzem die Möglichkeit, daß Dritte das "Windows Live ID"-System (ehemals "Passport") nutzen können (heise online, 17.08.07). Jeder Betreiber einer Website kann also jetzt bei sich einen Login mit einem MSN-Account ermöglichen. Die Website muß nichts mit MSN zu tun haben, MSN erlaubt es einfach nur, daß User die bereits einen MSN-Account haben (und es gibt zur Zeit rund 400 Millionen registrierte Live IDs) sich darüber auf der Website des Drittanbieters einloggen können, um dessen Angebot zu nutzen. Die Paßwort-Infos verbleiben bei MSN, der Drittanbieter erfährt sie nicht, hat aber jetzt einen großen potentiellen Kundenstamm. MSN kann umgekehrt natürlich "Bewegungs-Profile" erstellen: wer besucht mit seinem MSN-Account welche Seite eines Drittanbieters.

Microsoft/MSN vesucht also seine starke Position bei den Identifikationssystemen weiter auszubauen, indem sie das eigene ID-System für Dritte auf deren Websiten nutzbar machen. Der Unterschied zu OpenID ist nur, daß ich mir bei OpenID meinen Provider selbst suchen kann (genauso übrigens wie bei Jabber als IM-System). Ich kann frei wählen, ob ich meine Daten WordPress.com, LiveJournal.com, MyOpenID.com oder irgend einem anderen OpenID-Provider anvertraue. Und egal, wo ich meine OpenID registriere, ich kann mich anschließend in jede Website einloggen, die OpenID unterstützt. Bei MSN kann ich mich künftig auch auf jede Seite einloggen, die das MSN-System nutzt, habe aber diese freie Provider-Wahl nicht, ich muß mich immer bei live.com registrieren und meine Daten immer MSN überlassen. Das System ist somit nicht wirklich frei, sondern geschlossen; die Abhängigkeit von MSN bleibt bestehen bzw. wird ausgebaut.

Wer sich für das Thema OpenID interessiert, sollte mal einen Blick in das "OpenID Directory" werfen. Hier werden Seiten gelistet, die OpenID bereits heute unterstützen. Wie berichtet sind dies meist "Underground"-Sites, die wenig bekannt sind. Was aber ja nicht heißen muß, daß deren Angebote schlechter sind als vergleichbare Angebote von bekannteren Anbietern.

In jedem Fall lohnt es sich, sich mal eine eigene OpenID auf Websites wie z.B. MeinGuterName oder MyOpenID zu registrieren, um anschließend mal ein paar Portale auszuprobieren, die bereits einen Login via OpenID unterstützen.

Dienstag, Mai 22, 2007

Pflugscharen zu Knieschüssen -- Zur Linksextremismushysterie im Vorfeld von Heiligendamm

Merkels kleines Samaragrad

Ja, das hat dann nicht so ganz hingehauen: Als Merkel gegenüber dem Kollegen Putin in Samara ihre Bedenken darüber äußerte, daß Bürgerrechtler am Rande ihres jüngsten Treffens daran gehindert werden für Meinungsfreiheit und Menschenrechte zu demonstrieren, erdreistete sich der "lupenreine Demokrat" -- wie Ex-Kanzler Schröder ihn einst nannte -- Wladimir Putin zu erwidern, daß das Demonstrationsrecht in Deutschland im Vorfeld des G8-Gipfels in Heiligendamm ja auch eingeschränkt worden sei und es zudem präventive Razzien in Hamburg und Berlin gegeben habe.

Der Vergleich hinkt natürlich, denn trotz aller Einschränkungen und Repressionen befindet sich der deutsche Rechtsstaat (noch) nicht auf dem Niveau von Putins autoritärer Vision einer "gelenkten Demokratie" (Kritiker reden eher vom Fallbeispiel einer "defekten Demokratie"). Dennoch sah Merkel bei dem Versuch Putin hinsichtlich der russischen Demokratiedefizite zu tadeln nicht besonders gut aus, da Putins Retour-Hinweis auf die Verhältnisse in Deutschland hinsichtlich des G8-Gipfels einen wunden Punkt traf. Für die Medien war die Story jedenfalls ein gefundenes Fressen (siehe z.B. "Schein-Heiligendamm", "Merkel in Argumentationsnot" und natürlich Stuttmann).

Von der legitimen Prävention zur illegitimen Repression

Tatsächlich ist der Katalog von präventiven Maßnahmen im Vorfeld von internationalen Konferenzen (neben den G8- z.B. auch die WTO-Treffen) unabhängig vom Gastgeberland ja immer in etwa der gleiche. Man sagt, man wolle die Meinungsfreiheit und das Demonstrationsrecht nicht einschränken, aber mit dem Hinweis auf die Sicherheitsproblematik wird der Veranstaltungsort in der Regel dann doch hermetisch abgeriegelt, so daß der Protest nie zu nah an die Konferenzteilnehmer kommt.

Auch daß man möglichen Ausschreitungen zuvorkommen möchte, indem man versucht potentielle Randalierer schon im Vorfeld unter Druck zu setzen und die Organisation einer Protestbewegung zu stören, ist ja kein neues Phänomen. Problematisch wird es, wenn aus legitimer Prävention illegitime Repression wird, wenn die Exekutive also anfängt es mit den Grundrechten nicht mehr so genau zu nehmen. In einem Telepolis-Artikel heißt es:

"In Niedersachsen hat die Polizei auch Globalisierungsgegner, die sie als gewalttätig betrachtet, besucht. Man habe sie vor einer Reise nach Heiligendamm gewarnt, sagte ein Sprecher des niedersächsischen Innenministeriums. 'Den Leuten wird signalisiert, dass wir sie im Visier haben.' Vermutlich will man sie unter Druck setzen und damit gleichzeitig vermeiden, sie in Schutzhaft zu nehmen, was – auch wie jetzt im Hinblick auf Russland – international keinen guten Eindruck hinterlassen könnte." ("Russische Verhältnisse in Heiligendamm?", Telepolis, 19.05.07)

Man hat die Zielpersonen also nicht dabei beobachtet, wie sie ganz konkret etwas Illegales planen, viel mehr reicht allein der Umstand daß sie von der Exekutive einem bestimmten Milieu zugerechnet werden aus, sie unter Druck zu setzen. Vielleicht hat Rötzer recht, wenn er vermutet, man nimmt sie nicht in "Schutzhaft" (gemeint ist hier sicherlich Unterbindungsgewahrsam) weil dies international keinen guten Eindruck machen würde, wahrscheinlicher ist jedoch, daß man nichts in der Hand hat, was als rechtliche Begründung für Unterbindungsgewahrsam ausreicht (welcher ja rechtsstaatlich ohnehin umstritten ist). Daher werden die potentiellen Täter dann eben einfach nur "besucht".

Der Tagesspiegel berichtete am Sonntag von einem "Blockade-Training" von G8-Gegnern in Berlin. Dabei trainieren die Beteiligten, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie während eines Sitzstreiks z.B. von der Polizei weggetragen werden sollen. Die Polizei schritt gegen das Training nicht ein, was am letzten Wochenende noch ganz anders war:

"Die Polizeiführung hat sich für Zurückhaltung entschieden. Am vergangenen Wochenende hatten Polizisten ein ähnliches Training gestoppt und die Personalien von 20 Teilnehmern aufgenommen. Am folgenden Tag hatte sich die Polizei dafür entschuldigt und mitgeteilt, dass 'ein solches Training nicht strafbar ist'." ("Der Protest soll richtig sitzen", Tagesspiegel, 20.05.07)

Man stoppt also zunächst das besagte Training und nimmt die Personalien von 20 Teilnehmern auf, nur um dann im Nachhinein einzuräumen, daß ein solches Training "nicht strafbar ist", es also auch keine Rechtsgrundlage für das Einschreiten der Polizei gab. Der Fall steht symptomatisch für eine Entwicklung hin zu einem hektischen Überreagieren seitens der Staatsmacht, sobald irgend etwas im Vorfeld des G8-Gipfels auch nur leicht subversiv riecht.

Denn das alternative, richtige Vorgehen wäre natürlich gewesen, sich vor dem Einschreiten erst mal klar zu werden, ob es für das Unterbinden eines solchen "Blockade-Trainings" überhaupt eine Rechtsgrundlage gibt, und falls ja, ob es dann auch wirklich Sinn macht, das Training zu unterbinden. Denn die Teilnehmer lernen dort ja nicht mit Steinen nach Polizisten zu werfen, sondern wie sie sich z.B. beim Wegtransportieren schwer machen können, ohne dabei aber panisch um sich zu schlagen. Es geht also um das Erlernen passiven Widerstands, der Deeskalationsstrategien beinhaltet -- was unter Umständen auch der Staatsmacht entgegenkommt, will sie die Demonstranten dann im Ernstfall wirklich abstransportieren. Ein Demonstrant der sich absichtlich schwer macht mag nerven, ist aber immer noch besser als einer, der sich zusammen mit seiner Gruppe aktiv dem Abtransport mit Gewalt zu widersetzen versucht.

In der Wikipieda kann man über den Präventionsstaat lesen:

"Fürsprecher des Präventionsstaates halten diesen angesichts der Gefahren des Terrorismus für notwendig und sinnvoll. Kritiker halten einen Präventionsstaat hingegen für nur schwer oder gar nicht mit einer freiheitlichen Demokratie vereinbar."

Nun führt sicherlich nicht jede präventive Maßnahme gleich dazu, daß der Rechtsstaat zum Präventionsstaat mutiert. Auch gibt es sicherlich Fälle, bei denen präventives Eingreifen unumgänglich ist, um z.B. einen terroristischen Anschlag zu unterbinden. Doch die präventiven Maßnahmen sollten nicht die Regel werden, sollten nicht wie im Fall des G8-Gipfels in Heiligendamm dazu genutzt werden, eine systematische Kriminalisierung der politischen G8-Gegnerschaft voranzutreiben.

Das neue linke Schreckgespenst der Republik: die "militante gruppe" (mg)

In der zweiten Maiwoche fanden in Norddeutschland (Hamburg, Berlin, Bremen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Brandenburg) Razzien statt. Durchsucht wurden mehr als 40 Wohnungen, Büros, Archive, Buchläden, ein Internetanbieter und linke Kulturzentren wie der "Mehringhof" und das "Bethanien" in Berlin oder die Rote Flora in Hamburg.

Die Ermittlungen richteten sich gegen die sogenannte "militante gruppe" (mg). Auf das Konto dieser linksextremistischen Untergrundorganisation gehen 25 Brandanschläge im Raum Berlin-Brandenburg, neben Autos befinden sich auch Gebäude unter den Zielobjekten (im Detail siehe Wikipedia). Weiterhin bekannt wurde die Gruppe durch die Versendung von scharfer Munition, u.a. an Otto Graf Lambsdorff und andere Beteiligte der Zwangsentschädigungs-Verhandlungen.

Besondere Aufmerksamkeit widmete der Verfassungsschutz auch der durch die mg initiierten "Militanzdebatte" (siehe dazu auch den aktuellen Verfassungsschutzbericht), die in der linksradikalen Untergrund-Zeitschrift "Interim" geführt wird. In dieser Debatte geht es kurz gesagt darum, ob die radikale Linke auch wieder Anschläge auf Menschen verüben soll oder nicht. Bisher haben in der Debatte jedoch die Gegner einer solchen Eskalation die Oberhand, wie auch der Verfassungsschutz festhält (dazu komme ich weiter unten noch mal).

Schon seit Jahren versucht man die mg zu zerschlagen, ihre Mitglieder dingfest zu machen. Zuletzt meldete der Focus 2003, die Identität von vier Mitgliedern sei bekannt und gegen sie würde ermittelt, was sich jedoch als Falschmeldung entpuppte (es gab keine Hausdurchsuchungen, Festnahmen oder Verfahren). Diesmal gab es dann zwar tatsächlich Hausdurchsuchungen, aber auch keine Verhaftungen.

Konstruierte Terrorismusvorwürfe

Neben der "militanten gruppe" galten die Razzien aber auch Mitgliedern der "Militanten Kampagne zum Weltwirtschaftsgipfel G8 2007 in Heiligendamm", eine radikale Gruppe, die verdächtigt wird, den G8-Gipfel stören zu wollen.

"Die meisten der angeblich in der 'Militanten Kampagne' organisierten Einzelgruppen haben nur jeweils eine Straftat begangen; die Ermittler vermuten aber personelle Überschneidungen und fassen die Gruppen ganz einfach zu einer Vereinigung zusammen. Die Bundesanwaltschaft ermittelt insgesamt gegen 21 namentlich bekannte und weitere unbekannte Personen. Dreien wirft sie die Mitgliedschaft in der 'Militanten Gruppe' vor, den anderen 18 Mitgliedschaft in der 'Militanten Kampagne'.

Dass die Öffentlichkeit die fast 40 Anschläge kaum zur Kenntnis genommen hat, erklärt sich, wenn man die Aktionen betrachtet: Gäbe es den Paragrafen 129a nicht, könnte die Staatsanwaltschaft nur wegen Sachbeschädigung und Brandstiftung ermitteln. Mehrere geparkte Autos brannten ab, bei Wohnhäusern, öffent­lichen Einrichtungen und Firmengebäuden wurden Fensterscheiben eingeworfen. Durch die Konstruktion der 'Militanten Kampagne' werden sogar Farbbeutelwürfe auf Häuserfassaden zu terroristischen Akten aufgebauscht.

... Der Anwalt Christoph Kliesing geht davon aus, dass die 129a-Verfahren nur eingeleitet wurden, um die Überwachungsmöglichkeiten der Strafprozessordnung ausschöpfen zu können. Er zweifelt wegen der dürftigen Beweislage daran, dass es überhaupt zu Anklagen gegen die Beschuldigten kommt." ("Die Position der Republik", Jungle World, 20/07)

Der hier geäußerte Vorwurf ist also, daß 129a (Bildung terroristischer Vereinigungen) nur ins Spiel gebracht wurde, um die Sache aufzubauschen und mehr Überwachungsmöglichkeiten zu haben. Wenn es tatsächlich nicht mal zu Anklagen kommt, wäre das natürlich ein weiteres Indiz für die die Fadenscheinigkeit der ganzen Aktion. Worum es nach Meinung vieler Kritiker in Wirklichkeit ging, faßt Carsten Schnober in der Jungle World so zusammen:

"Dass es bei der Aktion ums Sammeln von Informationen über die gesamte Szene ging, verdeutlicht die Durchsuchung beim Internetanbieter SO36.net. Der Durchsuchungsbeschluss wies ausdrücklich Personen- und Adressenverzeichnisse als zu beschlagnahmende Beweismittel aus. Betroffen waren neben zehn privaten E-Mail-Postfächern auch zwei Mailinglisten, womit alle Besitzer darin eingetragener E-Mail-Adressen unter Terrorverdacht gestellt werden.

... Obwohl die Begründungen der Durchsuchungsbeschlüsse und die ausbleibenden Haftbefehle zeigen, dass die Bundesanwaltschaft wenig in der Hand hat, das ihre Vorwürfe untermauert, ist die Liste der Verdächtigen offenbar nicht zufällig zusammengestellt. Vielmehr finden sich darauf bekannte Aktivisten wieder, deren Handlungsfähigkeit während des G8-Gipfels offenbar eingeschränkt werden sollte." ("Die Position der Republik", Jungle World, 20/07)

Ging es also in Wahrheit nur darum, einige "bekannter Aktivisten" für den Zeitraum des Gipfels zu "neutralisieren" und zeitgleich durch die Beschlagnahmung von Personen- und Adressenverzeichnis mehr Infos über die Bewegung als solche zu sammeln? Dann wären die Razzien wirklich überzogen gewesen und unter "falschem Label" (129a) durchgeführt worden.

In einem weiteren Jungle World Artikel schreibt Carlos Kunze über das "Spektakel des Terrorismus":

"So funktioniert es mittlerweile, das deutsche Spektakel des Terrorismus. Es funktioniert über die Herstellung eines Bildes, das sich vollständig von der (geschichtlichen wie gegenwärtigen) Realität abgelöst hat. Es funktioniert über die Amalgamierung von allem und jedem. Dass die Gruppen und Grüppchen wie RAF, RZ, Bewegung 2.Juni, die für den 'bewaffneten Kampf' (so die Gruppen) bzw. 'Terrorismus' (so der Staat) zuständig waren, seit Jahrzehnten nicht mehr existieren, dass die Taten der überaus terrorverdächtigen 'Militanten Gruppe' dem entsprechen, womit sich die Jugend in den französischen Banlieues die Zeit vertreibt: dem Abfackeln von Autos, ist dem Spektakel egal." ("Staatsschauspiel, neu aufgeführt", Jungle World, 20/07)

Natürlich hinkt auch dieser Vergleich, da die Jugendlichen in den französischen Banlieues eben einfach nur x-beliebig irgend welche Autos aus Frust abfackeln, während sich etwa die mg ja ganz gezielt Fahrzeuge heraussucht und ihre Anschläge in einen ideologischen Kontext stellt. Trotzdem ist die Frage natürlich berechtigt, ob man hier wirklich schon von "Terrorismus" reden kann.

Demonstrationsverbote rund um den Gipfel

Ein weiterer Streitpunkt ist das generelle Demonstrationsverbot rund um den G8-Gipfel in Heiligendamm. Kritiker monieren, ein solches Verbot ginge zu weit. Einer der Anwälte die gegen das Verbot eine Klage anstreben, Claus Förster, wurde von Telepolis interviewt:

"Telepolis: Wie werten Sie diese Verbotsverfügung juristisch?

Claus Förster: Ich sehe darin eindeutig einen Verstoß gegen den Paragraphen 15 des Versammlungsgesetzes. Allerdings ist juristisch generell umstritten, ob mit solchen Allgemeinverfügungen in das grundrechtlich geschützte Versammlungsrecht eingegriffen werden kann. Dabei muss es um eine konkrete Versammlung mit konkreten Verdachtsmomenten gehen. Bei den Verboten rund um den G8-Gipfel in Heiligendamm handelt es sich dagegen um eine Allgemeinverfügung, mit der zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten Region alle Demonstrationen generell verboten werden. Eine Einzelfallprüfung wird hier nicht mehr vorgenommen.

Telepolis: Gab es solche Maßnahmen schon früher?

Claus Förster: Ja. Das Bundesverfassungsgericht hat im Zusammenhang mit den Protesten gegen die Castortransporte ins Wendland die Rechtmäßigkeit einer solchen Allgemeinverfügung bestätigt. Im Unterschied zu den Protesten in und um Heiligendamm war in Gorleben allerdings eine wesentlich kleinere Fläche zur versammlungsfreien Zone erklärt worden. Es handelte sich dort um ca. 100 Meter. Das Gericht begründete die Rechtmäßigkeit des Versammlungsverbots damit, dass sich die Proteste auch außerhalb dieser Zone noch in Hör- und Sichtweite der Adressaten befinden. Genau dieses Kriterium würde in unserem Fall nicht mehr gelten, da die Verbotszone mehrere Kilometer umfasst und die Adressaten des Protestes dann davon nichts mehr mitbekommen würden." ("Die rechtlichen Argumente sind auf unserer Seite", Telepolis, 22.05.07)

Förster weiter: "Juristisch sind die Argumente sicher auf unserer Seite. Aber es wäre auch lebensfremd zu glauben, dass die Richter unbeeindruckt von der politischen Großwetterlage ihre Entscheidungen fällen." Ob die Klagen durchkommen kann sich ggf. auch erst kurz vor dem Gipfel zeigen.

Ebenfalls Teil der Panikmache und Terrorhysterie: die Medien

Die legendäre, linksalternative Berliner Band Ton Steine Scherben sang in ihrer Hausbesetzter-Hymne, dem "Rauch-Haus-Song", Anfang der 70er Jahre:

"Und vier Monate später stand in Springers heißem Blatt, daß das Georg-von-Rauch-Haus eine Bombenwerkstatt hat. Und die deutlichen Beweise sind zehn leere Flaschen Wein und zehn leere Flaschen können schnell zehn Mollies sein."

30 Jahre später ist es der Focus der als erstes über die brisanten Ergebnisse der oben beschriebenen Razzien erfahren haben will:

"Der 'Focus' berichtet heute vorab, dass im Zuge der Razzia in Berlin Zubehör für Brandsätze und Zeitzünder sichergestellt worden sein. Das Blatt beruft sich auf erste Analysen der Durchsuchungen. Von Weckern, Drähten, Uhren und größeren Feuerwerkskörpern ist in dem Beitrag die Rede. In Brandenburg hätten Beamte Anleitungen zum Bau von Spreng- und Brandvorrichtungen entdeckt. In Hamburg habe die Polizei bei einem Verdächtigen 'ge- und verfälschte Personaldokumente' beschlagnahmt." ("Polizei fand bei Razzia Zubehör für Brandbomben", Spiegel Online, 12.05.07)

Gefälschte Personaldokumente, Wecker, Drähte, "größere Feuerwerkskörper" und Anleitungen zum Bau von Spreng- und Brandvorrichtungen -- die heute jeder aus dem Internet herunterladen kann. Das riecht schon sehr nach einer eher spärlichen Rechtfertigung für den unverhältnismäßigen Razzia-Einsatz. Die Bundesanwaltschaft wollte die "Enthüllungen" von Focus nicht kommentieren, doch wenn sie am Ende nicht mehr vorzuweisen haben, bleibt es bei der Erkenntnis, daß die Razzien ein politisch motivierter Versuch waren, G8-Gegner im Vorfeld des Gipfels einzuschüchtern.

Doch auch in "Springers heißem Blatt" konnte man natürlich wieder die schönsten Varianten einer Terror-Panikmache studieren. Mit Bezug auf den aktuellen Verfassungsschutzbericht schreibt Bild-Redakteur Einar Koch:

"Im Klartext: Der Verfassungsschutz schließt Anschläge auf Politiker und Manager nicht mehr aus! In der Szene würden bereits Aktionen gegen 'Handlanger und Profiteure des Systems' diskutiert ('Knieschüsse', 'Exekutionen')." (Bild, 14.05.07, zitiert nach BILDblog)

Die Geschichte mit den "Knieschüssen" und "Exekutionen" machte dann in den restlichen Medien schnell die Runde. Tatsächlich resümiert der Verfassungsschutzbericht jedoch:

"Insgesamt war wiederum keine signifikante Entwicklung in der Militanzdebatte feststellbar. Nach wie vor überwiegen kritische Einschätzungen." (Verfassungsschutzbericht 2006, S. 153)

Und in der taz heißt es weiter zu einer Stellungnahme des Verfassungsschutz-Präsidenten Heinz Fromm:

"Schlechte Nachrichten für die Fans der Panikmache vor dem G-8-Gipfel: (...) Spekulationen über einen neuen RAF-Terrorismus seien 'völlig gegenstandslos', versicherte Fromm. Er habe vielmehr zuletzt 'ein paar sehr zugespitzte Überschriften' in der Presse gelesen. (...) Und was ist mit der Meldung der Bild-Zeitung, der Verfassungsschutz schließe von Linksextremen begangene 'Anschläge auf Politiker und Manager nicht mehr aus'? In der Szene würden auch 'Exekutionen' diskutiert? Im Moment habe sein Amt keine Hinweise, dass militante G-8-Gegner Anschläge auf Menschen planten, sagte Fromm." ("Agenten entspannter als Journalisten", taz, 16.5.07)

Natürlich ist es immer denkbar, daß eine linksextremistische Gruppierung wie die mg irgendwann dazu übergeht, auch Anschläge auf Menschen zu verüben. Insofern ist der Titel der Bild-Zeitung auch sinnig, denn völlig ausschließen konnte und kann man doch linksextremistische Anschläge auf Politiker und Manager nie. Glücklicherweise gab es solche Anschläge auf Menschen aber seit der RAF nicht mehr (im Gegensatz zum Rechtsextremismus, der eben immer noch Menschenleben fordert). Und nach Erkenntnissen des Verfassungsschutz gibt es auch keine konkreten Hinweise, daß sich das im Zuge des G8-Gipfels ändert. Was also soll die von der Bild-Zeitung losgetretene Hysterie?

Ähnlich wie der Focus fährt auch die Springerpresse im Vorfeld von Heiligendamm eine Panikmache-Schiene, die den Protest gegen den G8-Gipfel in den Kontext von Terrorismus zu stellen versucht. Das geht dann Hand-in-Hand mit Polizei und Staatsanwaltschaft, die mit Razzien, "Hausbesuchen", Demonstrationsverbot und einigen anderen Repressionsmitteln versucht, die Anti-G8-Bewegung noch vor Beginn des eigentlichen Gipfels zu zähmen.

Fazit

Daß die deutsche Staatsmacht versucht, die Randale im Kontext des G8-Gipfels schon im Keim zu ersticken erscheint legitim. Tatsächlich ist jetzt im Vorfeld von Heiligendamm eine Zunahme von Brandanschlägen zu verzeichnen (wobei noch zu klären wäre, ob die wirklich ausnahmslos alle etwas mit dem G8-Gipfel zu tun haben, schließlich haben diese Anschläge auf Sachgegenstände eine längere "Tradition", die sicherlich keinen unmittelbaren Bezug zu Heiligendamm hat). Und auch während des Gipfels wird es vermutlich Ausschreitungen geben. Da Heiligendamm als solches eine No-go-area ist und es das Demoverbot für den Gipfel-Bereich gibt, wird inzwischen Hamburg als wahrscheinlichster Knotenpunkt für Ausschreitungen prophezeit.

Es stellt sich jedoch die Frage nach der Recht- und Verhältnismässigkeit. Wenn Razzien tatsächlich nur als Vorwand dazu dienen, an Informationen über die Struktur der Anti-G8-Bewegung zu kommen und die Bewegung unter Druck zu setzen (nach dem Motto: "Wehe wenn ihr...") bzw. den Handlungsspielraum potentieller Deliquenten für den Zeitraum des Gipfels einzuschränken, dann wäre das rechtsstaatlich ein höchstbedenklicher Vorgang. Gleiches gilt natürlich für die Einschränkung des Demonstrationsrechts, hier bleibt abzuwarten, ob das Verbot nicht doch noch aufgehoben werden muß.

Weiterhin treffen diese präventiven Gegenmaßnahmen eben gerade nicht den radikalen Flügel, der im Gegenteil die Repression als Steilvorlage nimmt, die Serie von Brandanschlägen zu intensivieren. Die Razzien haben der radikalen Linken noch mal einen sehr starken Schub an Unterstützern verschafft, weil sich alle in eine "Jetzt erst recht"-Stimmung steigern ("Tausende protestieren gegen Razzien", Spiegel Online, 10.05.07). Auch rein strategisch betrachtet ist dieses Vorgehen für die Staatsmacht also kontraproduktiv.

Auf der anderen Seite wird dann die Hysterie vor einem wieder aufkeimenden "Linksterrorismus" insbesondere von der bürgerlichen Presse systematisch weiter aufgebaut. Jahrelang hat sich keiner für in Brand gesteckte Autos interessiert, erst im Vorfeld des G8-Gipfels wird das Stereotyp des "langhaarigen Bombenlegers" auf einmal wiederentdeckt. Nur erstens machen Brandanschläge auf Sachgegenstände noch keine neue RAF, zweitens steht wenn nur ein Bruchteil der durch Linksextremisten in den letzten Jahren verübten Brandanschläge in einem direkten Kontext zum G8-Gipfel in diesem Jahr. Nur verkauft sich Gewalt bzw. mögliche Gewalt als Schlagzeile natürlich immer besser, als eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der durchaus berechtigten Kritik der Anti-G8-Bewegung am Gipfel.

Das Ergebnis ist eine Kriminalisierung der Anti-G8-Bewegung, denn das in der Öffentlichkeit durch mediale Berichterstattung und staatliche Präventionsmaßnahmen konstruierte Bild suggeriert eine Gleichsetzung von "Gewalt", "Terrorismus" und "Anti-G8-Protest". Daß die große Mehrheit der Demonstranten und Aktivisten eben nicht irgendwelche Autos abfackelnde und Steine schmeißende Hooligans sind, wird in der Berichterstattung vielleicht mal am Rande erwähnt, geht aber ansonsten in der Terrorismushysterie einfach unter.

Mittwoch, April 18, 2007

Die Meisterprüfung

1967 schaffte der damals mit 30 noch recht junge Dustin Hoffmann mit seiner Rolle in "Die Reifeprüfung" seinen cineastischen Durchbruch. Der Film, der die Beziehung eines jungen Liebhabers zu einer älteren, verheirateten Frau thematisiert, galt damals je nach Standpunkt als revolutionär oder skandalös. Auf jeden Fall schrieb er Filmgeschichte.

Auch Günther Oettinger, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, hatte in den vergangenen Tagen eine Art "Reifeprüfung" zu bestehen, obwohl er natürlich wenig mit der Filmfigur des Benjamin Braddock gemein hat. Reinhard Mohr spottete im Spiegel Online, Oettinger gehöre wie seine Kumpane vom Andenpakt zu einer Generation ehemaliger RCDSler, die während der 68er-Zeit an Universitäten verlacht und isoliert wurden und jetzt als Ministerpräsidenten ernst genommen werden müßten, sozusagen eine späte Rache der "spießigen Mama- und Papasöhnchen, die die politische Meinung ihrer Eltern weitgehend als ihre eigene ausgaben". Auch FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher betonte in einem Leitartikel Oettinges "spießbürgerliches Unverhältnis zur Vergangenheit".

Die "Reifeprüfung" Oettingers war also eine andere, Georg Brunnhuber, Baden-Württembergs CDU-Landesgruppenchef im Bundestag, sprach von einer "Meisterprüfung". "Die Wirkung für die 'christlich-konservative Seele' sei nicht zu unterschätzen, so der Bundestags-Abgeordnete. 'Für unsere Anhängerschaft hat er einen ganz, ganz großen Schritt getan. Er hat ein Tor aufgestoßen.'" (zitiert in Spiegel Online, 14.04.07).

Demnach bestand Oettingers "Meisterprüfung" also darin, daß er den ehemaligen NS-Marinerichter Hans Filbinger, der Todesurteile gegen Fahnenflüchtige mitunterzeichnet hatte, posthum zu einem "Gegner des NS-Regimes" erklärte (Dokumentation der Trauerrede, Spiegel Online, 12.04.07). Und damit nicht nur seinem CDU-Landesverband, sondern auch einem nicht unwesentlich Teil der Bevölkerung Baden-Württembergs aus der Seele sprach, die auf Filbinger nichts kommen lassen wollen und seinen Rücktritt 1978 als Ministerpräsident immer noch als ungerecht empfinden.

Trotz des zu erwartenden Gegenwinds (die Rede war von Anfang an in Oettingers Stab umstritten), hat Oettinger also mit seiner Trauerrede einen Versuch unternommen, dem rechten Rand der CDU zu gefallen. Damit hat er seine "Meisterprüfung", seine Mutprobe bestanden und sich einen Platz im christdemokratischen Altherrenclub nachhaltig verdient. Eine ähnliche Prozedur durchlief Roland Koch während der hessischen Spendenaffäre, auch hier war klar: entweder er stürzt oder er sitzt es aus und ist danach stärker denn je. "Was uns nicht umbringt, macht uns stärker" ist hier -- im übertragenden Sinn -- das Motto (welches ja angeblich auf Nietzsche zurückgeht).

Der Unterschied ist nur, daß Oettinger die Sache eben nicht ausgesessen hat, sondern nach mehreren Anläufen schließlich die problematische Aussage, daß Filbinger ein Gegner des NS-Regimes gewesen sei, zurückgenommen hat. Zuvor hatte er nur von möglichen "Mißverständnissen" gesprochen und sich dafür entschuldigt die Hinterbliebenen von NS-Opfern verletzt zu haben, sowie festgehalten, daß Dritte ihm lediglich unterstellen würde, er habe "Filbinger zum Widerstandskämpfer erklärt". Trotz dieses sukzessiven Zurückweichens und Herumeierns hat Oettinger in den Augen seiner konservativen Unionskollegen aber wohl seine "Meisterprüfung" bestanden, wie Brunnhuber das schon ganz richtig feststellte.

Viel spekuliert wurde auch über die Motivation von Michael Grimminger, der die Trauerrede für Oettinger verfaßt hatte und als glühender Anhänger / Verehrer Filbingers gilt (Spiegel Online, 13.04.07). Ging es also nur um einen übereifrigen Nachwuchspolitiker der sich mit einer zugespitzten Rede profilieren wollte und bewußt die Provokation suchte? Dagegen spricht, daß die Rede offenbar kontrovers in Oettingers Stab diskutiert wurde, dieser sich aber ganz bewußt dafür entscheiden hatte, sie so zu halten. Es geht also nicht darum, daß Oettinger von seinen eigenen Leuten "überrumpelt" wurde. Auch kann es nicht nur darum gegangen sein, mit dem Rechten Rand der CDU zu kuscheln (und es eigentlich gar nicht so zu meinen). Oettinger glaubt wirklich an das, was er da gesagt hat, daran läßt seine Bestimmtheit und das lange Aufrechthalten der zentralen Aussage eigentlich keinen Zweifel.

Ähnlich wie in den Fällen Hohmann und Jenninger hat es die CDU-Spitze geschafft die Sache vom Tisch zu kriegen, ohne daß sie darüber reflektiert hätte, wie es um geschichtsrevisionistische Tendenzen in der eigenen Partei-Basis und Wählerschaft bestellt ist. Während der ganzen Diskussion lag der Fokus stark auf Oettinger, dabei ist der wesentlich größere Skandal, daß er für sein Tun vom eigenen Landesverband nicht etwa getadelt sondern gelobt wurde (Stichwort: "Meisterprüfung"). So hat der Grüne Fritz Kuhn sicherlich nicht ganz unrecht, wenn er feststellt: "Die Südwest-CDU hat in den dreißig Jahren seit dem Filbinger-Rücktritt im Zusammenhang mit Aufarbeitung und Umgang mit der deutschen Geschichte nichts dazu gelernt" (zitiert in Spiegel Online, 17.04.07).

Angela Merkel stellte sich Oettinger zwar entgegen und tadelte ihn, doch tat sie es wirklich aus Überzeugung und Einsicht oder doch eher primär als Bundeskanzlerin mit dem Blick auf Deutschlands Wahrnehmung im Ausland? Innerhalb ihrer Partei hat sie sich jedenfalls mit ihrem Verhalten nicht nur Freunde gemacht, da hätte man es lieber gesehen, sie hätte versucht die Sache anders zu deckeln (Spiegel Online, 17.04.07).

Nur, was wäre passiert, wenn Oettinger stur geblieben wäre? Wer hätte ihm denn was gekonnt? Nur der eigene Landesverband und der stand und steht stramm hinter ihm. Der Druck aus der Bundeszentrale war am Ende wohl zu groß, von tatsächlicher Einsicht ist aber zumindest in der Südwest-CDU nichts zu spüren. Und es ist vermutlich auch nur eine Frage der Zeit, bis irgendwo in der Union wieder jemand nicht an sich halten kann und so blöd ist seine tatsächliche politische Meinung zur deutschen Vergangenheit herauszuposaunen.

Lesenswertes zum Thema:
  • Sebastian Fischer und Severin Weiland: "Oettingers fataler Flirt mit der Rechten", Spiegel Online, 13.04.07 (der einzige Spon-Artikel der auf die Hintergründe in der Südwest-CDU eingeht)

  • Christian Bommarius: "Die Oettinger-Affäre", Berliner Zeitung, 13.04.07 (Bommarius nennt die in der Diskussion oft übersehenden Tatsachen, daß Filbinger letztlich nicht wegen seiner NS-Vergangenheit, sondern wegen seiner Uneinsichtigkeit gehen mußte und das Oettinger nun die fatale Aussage Filbingers wörtlich in seiner Trauerrede übernommen hat)

  • Klaus Stuttmann: "Wenn Dr. Oettinger Geschichtslehrer geworden wäre...", Tagesspiegel, 13.04.07 (beste Karikatur zum Thema)

  • Reinhard Mohr: "Nazi-Muff aus 1000 Jahren", Spiegel Online, 15.04.07 (Mohr betont besonders das Nicht-erwähnen der Nazi-Opfer)

  • taz-Titelblatt: "Ich kann alles. Außer Geschichte.", taz, 16.04.07 (in Anspielung auf die baden-württembergische Eigenwerbungs-Kampagne "Ich kann alles. Außer Hochdeutsch")

  • Frank Schirrmacher: "Am Ende zählen Taten", FAZ, 16.04.07 (Schirrmacher analysiert und zeigt auf, warum Oettingers Verhalten auch aus konservativer Sicht untragbar ist)

  • Die PARTEI: "Oettinger stürzen" (Wortspiel von Der PARTEI / Titanic-Magazin mit Anspielung auf das Oettinger-Bier)

Montag, März 05, 2007

Die Zersplitterung der MSN Community

Wie im letzten Jahr berichtet, hat MSN seine Group Chats im Oktober 2006 außer Betrieb gestellt, so daß sich die Manager der weiterhin existierenden MSN Groups einen externen Chat-Anbieter suchen mußten, sofern sie den jeweiligen Group-Mitgliedern auch weiterhin einen Chatroom anbieten wollten.

Wie prognostiziert hat dieser Schritt zu einer starken Zersplitterung der MSN Community geführt. Nicht nur, daß fast jede Group nun ihren eigenen externen Webchat hat, der jeweils eine eigene zu installierende "Chatsoftware" sowie eine separate Anmeldung voraussetzt, selbst innerhalb der jeweiligen Group hat das traditionelle "Cliquen-System" dazu geführt, daß nun nahezu jede Clique ihr eigenes Portal samt eigenen Chatroom hat.

Am Beispiel der Herzflimmern Group (HF) läßt sich dieser "Zersplitterungs-Prozeß" ganz gut nachzeichnen. Der blogSquad-Kollege Tiefdruckgebiet hat schon damals die Zweiteilung des HFs veranschaulicht. Inzwischen ist die Aufsplittung weiter vorangeschritten, es lassen sich mindestens vier verschiedene HF-Communities im Web ausmachen.

1) meeting4all.de

Während sich das offizielle HF-Forum immer noch in den Groups selbst befindet (und somit als einziges von MSN selbst betrieben wird), findet sich der dazugehörige offizielle Chatroom inzwischen bei meeting4all.de, zu dem es dort aber auch ein eigenes Forum zu geben scheint.

2) herzflimmern-chat.com

Eine alternative HF-Community findet sich bei herzflimmern-chat.com, dort gibt es dann sowohl ein eigenes Forum, als auch einen eigenen Chatroom.

3) gutchat.de

Ein weiterer HF-Chatroom findet sich bei GuT-Chat, die daneben noch zahlreiche weitere Chatrooms im Angebot haben. Auch hier gibt es natürlich ein Forum, das sich allerdings allgemein auf alle angebotenen Chatrooms zu beziehen scheint.

4) herzflimmern.org

Noch eine HF-Community findet man bei herzflimmern.org, der eigene Chatroom wird bei FTS-Chat betrieben (die dasselbe System wie GuT-Chat zu nutzen scheinen), das dazugehörige Forum wird bei siteboard.de gehostet.

Schlußfolgerung

Ist der hier aufgezeigte Zersplitterungs-Prozeß nun positiv oder negativ zu beurteilen?

Wenn Leute sich nicht wirklich leiden können und sich immer wieder in die Haare kriegen, ist es vielleicht eher positiv wenn jede Gruppe ihren eigenen Chat samt Portal aufmacht. Es überwiegen m.E. jedoch die Nachteile:
  1. Die neuen Chatportale bedeuten zwar mehr Vielfalt, anders als in den alten Tagen bei MSN ist diese Vielfalt aber nicht mehr unter einem Dach vereint, es fehlt der gemeinsame Dreh- und Angelpunkt.

  2. Viele Nutzer die Mitglied in mehreren MSN Groups sind, finden es sicherlich nervig und abschreckend, wenn jede Group nun ihr eigenes externes Chatportal mit separater Registrierung hat. Hinzu kommt, daß es wie exemplarisch aufgezeigt auch Groups gibt, bei denen es neben dem offiziellen auch noch "inoffizielle" Chatrooms gibt.

  3. Eine weitere Frage ist, inwiefern diese diversen Klein- und Kleinst-Gruppen dann überhaupt "überlebensfähig" sind. Eine Gruppe spaltet sich ab, von der sich nach dem ersten Knatsch dann widerum eine noch kleinere Gruppe abspaltet. Irgendwann sind dann vielleicht noch ein halbes Dutzend Leute übrig und der Chatroom dann sicherlich nicht selten gähnend leer.

  4. Einer der zentralen Vorzüge der MSN Chats bzw. MSN Group Chats war ja, daß man hier auch neue Leute kennenlernen konnte. Insbesondere bei den bekannteren Groups wurden durch MSNs hohen Bekanntheitsgrad ständig neue Nutzer "hineingespült". Die jetztigen Sub-Coms haben dagegen sicherlich Probleme, ein konstantes Mitglieder-Wachstum sicherzustellen. Treffen sich aber immer nur die gleichen Leute im Chat, kann man die Kommunikation genauso gut über den Messi führen.

Nun sollte man nicht in die berüchtigte Früher-war-alles-besser-Nostalgie verfallen, gerade am Beispiel der HF Group läßt sich erkennen, daß der Verfallsprozeß schon lange vor der Schließung der MSN Group Chats begonnen hatte. Nur ist dieser Verfallsprozeß mit dem Wegfall der MSN Group Chats sicherlich noch mal erheblich beschleunigt worden. Und jeden der das HF noch aus besseren Tagen kennt, muß Wehmut überkommen, wenn er sich die heutige Lage ansieht.

Für MSN sind die MSN Groups ein abgeschlossenes Projekt, man setzt was die Weiterentwicklung angeht lieber auf die Live Spaces. Die Frage ist, wie lange man die Groups noch nebenher laufen läßt und wann man sich erbarmt und sie endgültig aus dem Verkehr zieht.

Freitag, März 02, 2007

Keine Gnade für Klar

Schon bei der Frage nach der vorzeitigen Haftentlassung der Ex-RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt gab es vor kurzem eine erhitzte Debatte darüber, ob man das wirklich tun sollte oder nicht. Ein entsprechendes Gesuch wurde vor gut einem Jahr am 21.02.06 abgelehnt, am 27.03.07 kommt Mohnhaupt jetzt aber dennoch auf Bewährung frei, da sie die gerichtlich festgelegte Mindesthaftzeit von 24 Jahren verbüßt hat. Ein solches Vorgehen ist im deutschen Rechtssystem durchaus Usus, da die "lebenslange Freiheitsstrafe" selbst beim Vorliegen der sogenannten "besonderen Schwere der Schuld" eben schon lange nicht mehr wirklich "lebenslang" bedeutet.

Der Fall Christian Klar liegt etwas anders, dieser hat seine Mindesthaftzeit erst im Jahr 2009 verbüßt. Er hat aber ein Gnadengesuch gestellt, welches Bundespräsident Horst Köhler voliegt und im Fall einer Bewilligung die frühzeitige Haftentlassung Klars zur Folge hätte. Anders als im Fall Mohnhaupt geht es bei Klar also im Moment nicht um eine Freistellung auf Bewährung nach Verbüßung der Mindesthaftzeit, sondern um eine mögliche Begnadigung durch den Bundespräsidenten.

Beiden Inhaftierten ist gemein, daß sie sich bisher nicht eindeutig von ihren Taten distanziert haben und auch keine Bereitschaft erkennen lassen, Licht ins Dunkel des RAF-Terrorismus zu bringen. Denn bis dato ist immer noch weitgehend unbekannt, wer genau bei der RAF eigentlich für was verantwortlich war und wer alles Mitglied war (dies gilt insbesondere für die nebulöse sogenannte "dritte Generation" der RAF).

Dennoch gibt es eine von ehemaligen FDP-Spitzenpolitikern getragene Initiative, die sich dafür einsetzt, daß bereits lang einsitzende Ex-RAF-Terroristen begnadigt werden bzw. nach Verbüßung der Mindeststrafe freikommen. Zu dieser Initiative gehören Gerhart Baum (Bundesinnenminister von 1978 bis 1982) und Klaus Kinkel (Bundesaußenminister von 1992 bis 1998). Diese Politiker treten für das Grundprinzip im deutschen Strafrecht ein, daß kein Verurteiler bis ans Ende seiner Tage inhaftiert bleibt, sondern daß selbst dem schlimmsten Täter in Aussicht gestellt werden muß, das Gefängnis eines Tages wieder verlassen zu können.

"Ex-Außenminister Kinkel sagte der 'Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung': 'Nach 24 Jahren Haft muss Gnade vor Recht ergehen.' Wer so lange gebüßt habe, müsse auch irgendwann die Chance bekommen, in die Gesellschaft zurückzukehren. Als Bundesjustizminister hatte Kinkel Anfang der 90er Jahre eine Versöhnungsinitiative ins Leben gerufen und damit die damals noch aktiven RAF-Terroristen zum Aussteigen bewegen können." (FTD, 21.01.07)

Erst Kinkels Versöhnungsinitiative hat also dazu geführt, daß sich die RAF im Jahr 1998 schließlich endgültig aufgelöst hat (de facto war sie schon seit 1993 nicht mehr aktiv). Und in der "Tradition" dieser Versöhnungsinitiative und der Überzeugung, daß in Deutschland niemand bewußt bis zum altersbedingten Tod inhaftiert bleiben dürfe, hat er sich in der Vergangenheit schon mehrmals für die Begnadigung von Ex-RAF-Terroristen eingesetzt.

Konservative Politiker und die Angehörigen der RAF-Opfer wollen davon aber nichts hören, ihnen mißfällt insbesondere, daß sich Mohnhaupt und Klar nie entschuldigt und klar von ihren Taten distanziert haben und daß sie auch gar nicht daran denken, noch ausstehende Fragen zu beantworten. Etliche Kommentatoren nennen aber zumindest letzteres als Grundvoraussetzung für eine Begnadigung von Klar. So schreibt Claus Christian Malzahn bei SPON:

"Hallo Ex-RAF - hier ist der Deal: Sagt uns endlich, wer geschossen hat, dann reden wir über Gnade. Denn wir wissen noch immer nicht, wer Hanns Martin Schleyer auf dem Gewissen hat. Wir haben keine Ahnung, wer den Spitzenbeamten von Braunmühl ermordete. Und nur Indizien, welche Personen hinter dem Attentat auf Detlev Karsten Rohwedder stecken. Wenn die einstigen RAF-Terroristen sich schon nicht entschuldigen wollen - was wäre das auch wert - sollten sie wenigstens erklären, wie es war und wer es war." (SPON, 28.02.07)

Die Feststellung, daß man auf eine Entschuldigung auch gut und gerne verzichten könne, weil diese ohnehin nichts wert sei, stößt sicherlich einigen Lesern böse auf. Was Malzahn meint, ist, daß man bei einer Entschuldigung ohnehin nicht sagen kann, inwiefern sie ernst gemeint ist oder nur einem Opportunitätsgedanken der auf Freiheit bedachten Täter entspringt. Demgegenüber "Insider-Wissen" über die RAF durchaus einen Wert hätte, weil so bislang unklare Sachverhalte ermitteln werden könnten.

Doch nicht alle Diskussionsbeteiligten stellen solche Grundbedingungen, in die Kritik durch konservative Politiker geriet z.B. auch Claus Peymann, der Intendant des Berliner Ensembles, weil er sich für Klars Freilassung (ohne irgendwelche Bedingungen) ausgesprochen und ihm in einem solchen Fall auch ein Praktikum als Bühnentechniker im Berliner Ensemble in Aussicht gestellt hat. Was insofern vernünftig ist, als daß Klar im Fall seiner Freilassung ja irgendwie den Weg zurück in die Gesellschaft finden muß, wofür eine Arbeitstätigkeit sicherlich hilfreich wäre und wer sonst wäre schon bereit, einen Ex-Terroristen zu beschäftigen? Offensichtlich ist aber natürlich auch, daß der als kapitalismuskritisch geltende Peymann hier bewußt provoziert. Ihm muß natürlich klar gewesen sein, daß seine eindeutige Stellungnahme für Wirbel sorgen wird.

Die Chancen von Christian Klar durch den Bundespräsidenten begnadigt zu werden standen von Anfang an schlecht, sind inzwischen aber gen Null gesunken, nachdem in der "jungen Welt" sein Grußwort an die Rosa-Luxemburg-Konferenz veröffentlicht wurde, welches auf besagter Konferenz auch öffentlich verlesen wurde. Darin bringt Klar zum Ausdruck, daß er dem kapitalistischen System nach wie vor kritisch gegenüber steht und an die Notwendigkeit es zu überwinden glaubt:

"Aber wie sieht das in Europa aus? Von hier aus rollt weiter dieses imperiale Bündnis, das sich ermächtigt, jedes Land der Erde, das sich seiner Zurichtung für die aktuelle Neuverteilung der Profite widersetzt, aus dem Himmel herab zu züchtigen und seine ganze gesellschaftliche Daseinsform in einen Trümmerhaufen zu verwandeln. Die propagandistische Vorarbeit leisten dabei Regierungen und große professionelle PR-Agenturen, die Ideologien verbreiten, mit denen alles verherrlicht wird, was den Menschen darauf reduziert, benutzt zu werden.

Trotzdem gilt hier ebenso: 'Das geht anders'. Wo sollte sonst die Kraft zu kämpfen herkommen? Die spezielle Sache dürfte sein, daß die in Europa ökonomisch gerade abstürzenden großen Gesellschaftsbereiche den chauvinistischen 'Rettern' entrissen werden. Sonst wird es nicht möglich sein, die Niederlage der Pläne des Kapitals zu vollenden und die Tür für eine andere Zukunft aufzumachen." (junge Welt, 13.01.07)

Diese Erklärung führte dazu, daß die schon in Aussicht gestellten Hafterleichterungen für Klar vorerst zurück gezogen wurden und nun erneut geprüft wird, ob man sie ihm gewähren kann (FTD, 28.02.07). Die Begnadigung durch den Bundespräsidenten kann unter diesen Umständen gar nicht erst in Erwägung gezogen werden, zumindest nach Meinung der Unions-Politiker. Die Äußerungen von Klar würden deutlich machen, daß der sich kein Stück gewandelt habe, immer noch dieselbe Einstellung habe, wie vor 30 Jahren.

Doch was hatte man erwartet, nachdem man Klar mehr als 20 Jahre lang weitgehend isoliert im Knast verrotten ließ? Es ist doch klar, daß jemand der solange von der Außenwelt abgeschnitten lebt, wie in einer Zeitkapsel gefangen bleibt. Während sich die Welt "draußen" weiter entwickelt, bleibt Klar auf dem Stand der Zeit seiner Inhaftierung. Dies ist kein besonders überraschendes Phänomen, viele Langinhaftierte haben dieses Problem. Die Frage ist dann, was eigentlich innerhalb der letzten 20 Jahre unternommen wurde, Christian Klar langsam wieder zu resozialisieren. Wenn man sich darauf beschränkt hat, ihn einfach nur wegzuschließen, kann es kaum überraschen, daß er sich in seinem Denken nicht weiter entwickelt hat.

Ausschlaggebend ist am Ende, was genau er in seiner Erklärung eigentlich sagt. Er nutzt eine Terminologie aus den 70ern, redet davon "die Niederlage der Pläne des Kapitals zu vollenden", von der "Kraft zu kämpfen". Das ist Kapitalismuskritik, aber kein Aufruf das System gewaltsam zu überwinden. Die alte Formel der Konservativen, daß Kapitalismuskritik mit Terrorismus gleichzusetzen ist, ist letztlich genauso überholt, wie Klars "Schlagwortsammlung aus dem linksextremen Poesiealbum" (Malzahn) auf der anderen Seite. Malzahn bringt das auf den Punkt, wenn er schreibt:

"Die Politik überschlägt sich nun geradezu mit ihrer Verurteilung dieses bereits verurteilten Mörders. Guido Westerwelle scheint Kapitalismuskritik fast generell unter Strafe stellen zu wollen, und in der CSU möchte man Klars Knastzeit sogar verlängern. Die alten Reflexe funktionieren noch immer gut - auf beiden Seiten."(SPON, 28.02.07)

Geht es CSU-Politikern wie Markus Söder und Günther Beckstein wirklich um die Opfer des RAF-Terrorismus, wenn sie sich über die mögliche Begnadigung und Klars Grußwort ereifern? Geht es wirklich darum, daß von Leuten wie Klar immer noch eine Bedrohung ausgeht? Knapp 10 Jahre nach Auflösung der RAF?

Nein, natürlich nicht. Es geht wie gerade die Reaktionen auf Klars Grußwort deutlich gemacht haben darum, daß Kapitalismuskritik in einem konservativen Gesellschaftsmodell per se nichts zu suchen hat. Es geht darum, daß Klar eben nicht irgend ein Mörder war, sondern einer der das System in Frage gestellt hat, der aus einer linken (sic!), politischen Ideologie heraus gemordet hat.

Es gibt andere Mörder, die ebenso skrupellos gemordert haben, allerdings ohne politischen Hintergrund, und bei denen weit weniger Aufsehens gemacht wird, wenn es um ihre frühzeitige Entlassung geht. Auch das indiziert, daß linke Spitzenpolitiker nicht ganz unrecht haben, wenn sie im Umgang mit dem Fall Klar von einer "Gesinnungsjustiz" sprechen (SPON, 01.03.07).

Genauso wenig wie Politiker wie Beckstein und Söder jemals verwinden werden können, daß es ein Straßenschläger aus der Frankfurter Sponti-Szene in diesem Land bis zum Außenminister geschafft hat, werden sie jemals akzeptieren können, daß ein ehemaliger Linksterrorist nach einem Vierteljahrhundert Haft wieder auf freien Fuß kommen soll.

In der Minderheit sind sie dabei keineswegs, in der gestrigen n-tv Telefon-Umfrage waren nur 20% der Teilnehmer für eine Begnadigung von Klar, 80% dagegen. Andere, deutlich repräsentativere Umfragen zeigen ein ähnliches Bild. Eine deutliche Mehrheit der deutschen Bevölkerung ist gegen die Begnadigung von Ex-RAF-Terroristen. Nur würde man in Fragen Haftentlassung nach dem Mehrheitswillen der Bevölkerung gehen, würde vemutlich grundsätzlich kein Täter der sich eines Kapitalverbrechens schuldig gemacht hat, je wieder raus kommen. Das ist in modernen Rechtsstaaten zurecht nicht der Maßstab.

Entscheident wird am Ende das Votum von Horst Köhler sein, doch wird der sich nach dieser kontroversen, öffentlichen Diskussion tatsächlich noch trauen, Klar zu begnadigen? Zudem er ja selbst dem konservativen Lager entstammt. Beobachter führen zwar an, daß Köhler schon mehr als einmal eine unbequeme Entscheidung getroffen hat, doch da ging es immer um Gesetze und nicht um ein so emotionsbeladenes und politisch hochbrisantes Thema wie die Begnadigung eines ehemaligen RAF-Terroristen. Köhler wird Klar kaum begnadigen können. Eine andere Frage ist, was dann 2009 passiert, wenn Klar wie heute schon Mohnhaupt seine Mindesthaftzeit von 24 Jahren abgesessen haben wird. Beckstein hat schon mal klargestellt, daß er Klar auch dann nicht entlassen sehen will (SPON, 28.02.07).

Mittwoch, Februar 14, 2007

Ich ahnte es schon immer: Die Elite guckt MTV *lacht*

Was lief heute im Werbeblock bei MTV? Werbung für die Singlebörse "ElitePartner.de". Das Portal wirbt mit dem Slogan "Die Adresse für Singles mit Niveau", was man durchaus als Marktlücke bezeichnen kann, denn wer sich schon mal mit einem Singleportal auseinandergesetzt hat, kennt vermutlich das Problem, dort mit teils unseriösen und niveaulosen Angeboten konfrontiert zu werden.

Der gebildete Mensch hat es generell nicht besonders leicht, Gleichgesinnte im Netz zu finden (ich weiß wovon ich rede *g*). Selbst bei Portalen, die sich z.B. auf Studenten konzentrieren, ist das intellektuelle Niveau mitunter recht gruselig. Womit wir auch schon beim Thema wären, ElitePartner.de betont seinen hohen Akademikeranteil:

"Der Akademikeranteil von 67 Prozent zeigt, dass wir an hohen Ansprüchen gemessen werden."

Wie selbstverständlich wird hier also eine Korrelation zwischen "Niveau" und "Akademiker" unterstellt, so als sei jemand mit einem akademischen Abschluß regelrecht prädestiniert dafür, auch mehr Niveau mitzubringen als jemand der keinen solchen Abschluß vorzuweisen hat.

Zunächst müßte man natürlich klären, was konkret man eigentlich unter "Niveau" versteht. Hat man schon ein hohes Niveau, wenn man mit Messer und Gabel essen kann? Oder wenn man sich in vollständigen Sätzen artikulieren kann? Muß man ein humanistisches Gymnasium besucht haben? Muß man Mississippi richtig buchstabieren können? Bezieht sich Niveau auf intellektuelle, sexuelle oder finanzielle Potenz? Oder braucht man gleich alles im hohen Maße, um als niveauvoll zu gelten?

Ein weiteres Problem ist, daß Akademiker natürlich nicht gleich Akademiker ist. Ein studierter Erziehungswissenschaftler oder Philosoph unterscheidet sich in seinem Niveau vermutlich deutlich von einem Betriebswirt oder Informatiker. Das Einkommen von Betriebswirten liegt im Durchschnitt vermutlich über dem von Philosophen. Umgekehrt gibt es sicherlich mehr intellektuelle Philosophen als intellektuelle Betriebswirte. Ob ein Akademiker dann mehr oder weniger Niveau als ein Nicht-Akademiker hat hängt auch davon ab, von welcher "Sorte" Akademiker eigentlich die Rede ist.

Obwohl es unter Akademikern natürlich auch Arbeitslosigkeit gibt, ist die Wahrscheinlichkeit arbeitslos zu werden mit Hochschulabschluß deutlich geringer als ohne. Ist hier also mit "Niveau" ein hohes oder zumindest sicheres Einkommen gemeint? Wenn "Niveau" dagegen im Sinne von "intellektuell" gemeint ist, dürfte es sicherlich schon schwieriger werden, Akademiker zu finden, die dieses Kriterium heutzutage noch wirklich erfüllen können. Auch wenn sich "Niveau" auf das "Verhalten" / "Auftreten" einer Person bezieht, bezweifle ich, ob hier Akademiker besser abschneiden als Nicht-Akademiker.

Und wenn der Akademikeranteil unter den Nutzern wirklich ein zentrales Kriterium ist, sind 67% ehrlich gesagt nicht so hoch. Was will denn das restliche Drittel der Nicht-Akademiker? Sich verbessern? Einen Partner finden, der aufgrund seines Akademikerstatus' für ein höheres Auskommen sorgen kann? Jemand, mit dem man nicht nur Pferde stehlen kann, sondern der einem auch beim Sudoku helfen kann? Diese Kategorisierung von Akademikern und Nicht-Akademikern erscheint reichlich absurd.

Und wo lief der Werbespot? Ausgerechnet auf MTV, der Heimat von Jamba-Klingeltönen und TRL.

Mittwoch, Dezember 20, 2006

Lookism und Antilookism

In Berlin gibt es eine bis dato noch eher kleine, neue politische Bewegung die sich gegen den sogenannten "Lookism" richtet. Wikipedia definiert den Begriff wie folgt:

"Der Begriff Lookism wird in jüngster Zeit benutzt für die systematische Diskriminierung von Menschen, die nicht den vorherrschenden Schönheitsnormen entsprechen." (Wikipedia)

Während der Terminus in den USA schon bekannter ist, sagt er hierzulande nur sehr wenigen Eingeweihten etwas. Eine Gruppe von Aktivisten will dies nun ändern und bietet auf der Website lookism.info zahlreiche Informationen zum Thema. In der Jungle World, die sich mit zwei Aktivistinnen der Gruppe unterhalten hat, heißt es deutlicher hinsichtlich der Definition:

"Dabei umfasst der Begriff nicht nur Schönheits­normen, die den Körper betreffen, sondern auch die so genannte Körpergestaltung und die Kleidung. Aber sind Schminke und Kleidung nicht vor allem eine Privatsache? 'Wir denken, dass die Aussage, das Private sei politisch, mehr ist als ein veralteter feministischer Slogan. Wir wollen Macht­verhältnisse und Interdependenzen anhand des Diskurses über die Schönheitsnorm aufdecken, die ja mit nicht weniger bedeutsamen Normen verschränkt sind, z.B. mit den Bereichen Gender und Race', sagt die Gruppe in einer Stellungnahme. Ganz pragmatisch sehen es die beiden Frauen: 'Wenn jemand sich schminken will, soll er das tun. Wenn sich jemand schick anziehen möchte, soll er das tun. Aber das soll eben für alle gelten. Niemand sollte für die Wahl, die er für sein Äu­ßeres trifft, angemacht oder diskriminiert werden.'" (Jungle World, 13.12.06)

Auf der Website der Gruppe wird aber noch mehr Verwirrung gestiftet, da auch noch Begriffe wie "Ableism" (Diskriminierung von Behinderten), "Ageism" (Diskriminierung auf Basis des Alters), "Heightism" (Diskriminierung auf Basis der Körpergröße) fallen, die dann mit den schon eher bekannten Begriffen "Rassismus" und "Sexismus" in eine Reihe gestellt werden.

Und hier beginnt dann auch schon die Kritik an der Bewegung: Führen diese unter Umständen doch recht konstruierten Diskriminierungsformen nicht dazu, daß sich in letzter Konsequenz fast jeder als Opfer fühlen kann, weil fast jeder sich bei Bedarf einer der zahlreichen Gruppen von Diskriminierten zurechnen kann? Welche Auswirkungen hätte das auf "echte" Opfer? Die Aktivisten bestreiten neue Opfergruppe zu konstruieren:

"Es fällt dennoch schwer, den Zusammenhang zwischen Angriffen auf dunkelhäutige Menschen, Gewalt an Frauen und Witzeleien über große Füße herzustellen. So wolle man die Feststellung auch nicht verstanden wissen, sagt die Frau aus dem 'Projekt L': 'Uns geht es nicht darum, Lookism auf eine Stufe mit Sexismus oder Rassismus zu stellen. Dennoch würde ich nicht behaupten, dass individuelle Leiderfahrungen aufgrund von Lookism weniger schlimm sind als z.B. sexistische Diskriminierungen. Magersucht hat zwar viele Gründe, die vor allem in den Erlebnissen in der Kindheit zu suchen sind. Wenn man Magersucht aber als Resultat von Lookism betrachten will, könnte man ebenfalls sagen: Es kann tödlich enden.

... Dass Lookism eine recht beliebige Angelegenheit sei und jedem und jeder die Möglichkeit gebe, sich als Opfer einer Diskriminierung zu füh­len, bestreiten die beiden Antilookistinnen: 'Wir wollen sicherlich keine neuen Opfer schaffen. Wir wollen die Leute anregen, darüber nachzuden­ken, in welchen Situationen man selbst andere Menschen wegen ihres Äußeren diskriminiert. Insgesamt gesehen ist Lookism aber selbstverständlich ein sehr weitläufiger Komplex.'" (Jungle World, 13.12.06)

Um die Problematik stärker in die Öffentlichkeit zu tragen hat das "Projekt L" unter anderem die sogenannte "Fight-Lookism-Kampagne" ins Leben gerufen. Dabei wird Disneys klassisches Schneewittchen-Motiv wahlweise mit einer Kalashnikov, tätowiert, dick oder mit Bart als Streetart in Form von Aufklebern und als Pochoirs (Schablonen-Grafitti) mit der Bildunterschrift "Wer ist die Schönste im ganzen Land?" im öffentlichen Raum platziert.


Pochoir zur Fight-Lookism-Kampagne in Berlin. Quelle: Indymedia, Creative Commons Lizenz.

In seinem Bestseller "Das Methusalem-Komplott" beschreibt FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher wie alte Menschen in Deutschland systematisch diskriminiert werden -- und das obwohl diese Gruppe der "alten Menschen" die in Deutschland (und anderen westlichen Industrienationen) am schnellstwachsende Bevölkerungsgruppe ist, deren Erfahrungswerte nach Schirrmacher ökonomisch brach liegen. In einer der kontroversesten Stellen des Buches stellt er dann die Diskriminierung der Alten mit Rassismus auf eine Stufe, indem er von "Altersrassismus" schreibt.

Schon damals (2004) wurde erhitzt debattiert, inwiefern die ja nicht zu bestreitende Diskriminierung von alten Menschen tatsächlich im Zusammenhang mit "Rassismus" genannt werden könne. Unabhängig davon, ob "Rassismus" und "Altersdiskriminierung" zwei "Phänomene" gleicher Rankordnung sind, stellt sich aber grundsätzlich schon die Frage, warum eine Gesellschaft die sich gegen die Diskriminierung auf Basis des Geschlechts und der ethnischen Zugehörigkeit ausspricht, nicht auch gegen die Diskriminierung auf Basis des Alters oder auf Basis des äußeren Erscheinungsbildes vorgehen sollte.

Wenn etwa der SPD-Vorsitzende Kurt Beck dem Arbeitlosen Henrico Frank sagt, er solle sich erst mal "waschen und rasieren", dann würde er schon einen Job finden, ist das dann Diskriminierung (jetzt mal losgelöst von der Tatsache, daß auch "rasierte und gewaschene" Arbeitslose nicht so ohne weiteres einen Job finden)? Sicherlich ist ein gepflegtes Äußeres in vielen Fällen Voraussetzung, um einen Job zu bekommen. Nur gerade hier stellt sich eben die Frage, ob man diesen Zustand mit einem "das ist eben so" abhakt und darauf verweist, daß Mensch sich an diese Gesellschaftsnorm hinsichtlich des äußeren Erscheinungsbildes eben anzupassen habe oder ob man das kritisch hinterfragt und dagegen aufbegehrt.

Für die Initiatoren des "Projekts L" scheint sich diese Frage insofern gar nicht zu stellen, als daß man bei genauerer Betrachtung ihrer Website (lookism.info) den Eindruck bekommt, sie denken nicht unbedingt an weiße, heterosexuelle Männer, wenn sie von den Opern des "Lookism" reden. So als ob der untersetzte Büroangestellte mit Halbglatze nicht ebenfalls unter den vorherrschenden Schönheitsnormen zu leiden hätte, wenn er aufgrund von seiner äußeren Erscheinung ausgegrenzt wird.

Von Polylux fühlt sich die Bewegung nach Angaben von Jungle World falsch dargestellt. Dort ist in einem Beitrag die Rede von "die Häßlichen erheben ihre Häupter" und "Rechte der Häßlichen", was dann halt nach "Aufstand der Hackfressen" klingt. Impliziert wird bei dieser Wortwahl, daß sich ohnehin nur Menschen gegen "Lookism" einsetzen, die dem allgemeinen Schönheitsideal selbst nicht entsprechen (was dann aber später im Beitrag in anderer Richtung klargestellt wird):



Als Gegenbeispiel dienen den polylux-Autoren Spitzenpolitiker. Diese sein nun in der Regel wahrlich keine Schönheiten, hätten es aber auch nach "oben" geschafft, was dann eben als Beleg dafür gelten kann, daß die Schönheitsnormen eben doch nicht so dominant sein können. Andererseits ist das Beispiel der Antilookism-Aktivisten mit den Bewerbungsfotos sicherlich treffend (und auch empirisch belegt): Nicht selten wird der Bewerber schon anhand des Fotos aussortiert, Personen mit Akne oder Hamsterbacken haben dann eben z.B. deutlich weniger Chancen überhaupt zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, als solche mit reiner Gesichtshaut und markanten Gesichtszügen.

Das Problem existiert, nur ob es sich wirklich durch Streetart-Aktionen oder etwa einem festgelegten Mindest-Body-Mass-Index für Models auf dem Laufsteg (wie zuletzt in Spanien und Italien) lösen läßt? Vermutlich können weder solche Grundsatzerklärungen noch subversive Kunst die Massenbewegung einem bestimmten Schönheitsideal (mitsamt den zahlreichen negativen Folgen für die Gesellschaft) hinterher zu hecheln stoppen.

Freitag, Dezember 08, 2006

Same procedure as every amok run

Seit dem glücklicherweise noch verhältnismäßig glimpflich ausgegangenen Versuch eines Amoklaufs in Emsdetten (Wikipedia) (es gab bis dato keine Toten), kommt der Begriff nicht mehr aus den Medien: "Killerspiele".

Zwar wurde von der Staatsanwaltschaft "allgemeiner Lebensfrust" als Motiv genannt und der Täter, Sebastian B., hat einen recht ausführlichen Abschiedsbrief hinterlassen (Telepolis, 21.11.06), in dem er seine Beweggründe schildert -- im öffentlichen Diskurs dominierten dennoch schnell wieder die jetzt so getauften "Killerspiele" als DIE Ursache für eine solche Tat schlecht hin.

Statt sich Gedanken darüber zu machen, was die tatsächlichen Gründe für eine solche Irrsinnstat sein können, wälzten sich die Politiker wie immer in solchen Fällen im puren Aktionismus und forderten ein Verbot der "Killerspiele". Niedersachsens Innenminister, Uwe Schünemann (CDU), kündigte eine Bundesratsinitiative zum Verbot gewaltverherrlichender Computerspiele an (heise newsticker, 21.11.06), der bayrische Innenminister Günther Beckstein (CSU) preschte sogar gleich mit einem Gesetzesentwurf vor (SPON, 05.12.06) und bekam als er dafür kritisiert wurde durch den brandenburgischen Innenminister, Jörg Schönbohm (CDU), Schützenhilfe (SPON, 06.12.06).

Same procedure as every amok run. So sah es zunächst aus, doch anders als sonst gingen die aktionistischen Vorschläge diesmal nicht ganz so schnell wieder unter. Grund dafür war auch ein für den 06.12. im Internet angekündigter weiterer Amoklauf in Baden-Württemberg. Das Kultusministerium reagierte panisch und warnte öffentlich einfach alle Schulen, weil es nicht wußte, welche konkret das Ziel sein sollte (SPON, 06.12.06). Der Effekt waren eine Massenhysterie in Baden-Württemberg und Trittbrettfahrer am Folgetag, die sich einen Jux daraus machten im Internet nicht ernstgemeinte Ankündigungen zu verbreiten (SPON, 07.12.06).

Der ursprüngliche "Nikolaus"-Amokläufer hatte seine Tat beim Counter-Strike spielen angekündigt. Ein zunächst als Zielperson ausgemachter 18jähriger Selbstmörder erwies sich jedoch nicht als Täter. Begründung der Ermittler: Auf seinem Computer konnten weder Hinweise auf einen geplanten Amoklauf noch "Killerspiele" festgestellt werden (SPON, 07.11.06).

Wie selbstverständlich wird heute immer eine Kausalität zwischen Amokläufern und "Killernspielen" als gegeben angenommen. Bei Wikipedia können wir jedoch nachlesen:

"Bisher ist ein eindeutiger wissenschaftlicher Beweis, dass Computerspiele einen immer gleichen, konstant negativen Einfluss auf den Konsumenten haben, ausgeblieben. Mittlerweile gibt es einen dritten, weitaus komplexeren Ansatz, nämlich, dass die Auswirkungen der Gewalt in Computerspielen vom konsumierenden Individuum bzw. seiner sozialen Situation abhängen. Diese These postuliert, dass ein familiär und sozial, d.h. freundschaftlich gebundener Mensch, der idealerweise auch mit Beruf, Ausbildung oder Schule zufrieden ist, viel eher allein aus dem Unterhaltungswert eines Computerspiels Nutzen zieht, als ein isolierter, unzufriedener Spieler, der eher am Aspekt der Brutalität eines Spiels Gefallen findet." (Wikipedia)

Es gibt also keinen empirischen Beweis für die These, daß der Konsum von gewaltverherrlichenden Spielen, einen negativen Einfluß auf die Konsumenten hat. Wenn jemand ohnehin psychisch labil ist, ein gewaltaffines Verhalten aufweist, dann ist er natürlich gefährdet sich durch solche Spiele noch weiter in seinen Wahn zu steigern. Die Masse der Jugendlichen die solche "Killerspieler" konsumiert mutiert aber eben nicht zu Amokläufern.

Das Spielen des beliebten Ego-Shooters Counter-Strike ist inzwischen zum Volkssport geworden (SPON, 02.12.06). Gute Spieler verdienen in Turnieren damit ihren Lebensunterhalt, "E-Sport" zählt inzwischen zu den vier mitgliedstärksten Vereinssportarten Deutschlands (polylux, 07.12.06). Auch wenn zu "E-Sport" natürlich nicht nur Ego-Shooter wie Counter-Strike zu zählen sind, wächst die Szene kontinuierlich. Counter-Strike verbieten zu wollen kommt der Idee gleich, Volleyball verbieten zu wollen.

Und selbst wenn Counter-Strike und andere "Killerspiele" verboten wären, was würde das ändern? Die Turniere würden im Ausland stattfinden, die Kids sich die Spiele aus dem Internet organisieren, potentielle Gewalttäter bei Bedarf auch weiterhin einen Zugang zu den Spielen finden. Die tatsächlichen Ursachen für das Durchdrehen der Amokläufer wären weiterhin nicht analysiert, das Problem bliebe weiterhin bestehen.

Besonders bizarre Früchte trägt die Panikmache in den Medien inzwischen in einem ganz anderen Fall: In Cottbus hat ein 19jähriger gestanden, einen Obdachlosen umgebracht zu haben. Als Grund nannte er unter anderem beim Computer spielen ständig verloren zu haben. Sein Spiel der Wahl war allerdings nicht ein typisches "Killerspiel" bei dem man andere Figuren umbringen muß, sondern "SmackDown vs. Raw", ein Wrestling-Spiel. Der Hirnforscher und Gewaltspiele-Kritiker Manfred Spitzer will nun ein Gutachten vorstellen, indem es um die Frage geht, ob "das Spielen solcher Computerspiele Einfluss auf die Schuldfähigkeit des Angeklagten haben könnte" (SPON, 07.12.06). Milderne Umstände aufgrund des Konsums gewaltverherrlichender Computerspiele? Wo führt das hin? Wenn es nach Spitzer geht vermutlich in ein Totalverbot.

Statt eines Verbots sollte lieber die Frage eines verantwortungsvollen Umgangs mit gewaltverrlichenden Spielen diskutiert werden. Zu so einem verantwortungsvollen Umgang würde z.B. auch gehören, daß die Eltern ihren Sprösslingen öfter über die Schulter gucken, was die da eigentlich spielen und den Konsum ggf. einschränken. Vielleicht sollte man sich auch generell intensiver mit der Frage beschäftigen, wie sich diese Amokläufer ihrem Umfeld aus Freunden und Familie derart entziehen konnten.

Da der exzessive Konsum solcher Spiele zudem nicht der eigentliche Grund für die Amoktaten ist, muß auch allgemein einfach mehr in der psychologischen Betreuung von Jugendlichen getan werden. Andiskutiert wird in diesem Kontext auch immer wieder die Etablierung eines Schulpsychologen in jeder Schule. Gleichwohl man am Beispiel der USA sehen kann, daß auch dies nicht der Weisheit letzter Schluß sein kann.

Das Problem auf sog. "Killerspiele" zu reduzieren, deren Verbot dann entscheident zur Verhinderung solcher Taten beitragen soll ist dagegen nicht nur naiv, sondern auch fatal. Denn Scheindiskussionen verhindern immer, daß der eigentliche Kern des Problems angegangen werden kann.