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Sonntag, Oktober 26, 2008

Dexter

In "Dexter" spielt Michael C. Hall -- bekannt als schwuler Bestattungsunternehmer aus der preisgekrönten Kultserie "Six Feet Under" -- einen Forensiker beim Miami Metro Police Department, der Nachts ein Doppelleben als Serienkiller führt.

Dexter wurde als Kleinkind adoptiert, an die Verhältnisse in denen er davor gelebt hat, kann er sich nicht erinnern -- sie müssen aber sehr schlimm gewesen sein. Denn sein Adoptivvater Harry Morgan (James Remar), ein erfahrener Polizist, bemerkt schnell, daß mit Dexter etwas nicht stimmt.

Dexter bringt reihenweise Haustiere um die Ecke und Harry befürchtet, daß es dabei nicht bleiben wird. Aus seiner Erfahrung als Polizist weiß Harry, daß er seinem Sohn den Tötungsdrang kaum abgewöhnen kann und entschließt sich daher zu einem unkoventionellen Schritt: Er entwirft das, was Dexter "Harrys Codex" nennt. Dieser besagt, daß Dexter nicht willkürlich töten darf, sondern nur Menschen, die den Tod durch ihre eigenen Vergehen auch verdient haben.

So kommt es, daß Dexter als Erwachsener tagsüber Spezialist für Blutspritzer bei der Polizei von Miami wird, während er nachts Mörder, Vergewaltiger und Kinderschänder zur Strecke bringt, die dem System entkommen konnten, obwohl sie eindeutig schuldig sind. Harry ist inzwischen verstorben, doch Dexter hält dessen "Erbe" hoch, indem er versucht sich strikt an den Codex zu halten.

Seine beiden "Professionen" -- das Morden und die Forensik -- führt Dexter mit einer unglaublichen Akribie und Professionalität aus. Allerdings kann er mit menschlichen Empfindungen nicht viel anfangen, weshalb er über die Jahre gelernt hat, sie vorzutäuschen. Fast alle seine Polizei-Kollegen -- viele kannten seinen Vater noch -- bemerken daher auch nichts Verdächtiges an Dexter. Für sie ist er einfach nur ein freundlicher, kommunikativer Partner, der auf seinem Fachgebiet hoch kompetent und damit eine echte Bereicherung ist.

Der einzige der Dexter nicht leiden kann und sein Auftreten komisch findet ist Sgt. James Doakes (Erik King). Doakes schätzt die Leistungen von forensischen Mitarbeitern in der Abteilung generell nicht besonders hoch ein, aber Dexters Faszination für alles was mit Blut zu tun hat findet er besonders gruselig und traut ihm nicht über den Weg. Aber erst in der zweiten Staffel wird Doakes Mißtrauen für Dexter zu einem echten Problem.

Wesentlich positiver wird Dexter durch seinen Partner im Morddezernat, Angelo Batista (David Zayas), wahrgenommen, dessen Markenzeichen sein Hut ist. Anders als Doakes ist Batista immer wieder angenehm von Dexters Sachkenntnis überrascht, hält große Stücke auf ihn und bleibt ihm gegenüber stets loyal.

Auch die Abteilungsleiterin Lt. Maria LaGuerta (Lauren Vélez) schätzt Dexters Arbeit sehr, findet ihn darüber hinaus aber auch sichtlich attraktiv. Dexter entgeht dieses "Balzverhalten" nicht, er weiß nur nicht recht wie er damit umgehen soll, da er zwischenmenschliche Beziehungen jenseits einer analytischen Ebene nicht versteht und an ihnen auch kein persönliches Interesse hat. LaGuerta hält ihr Gesicht oft und gerne in Kameras, urteilt bei ihrer polizeilichen Arbeit aber manchmal vorschnell und macht insgesamt nicht den kompetentesten Eindruck.

Dexter sagt von sich selbst, der einzige Mensch zu dem er wirklich ein Bindung hat, ist seine Stiefschwester Debra "Deb" Morgan (Jennifer Carpenter). Diese ist bei der Sitte, möchte aber unbedingt auch ins Morddezernat und holt sich dafür bei ihrem Bruder immer wieder Tipps. Dexter erkennt ihr Potential eine gute Ermittlerin zu werden und fördert sie, so daß ihr tatsächlich der Einstieg ins Morddezernat gelingt. Sehr zum Unwillen von Lt. LaGuerta, die von Deb nicht besonders viel hält und sie das auch immer wieder spüren läßt.

Für eine perfekte Tarnung als "Normalo" braucht Dexter aber natürlich auch noch so etwas wie eine Beziehung. Liebe vorzutäuschen ist für ihn besonders schwer, mit seiner neuen Freundin Rita Bennett (Julie Benz), die Dexter als ebenso emotional "geschädigt" einstuft wie sich selbst, wähnt er aber die Richtige gefunden zu haben. Die zweifache Mutter wurde von ihrem im Knast sitzenden Ehemann immer wieder verprügelt und vergewaltigt. Daher hat sie zur Zeit noch ein generelles Problem mit zu viel Nähe, was Dexter sehr entgegenkommt. Nach und nach muß Dexter sich dann aber eingestehen, daß er für Rita und ihre zwei Kinder genauso wie für seine Schwester sehr wohl etwas empfindet und sie daher bei Gefahr zu beschützen versucht. Durch dieses Zulassen von Gefühlen wird er allerdings auch angreifbar, wie dann die zweite Staffel deutlich macht.

Dexters Gegenspieler in der ersten Staffel ist der sogenannte "Kühllaster-Killer", ein Serienmörder der es in seiner Präzision mit Dexter aufnehmen kann und dessen Respekt gewinnt. Zwischen den beiden entwickelt sich ein "Spiel", bei dem Dexter erfahren muß, daß sein Widerpart ihn auffallend gut kennt, also auch um Dexters Doppelleben weiß.

Kannte man in Miami arbeitende Forensiker bisher meist nur aus dem CSI-Ableger "CSI Miami", bekommt man nun mit "Dexter" eine Serie geboten, die nicht mehr ganz so einfach nach gut und böse unterscheidet, sondern auch Zwischentöne erlaubt. Gerne würde man Horatio Caine aus Jerry Bruckheimers über-ästhetisierter Hochglanz-Serie einmal gegen den Serienkiller und Blutspritzerspezialisten Dexter in einer Crossover-Folge antreten sehen.

Der Gefahr in einen reaktionären Tonfall zu verfallen -- in Form einer im Kern positiven Darstellung von Selbstjustiz infolge von Systemversagen -- gehen die Autoren aus dem Weg, indem sie sehr ausdifferenzierte Charaktere und Handlungsmuster schaffen. Es geht in erster Linie um Dexter und seine Bemühungen in einer Welt in der er eindeutig "anders" als die Mehrheit ist zurecht zu kommen, darum wie er zu Mitmenschen Beziehungen aufbauen kann, selbst wenn dies auf den ersten Blick kaum möglich erscheint, darum wie er sein Doppelleben am besten tarnen kann und mit seinen Morden davon kommt. Auch, aber eben nicht im Zentrum der Betrachtung steht die vermeintliche oder tatsächliche Gerechtigkeit die Tätern und Opfern widerfährt, wenn Dexter des nächtens zum Skalpell greift.

Insgesamt ist die von James Manos, Jr. auf der Basis von Jeff Lindsays Dexter-Romanen ("Darkly Dreaming Dexter") entwickelte und von Clyde Phillips und Daniel Cerone maßgeblich vorangetriebene Serie zweifellos eine der wenigen aktuellen Perlen im sonst zunehmend tristen deutschen Serienalltag.

RTL2 zeigt Dexter zur Zeit jeden Montag um 22:55 Uhr. Auch wenn die Episoden aufeinander aufbauen, kommen neue Zuschauer relativ zügig in den Gesamtplot rein.

Freitag, Oktober 24, 2008

Californication

David Duchovny, am ehesten bekannt als Fox Mulder aus der legendären SciFi-Mystery-Serie "Akte X", machte zuletzt Schlagzeilen mit seiner sogenannten "Sexsucht" (siehe Hypersexualität), wegen der er sich in Therapie begab (SPON, 29.08.08). Seine Ehe konnte er aber offenbar trotzdem nicht mehr retten (SPON, 17.10.08).

So bedauerlich das für Duchovny persönlich sein mag, die Figur des Hank Moody die er in der seit kurzem auch auf RTL2 zu sehenden Serie "Californication" spielt, wirkt dadurch umso authentischer, da man zumindest zeitweise das Gefühl hat, Duchovny spielt sich hier einfach nur selbst.

Hank Moody ist ein Schriftsteller in einer klassischen Midlife-Crisis. Er hat eine Schreibblockade, trinkt zu viel und schläft nahezu jeden Tag mit einer anderen Frau. Zusammen mit seiner damaligen Lebensabschnittsgefährtin, Karen van der Beek (Natascha McElhone), und der gemeinsamen, 12jährigen Tochter Becca Moody (Madeleine Martin), war er ursprünglich von New York nach L.A. gezogen, um hier an seinem neuen Buch zu arbeiten.

Doch er kriegt nichts zu Papier und die Beziehung mit Karen zerbricht. Sie wirft ihm Bindungsängste vor (er hat sie z.B. nie gefragt, ob sie ihn heiraten möchte) und daß er insgesamt zu wenig für die Familie da ist. Karens neuer Freund heißt Bill Lewis (Damian Young), sie zieht bei ihm zusammen mit Becca ein und möchte ihn heiraten. Obwohl Karen fest davon überzeugt zu sein scheint Bill zu lieben und Hanks regelmässige (Wieder)-Annäherungsversuche abblockt, scheint in fast allen Episoden doch immer wieder durch, daß Hank eigentlich die Liebe ihres Lebens ist.

Bill ist ein reicher, verwitweter Verleger und nicht nur, daß er der Neue von Karen ist, nein, Hank muß auch noch herausfinden, daß er inzwischen für Bill arbeitet. Denn Hanks Agent, der glatzköpfige Charlie Runkle (Evan Handler), hat Hank dazu überredet einen Blog beim "Hell-A Magazine" zu führen -- ohne zu erwähnen, daß dieses von Bill herausgegeben wird.

Was Bill nicht weiß ist, daß Hank mit dessen Tochter Mia Lewis (Madeline Zima) geschlafen hat. Wobei Hank jedoch auch selbst erst im Nachhinein erfahren hat, daß Mia die Tochter von Bill ist und -- noch fataler -- daß sie erst 16 ist. Die Geschichte wird für Hank zum Problem, denn natürlich will er nicht, daß Bill, Karen oder sonst wer von diesem Fehltritt erfährt. Die Konsequenzen dieses One-Night-Stands werden Hank jedoch noch länger beschäftigen, denn Mia bedient sich später bei Hanks Entwürfen, ohne daß dieser dagegen etwas tun kann.

Doch das ist natürlich nicht Hanks einziges Problem. So ist er z.B. wiederholt in körperliche Auseinandersetzungen mit dem Regisseur Todd Carr (Chris Williams) verwickelt. Carr hat das letzte Buch von Hank sehr erfolgreich verfilmt. Hank sieht das etwas anders, er haßt den Film der seiner Meinung nach nicht mehr viel mit seinem Buch zu tun hat. Erschwerend kommt hinzu, daß Hank auch etwas mit Todds Frau, Sandy (Camille Langfield), hatte oder fast hatte.

Eine der wenigen Personen die wirklich bemüht sind Hank vor weiteren Abstürzen zu bewahren ist Charlie, der neben Hanks Agent auch dessen bester Freund ist. Charlie versucht nicht nur dem zur Zeit unproduktiven Hank immer wieder eine Einkommensquelle zu verschaffen (was diesen in der Regel annervt), sondern auch Hanks Lebenssituation insgesamt zu stabilisieren, indem er ihm z.B. Meredith (Amy Price-Francis) vorstellt, mit der Hank dann auch tatsächlich zumindest vorübergehend eine halbwegs feste Beziehung führt.

Doch auch Charlie ist natürlich nicht frei von Fehlern, obwohl er eigentlich eine glückliche Ehe mit seiner Frau Marcy (Pamela Adlon) führt, läßt er sich von seiner masochistisch-veranlagten Assistentin, dem "SuicideGirl" Dani (Rachel Miner) verführen. Hank überrascht die beiden jedoch und kann Charlie so vor einem schweren Fehler bewahren.

Insgesamt ist Hank Moodys Verhalten also sehr widersprüchlich. Einerseits versucht er in jeder Folge seine große Liebe Karen wieder zurückzugewinnen und nimmt seine Vaterpflichten gegenüber seiner Tochter Becca durchaus ernst (etwa wenn er sie von einer Drogen-Party fort schafft), andererseits führt er einen sehr unsteten, promisken Lebenswandel. Auf der einen Seite hilft er Freunden aus der Klemme und versucht sich verantwortungsvoll zu benehmen, auf der anderen Seite brüskiert er sie immer wieder durch ein unpassendes, aggressives Auftreten und schlägt bewußt Türen zu, die andere ihm helfend aufhalten wollen.

Hank Moody raucht, trinkt, vögelt und prügelt sich durch nahezu jede Episode der Serie. Er scheint ständig zwischen Haß und Selbsthaß hin und her zu pendeln, verletzt seine Mitmenschen schwer, auch wenn er dies oft gar nicht will. Trotzdem wird auch immer wieder deutlich, daß er im Kern ein guter Kerl ist, der klassische Antiheld eben, für den der Zuschauer trotz dessen Fehlern Sympathie entwickelt.

Californication -- ein Wortspiel aus "California" und "Fornication" -- ist eine Persiflage auf den Hollywood-Betrieb in Los Angeles. Zur Schau gestellt wird die Welt der Produzenten, Künstler und Autoren zwischen Schnellebigkeit, Drogenkonsum und menschlichen Abgründen. Statt ins Moralinsaure abzurutschen setzt Drehbuchautor und Produzent Tom Kapinos dabei konsequent auf einen satirisch-sarkastischen Erzählstil, ohne dabei jedoch völlig auf Ernsthaftigkeit zu verzichten. Wie nahezu alle modernen, etwas anspruchsvolleren US-Serien gehört Californication damit ins Genre der "Dramedy".

David Duchovny erhielt in diesem Jahr für seine Rolle als Hank Moody einen Golden Globe für "Best performance by an actor in a television series - musical or comedy". Es dürfte vermutlich nicht die letzte Auszeichnung für diese Serie und ihre Darsteller gewesen sein (es gab bereits zahlreiche weitere Nominierungen). Während in den USA gerade die zweite Staffel anläuft, zeigt RTL2 die Folgen der ersten zur Zeit jeden Montag um 22:15 Uhr.

Mittwoch, Februar 27, 2008

Das Fleisch der Wassermelone

"Das Fleisch der Wassermelone" (int.: "The Wayward Cloud", orig.: "Tian bian yi duo yun") ist eine taiwanesische Erotikkomödie des chinesisch-malaiischen Regisseurs Tsai Ming-Liang. Im Jahr 2005 wurde der Film auf der Berlinale mit drei Preisen ausgezeichnet, so daß er jetzt Mitte Februar zum ersten Mal von ARTE im Zuge des Berlinale-Begleitungsprogramms im Fernsehen ausgestrahlt wurde und kommenden Sonntag wiederholt wird.

"Das Fleisch der Wassermelone" spielt im Taipeh der Gegenwart, es ist Sommer, brütend heiß und ganz Taiwan leidet unter Wassernotstand. Inzwischen sind mehr Wassermelonen als Wasser vorhanden, weshalb die Regierung die Bevölkerung dazu auffordert, soweit möglich lieber den Saft von Wassermelonen zu trinken.

Und tatsächlich spielen Wassermelonen dann auch eine tragende Rolle im Film -- wenn auch nicht primär als Durstlöscher. Gleich in einer der ersten Szenen sieht man den Hauptdarsteller Lee Kang-Sheng als Pornoakteur Hsiao Kang wie er exzessiv eine halbe Melone leckt und fingert, die sich sein weiblicher Counterpart ("die Japanerin") zwischen die Schenkel geklemmt hat. Und ähnlich zieht sich der Einsatz von Melonen dann auch durch den Rest des Films.

Die Figur des Hsiao Kang ist keine Unbekannte im Universum von Regisseur Tsai Ming-Liang (dessen Filme alle aufeinander Bezug nehmen und direkt oder indirekt zusammenhängen). Er tauchte bereits in "What Time Is It There?" (orig.: Ni neibian jidian) auf, dort noch als jemand der Uhren auf der Straße vertickt. Weil sich das nicht mehr lohnt, ist er nun mit einer minimalistischen Filmcrew (Regisseur, Beleuchter, Kameramann, "die Japanerin") zugange, die in der Hitze des Sommers in einem Wohnhaus vom Typ Plattenbau einen Porno dreht.

Wie es der Zufall will, wohnt im selben Wohnhaus auch Hsiaos Ex-Freundin Shiang Chyi (Chen Shiang Chyi), die in "What Time Is It There?" nach Frankreich verschwunden war (soweit ich das aus den Rezensionen rekonstruieren kann) und nun wieder da ist. Wie nicht anders zu erwarten, kommen sich Hsiao und Shiang schnell wieder näher.

Dieser Wiederannäherungsprozeß zwischen Hsiao und Shiang, Hsiaos neue Tätigkeit als Pornodarsteller, die teilweise absurd komischen Improvisationskünste der Menschen im Zeiten von Wasserknappheit und schließlich die vielseitigen Einsatzmöglichkeiten von Wassermelonen -- darum kreist im wesentlichen der Plot des Films. Wobei es Tsai Ming-Liang gelingt, diese Elemente wundervoll zu verweben.

"Das Fleisch der Wassermelone" wird in der Regel als "Erotikkomödie" klassifiziert, was allerdings angesichts der besonders für das deutsche Fernsehen schon recht expliziten Sexszenen stark verniedlichend wirkt. So ist "die Japanerin" am Ende bewußtlos (um mal von der noch harmlosesten Interpretation auszugehen), nachdem sie beim Masturbieren mit einer Wasserflasche den Verschluß der Flasche in den Untiefen ihrer Liebesgrotte verloren hat (ob wirklich das zu ihrem Knockout führte, sei mal dahingestellt).

Doch die Jungs wollen ihren Porno zuende drehen, also hat Hsiao Sex mit der bewußtlosen "Japanerin". Am Ende ejakuliert er jedoch in den Mund von Shiang, die die Szenerie beobachtet hatte und akustisch mit eingestiegen war (sie war eher zufällig an das Filmset geraten, nachdem sie "die Japanerin" bewußtlos im Fahrstuhl gefunden hatte). Solche Szenen wirken natürlich extrem.

Dennoch schafft es Tsai Ming-Liang auch immer wieder groteske Komik einfließen zu lassen, etwa wenn Pornoregisseur und Beleuchter versuchen den oben erwähnten Schraubverschluß der Wasserflasche "wiederzufinden" oder wenn Shiang vor lauter Langeweile mit einer Wassermelone unter dem Hemd eine Schwangere spielt und die Melone nach dem plötzlichen Einsetzen der "Wehen" in einer schier endlos wirkenden Sequenz dann einsam im Treppenhaus "gebiert".

Martin Rosefeldt schrieb 2005 in einer Rezension "Diese Kombination aus schnödem Hyperrealismus (...) und stilisiertem Kitsch, erzeugt eine seltsame Spannung zwischen Komik und Tragik, zwischen Groteske und Melodram, Lakonie und Tristesse. Tsai Ming-Liangs Bilder sind sicher das Mutigste und Witzigste, was der diesjährige Wettbewerb zu bieten hatte und dies ohne jedes pornographisch-sensationalistische Kalkül" (ARTE).

Ob der Film wirklich ohne "jedes pornographisch-sensationalistische Kalkül" daher kommt kann man diskutieren. Diese These wäre insofern zu bejahen, als daß der Film natürlich selbst kein Porno ist, sondern den Dreh eines Pornos auf einer Metaebene veranschaulicht, diesen Vorgang in seinen eigenen Plot einbindet. Zweitens ist selbst das fast nur eine Beiläufigkeit im gesamten Film, denn es geht natürlich nicht nur um den Sex im heißen Sommer, sondern auch um das Setting drum herum.

Auch daß die Dialoge auf ein absolutes Minimum reduziert sind, stört nicht wirklich, da das Handeln der Akteure für sich spricht. Etwas nervig sind hingegen die infantilen Musical-Einlagen, die den Film "leitmotivisch durchziehen" (Rosefeldt), dabei allerdings nur sehr bedingt unterhaltsam wirken. Faktisch sind sie überflüssig. Ansonsten wäre natürlich noch einzuwenden, daß einem Zuschauer dem Tsai Ming-Liangs Werke nicht vertraut sind, sicherlich etliche Anspielungen entgehen.

Insgesamt ist "Das Fleisch der Wassermelone" aber ein sehr unterhaltsamer, tragisch komischer Film, der jedem zu empfehlen ist, der schon immer wissen wollte, wozu Wassermelonen außer zum Verzehr noch gut sein können, und der kein Problem mit einer streckenweise doch recht expliziten Darstellung von Sex hat.

Zu sehen ist der Film auf ARTE am Sonntag den 02.03. (in der Nacht zu Montag) um 0:50 Uhr.

Sonntag, Februar 24, 2008

EUReKA -- Die geheime Stadt

Eureka - Die geheime Stadt (oft auch EUReKA geschrieben, da das Schlagwort sonst noch eine Menge anderer Dinge bezeichnet) ist eine Science-Fiction Serie, die ab kommenden Montag (25.02.) jede Woche um 21:10 Uhr auf Pro7 läuft.

Eureka ist eine Kleinstadt in den USA (es gibt in den USA mehrere echte Städte die Eureka heißen, allerdings keine bei Salem in Oregon, wo die fiktive Stadt in der Serie vermutet wird), die allerdings ein nicht ganz unbedeutendes Geheimnis birgt: In ihr versammelt sind die besten und fähigsten Wissenschaftler der USA samt Forschungseinrichtungen.

Klar, daß in einer Stadt in der so viele Hochbegabte, Quantenphysiker und Mathegenies aufeinander hocken auch schon mal das ein oder andere daneben geht bzw. in die Luft fliegt. In der Pilotfolge baut ein übermotivierter Wissenschaftler eine Maschine die das Raumzeitkontinuum auseinanderzureißen droht. Hilfe hatte er dabei von Außen, denn natürlich haben auch feindliche Mächte und Industriespione ein Auge auf Eureka und seine Produkte geworfen.

Daher hat Eureka wie jede normale Kleinstadt auch einen Sheriff (der in Warheit alllerdings einen viel höheren militärischen Rang hat), der für Recht und Ordnung sorgt. Diese Position übernimmt schließlich Hauptdarsteller Colin Ferguson als Jack Carter, nachdem der vorhergehende Sheriff in der Pilotfolge schwer verletzt wird.

Zu Beginn weiß Jack aber noch nichts von seinem neunen "Glück", er ist US Marshall und überführt in seinem Wagen eine junge Flüchtige. Wie sich herausstellt, handelt es sich dabei um niemand geringeren als seine eigene pubertierende Tochter Zoe Carter (Jordan Hinson). Jack und seine Frau leben getrennt, wofür Zoe ihm die Schuld gibt. Im Kern des Vater-Tochter-Konflikts geht es darum, daß er ein Workaholic ist, der so fixiert auf seine Arbeit ist, daß er kaum noch Zeit für seine Familie hat. Also ein ganz klassischer Konflikt (eine ähnliche Situation findet sich z.B. bei "Shark").

Jack kommt mit seinem Wagen von der Straße ab, nachdem er einem Hund namens "Lowjack" ausweichen mußte. Daraufhin muß er in Eureka verweilen, bis der Mechaniker Henry Deacon (Joe Morton), der früher mal ein NASA-Ingenieur war, seinen Wagen repariert hat. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände wird er in einen laufenden Fall verwickelt und erfährt so nach und nach mehr über das Geheimnis der Stadt samt ihrer Einwohner.

Zum einen wäre da Allison Blake (Salli Richardson-Whitfield) die als Agentin des Verteidigungsministeriums (DoD) als Schnittstelle zwischen Pentagon und Eureka fungiert. Allison hat zwei Ehen hinter sich, aus der ersten hat sie ihren autistischen Sohn Kevin der ein junges Mathegenie ist. Der Vater / Ehemann verstarb.

In zweiter Ehe war sie mit Nathan Stark (Ed Quinn) liiert, der inzwischen Leiter der Forschungseinrichtung ist und den arroganten und oft auch skrupellosen Topwissenschaftler mimt. Allison ist so etwas wie die "Feuerwehr", die immer als erste auftaucht, wenn in Eureka etwas schief läuft. Zunehmend kriegt das aber der neue Sheriff Carter an den Hals.

Dr. Beverly Barlowe (Debrah Farentino) ist die "femme fatal" in Eureka. Als exzellente Psychotherapeutin betreut sie die Eliten des Landes, betreibt aber nebenher als Tarnung auch noch eine kleine Pension in der Stadt. Sie gibt sich aufreizend und hat eine magische Wirkung auf Männer. Als zwielichtige Figur arbeitet sie für die (nicht näher spezifizierte) Gegenseite und begeht gleich in der Pilotfolge einen heimtückischen Mord.

Matt Frewer spielt den lokalen "Safarijäger" Jim Taggart. Er fängt ein, was immer aus den Forschungslabors ausbricht (was ihm nur bei "Lowjack" der angeblich einen IQ von 130 hat nicht gelingen will). Er ist der typische Serien-Sidekick, immer etwas merkwürdig drauf aber eben einer von "den Guten".

Weiterhin steht dem neuen Sheriff mit Deputy Jo Lupo (Erica Cerra) eine ehemalige Elitesoldatin zur Verfügung. Obwohl die Figur recht maskulin angelegt ist (sie ist die "Frau fürs Grobe") und Jo so ihre Probleme mit Männern hat, wirkt sie in Wahrheit natürlich sehr attraktiv und feminin.

Nachdem Jack in der Pilotfolge einen Fall erfolgreich lösen kann, der ohne seine Hilfe wohl nicht zu lösen gewesen wäre, wird er vom US Marshall zum Sheriff von Eureka "befördert" und lebt von nun an dort mit seiner Tochter.

Die Serie ist sicherlich kein absolutes Meisterwerk, sie ist aber unterhaltsam und die Drehbücher sind solide aufgebaut. Zu hoffen bleibt daher, daß Pro7 die Serie nicht wie zuletzt bei Doctor Who nach drei oder vier Folgen gleich wieder einstellt.

Montag, Januar 28, 2008

Doctor Who

Mit schlappen 725 Folgen und einer Geschichte die bis ins Jahr 1963 zurückreicht ist "Doctor Who" wohl eine der erfolgreichsten Science-Fiction-Serien aller Zeiten (neben StarTrek). Die neuen, seit 2005 gedrehten Folgen zeigt ProSieben nun etwas versteckt jeden Samstag mit einer Doppelfolge von 17 bis 19 Uhr.

Die Hauptfigur ist "Der Doktor", der keinen näher bekannten Namen hat, was dann immer wieder zur Nachfrage "Doktor wer?", also "Doctor who?" führt. Der Doktor gehört einer außerirdischen, aber menschlich aussehenden Spezies an, die sich die Timelords nennen. Wobei der Doktor der letzte seiner Art ist. Die Timelords sind in der Lage durch Raum und Zeit zu reisen, wobei es ihnen aber strikt untersagt ist, sich in die Geschehnisse die sie beobachten einzumischen. Eine Regel, die der Doktor immer wieder bricht, was dann auch immer wieder negative Konsequenzen hat.

Das Raumschiff mit dem sich der Doktor durch Raum und Zeit bewegt ist die TARDIS, eine Abkürzung für "Time And Relative Dimensions In Space". Die TARDIS verfügt über eine Tarnvorrichtung die es ihr ermöglichen soll, sich unauffällig an die jeweilige Umgebung anzupassen. Zu den diversen Defekten unter denen die TARDIS des Doktors leidet gehört aber, daß sie immer wie eine britische Notrufsäule aussieht, die blaue Police box. Erst die Serie hat dazu geführt, daß diese blauen "Polzeihäuschen" in England einen ähnlichen Kultstatus erhielten, wie die noch bekannteren roten Telefonzellen.

Die Tatsache, daß der Schauspieler der den Doktor spielt über 40 Jahre hinweg immer wieder ausgewechselt werden mußte, wurde in den Plot der Serie integriert. Der Doktor reinkarniert immer wieder. So gab es bereits 10 Schauspieler, die die Rolle des Doctor Who übernahmen, in der ersten der neueren Staffeln aus dem Jahr 2005 wird er von Christopher Eccleston gespielt ("9. Doktor"), nach dessen Ausstieg aus der Serie dann von David Tennant ("10. Doktor").

An der Seite des Doktors befanden sich seit jeher diverse Companions, meistens Erdenbürger aus der Gegenwart, die den Doktor neugierig begleiten und ihm in zahlreichen Auseinandersetzungen mit böswilligen Außerirdischen beistehen. In den aktuellen Folgen wird diese Rolle durch Billie Piper wahrgenommen, die die attraktive Verkäuferin Rose Tyler spielt.

Gleich in der ersten Folge wird Rose von zum Leben erwachten Plastik-Schaufensterpuppen angegriffen. Der Doktor rettet sie und Rose revanchiert sich in dem sie ihrerseits den Doktor im Kampf mit dem "Chef-Plastik-Monster" rettet. Daraufhin nimmt der Doktor sie mit und beide reisen in der zweiten Folge fünf Milliarden Jahre in die Zukunft, wo der Erde die endgültige Vernichtung durch das natürliche Erlöschen (Kollabieren) der Sonne bevorsteht. Der "letzte Mensch" ist eine Frau die aussieht wie ein aufgespanntes Laken und einen Anschlag auf die VIPs plant, die dem außergewöhnlichen Spektakel von einer Raumstation aus beiwohnen wollen.

Die neuen Folgen von Doctor Who scheinen gut gelungen, der oft trocken-britische Humor mit vielen Anspielungen auf gesellschaftliche Zustände in der Gegenwart schimmert immer wieder durch. Hatten die alten klassischen Folgen früher nur 25 min. und ausgesprochen "brutale" (oft nervige) Cliffhanger, haben die neuen Folgen nun jeweils 45 min. und sind jeweils in sich abgeschlossen (von einigen Doppelfolgen mal abgesehen). Die Serie macht dies deutlich sehenswerter. Auch moderne Special Effects haben natürlich Einzug erhalten, allerdings nicht so massiv, daß sie die Handlung überdecken würden.

Daß ProSieben diese von der BBC produzierte eigentlich auch für die Primetime gedachte Serie ins nachmittägliche Samstag-Programm abschiebt ist ebenso typisch wie peinlich. Eine derartig gutgemachte Kultserie hat einen würdigeren Sendeplatz verdient. Andererseits muß man vermutlich dankbar sein, daß ProSieben die Serie überhaupt ausstrahlt. Bleibt abzuwarten, ob sie die erste Staffel wenigstens konsequent durchsenden und dann vielleicht sogar die zweite nachlegen.

Sonntag, Januar 27, 2008

C’était un rendez-vous



Im Jahr 1976 hatte der französische Regisseur Claude Lelouch gerade "Ein Hauch von Zärtlichkeit" abgedreht und vom Dreh noch einige Filmrollen übrig. Er befestigte daraufhin eine Kamera an der Stoßstange eines Mercedes 450 SEL 6.9 und drehte in einem einzigen Take (sic!) den knapp 9 minütigen Kurzfilm "C'était un rendez-vous", der zeigt, wie Lelouch mit einem absolut mörderischen Tempo am frühen Morgen durch die Pariser Innenstadt jagt.

Spiegel Online hat die Geschichte vor kurzem wieder ausgegraben, viele der dort eingebrachten Infos finden sich allerdings auch in der Wikipedia.

Nach diesen Quellen hört man im Video zwar den Motor eines Ferrari 275 GTB, tatsächlich hat Lelouch aber wie oben schon erwähnt einen Mercedes 450 SEL 6.9 gefahren, angeblich weil die noch härtere Federung des Ferrari keine brauchbaren Aufnahmen ermöglicht hätte. Der Sound des Ferrari Motors wurde dann nachträglich eingefügt, nachdem man dieselbe Strecke noch mal mit besagtem 275 GTB abgefahren war. Auch ist nach aktueller Faktenlage Lelouch die Strecke auch tatsächlich selbst gefahren und nicht irgendein professioneller Fahrer, wie lange vermutet wurde.

Die Herleitung des Titels (C’était un rendez-vous) erschließt sich erst am Ende des Films, Lelouch steigt aus (man sieht nur seine Beine) und umarmt eine Frau die gerade die Treppen hinauf kommt. Es handelt sich dabei um Gunilla Karlzon, die damalige Lebensgefährtin von Lelouch.

Die gefahrene Strecke laut Wikipedia: Tunnel auf dem Boulevard périphérique an der Porte Dauphine -> Avenue Foch -> Arc de Triomphe -> Avenue des Champs-Élysées -> Place de la Concorde -> Quai des Tuileries -> Louvre: Jardin du Carrousel -> Grand Opéra Paris -> Galeries Lafayette -> Trinite -> Pigalle -> Boulevard de Clichy -> Place Blanche -> Rue Coulaincourt -> den Montmartre hinauf -> Avenue Junot -> Rue Norvins -> Place du Tertre -> Sacré-Cœur.

Wer will, kann sich auf einer Website den Verlauf der Strecke auch bei Google Maps ansehen, während zeitgleich das Video bei Google Videos läuft. Man sieht also in "Echtzeit", wo sich das Auto gerade auf der Karte befindet.

Eine Strecke in unter 9 Minuten zu schaffen, für die man in Stoßzeiten bis zu einer Stunde braucht, ist eine respektable Leistung. Dabei ging Lelouch aber auch an die Grenze des Machbaren, es wurden insgesamt 15 überfahrene rote Ampeln gezählt und eine Spitzengeschwindigkeit von rund 140 km/h auf der Avenue Foch berechnet. Auf den Champs Elysées waren es immerhin auch 110 km/h. Mehrmals ist in dem Film zu sehen, wie Lelouch kurz vor einer Kollision mit Tauben, Passanten und besonders natürlich dem Querverkehr steht.

Juristische Konsequenzen hatte die Aktion allerdings wohl trotzdem keine, es hieß zwar der Film sei damals sofort beschlagnahmt worden und Lelouch in den Knast gewandert, doch weder das eine noch das andere läßt sich belegen.

Der Film ist radikaler und konsequenter als jede auf Film gebannte Verfolgungsjagd, gerade weil es nicht um ein künstlich inszeniertes Film-Rennen geht, das auf einer abgesperrten Strecke stattfindet. Dieser Faszination gegenüber steht die Tatsache, daß es natürlich völlig unverantwortlich ist, was Lelouch dort treibt, riskiert er doch nicht nur sein Leben, sondern auch das unbeteiligter Dritter. Heute wäre der Film nicht zuletzt aufgrund der erhöhten Verkehrsdichte selbst am frühen Morgen wohl nicht mehr machbar.

Freitag, Januar 25, 2008

Men in Trees

Seit Anfang Januar strahlt VOX nun jeden Freitag um 22 Uhr die neue Serie "Men in Trees" aus und es läßt sich feststellen, daß diese eine echte Bereicherung für das deutsche Fernsehen ist.

Anne Heche spielt hier die junge New Yorker Bestseller-Autorin Marin Frist. Marin verfaßt Beziehungsratgeber und ist fester Bestandteil der New Yorker Schickeria. Selbstbewußt glaubt sie sich mit Beziehungen wirklich gut auszukennen. Demnächst will sie ihren Verlobten heiraten, um dann im nächsten Buch das erfolgreiche Eheleben thematisieren zu können.

Auf einem Promotion-Flug nach Alaska erfährt Marin aber durch Zufall, daß ihr Verlobter sie betrügt. Sie hat aus Versehen seinen Laptop mitgenommen und entdeckt darauf eindeutige Fotos. Als sie daraufhin in Elmo, einem kleinen Küsten-Kaff im Niemandsland von Alaska, ankommt, ist sie völlig durch den Wind. Eigentlich will sie sofort wieder weg, doch durch die schlechte Infrastruktur (An- und Abreise nur mit einem kleinen Wasserflugzeug) muß sie zwangsläufig ein paar Tage in Elmo bleiben.

Die Stadt ist wild, archaisch und mit einem deutlichen Überschuß an Männern "gesegnet" (sie sitzen sogar in den Bäumen, wie Marin in der ersten Episode feststellt, daher der Titel der Serie). Alle zwischenmenschlichen Regeln, wie sie in der "Zivilisation" der Großstadt fester Bestandteil von Marins Gesellschaftsleben waren, scheinen hier etwas anders strukturiert zu sein. Dies und die Tatsache, daß sie keine Ahnung vom Fremdgehen ihres Verlobten hatte, in der falschen Annahme lebte, zwischen ihnen sei alles pefekt, führt bei Marin zu einem langsamen Prozeß des Selbstzweifels und dann zum Umdenken darüber, was eine wirklich gute Beziehung eigentlich auszeichnet.

Marin beschließt länger in Elmo zu bleiben, um ihr neues Buch über das Wesen der Männer zu schreiben. Langsam freundet sie sich mit den Bewohnern der Stadt an, wobei es auch immer wieder Spannungen und Mißverständnisse gibt, die dann die Komik der Serie ausmachen. Besonders zugeneigt ist Marin dem örtlichen Biologen Jack Slattery (James Tupper), der ganz anders zu ticken scheint, als die Männer, denen Marin bisher begegnet ist.

Weitere zentrale Nebencharaktere sind der einzige Pilot der Stadt, Buzz Washington (John Amos), und dessen "importierte", kratzbürstige Frau Mai Washington (Lauren Tom); der junge Patrick O'Bachelorton (Derek Richardson) der den regionalen Radiosender sowie das Hotel leitet und ein absoluter Fan von Marins Büchern ist; Annie O'Donnell (Emily Bergl), Marins größter Fan der ihr bis nach Elmo gefolgt ist; Ben Thomasson (Abraham Benrubi) der Besitzer der örtlichen Bar und dessen Ex-Frau Theresa Thomasson (Sarah Strange); die "Dorfpolizistin" Celia Bachelor (Cynthia Stevenson) die Marin immer wieder für irgend etwas Strafmandate erteilt; die Prostituierte Sara Jackson (Suleka Mathew) die im Nebenzimmer von Marin wohnt und sich zu deren bester Freundin entwickelt; und schließlich Jane (Seana Kofoed), die als Marins Agentin für sie in New York die Stellung hält und regelmässig mit Marin korrespondiert.

"Men in Trees" gehört in das sog. Dramedy-Genre, also zu jenen modernen Serien, die eine Mischung aus Drama und Comedy darstellen. Sie sind einerseits lustig und unterhaltsam, enthalten andererseits aber ernstere Passagen, bestehen also nicht nur aus reinem Klamauk. Entwickelt wurde die Serie von Jenny Bicks, die auch schon für "Sex and the City" Drehbücher verfaßt hat.

Die Rolle der etwas arroganten, schnöseligen, leicht zickigen aber eben doch eigentlich gutherzigen Marin Frist scheint Anne Heche wie auf den Leib geschrieben. Eine ähnliche Rolle spielte sie z.B. auch schon neben Harrison Ford in "Sechs Tage, sieben Nächte". Obwohl die Serie hauptsächlich durch sie getragen wird, spielen aber natürlich auch die zahlreichen fast durchgängig gut besetzten Nebencharaktere eine wichtige Rolle für den Erfolg der Serie.

Wie bei modernen Serien üblich bauen die einzelnen Episoden zwar aufeinander auf, die Kenntnis der Vorgeschichte ist allerdings nicht so wichtig wie bei anderen Serie. Dies hat den Vorteil, daß man als Zuschauer auch einen Einstieg findet, wenn man nicht jede Folge von Anfang an gesehen hat oder zwischendurch mal die ein oder andere Folge verpaßt hat.

Samstag, Dezember 22, 2007

Christmas Special: Terry Pratchetts "Hogfather"

In Terry Pratchetts Kultroman "Schweinsgalopp" (org.: "Hogfather") aus der Scheibenwelt-Serie verschwindet der Weihnachtsmann und der Tod übernimmt seine Rolle.

Der Weihnachtsmann heißt in der fiktiven "Scheibenwelt" in der die Geschichte spielt "Schneevater" (bzw. im englischen Original "Hogfather", was wörtlich übersetzt eher so viel wie "Schweinevater" heißen müßte; der Schlitten wird auch von Schweinen gezogen).

Zu verantworten haben sein Verschwinden die sog. "Revisoren der Realität", die "alles Lebende verachten, weil es nicht berechenbar ist" (Wikipedia). Ihr Masterplan: "Wenn der Schneevater verschwunden bleibt, wird die Sonne nicht aufgehen, da diese vom Glauben angetrieben wird –- und der Schneevater ist früher einmal ein Sonnengott gewesen" (ebd.).

Solange der Schneevater verschwunden bleibt schlüpft der etwas naive Tod in seine Rolle und verursacht dabei einiges Chaos. So nimmt er z.B. auch in einem Kaufhaus die Rolle des Schneevaters ein, obwohl dort normalerweise nur ein Schauspieler die Rolle des Schneevaters spielt. "Die Kinder bekommen statt kleiner, unpersönlicher Präsente genau das, was sie sich zu Weihnachten wünschen, egal, wie teuer oder gefährlich diese Objekte sind" (ebd.).

Ebenfalls verschwunden ist die Zahnfee (die in Wahrheit der erste Schwarze Mann ist). "Das Fehlen des Schneevaters und der Einbruch ins Domizil der eigentlichen Zahnfee bewirken, dass bei jeder Erwähnung eines neuen Aberglaubens (etwa: 'Habt ihr euch noch nie gefragt, woher eigentlich die Warzen kommen?') augenblicklich eine entsprechende Wesenheit entsteht" (ebd.). Es bricht also nach und nach immer größeres Chaos aus.

Schließlich ist es die Enkelin des Tods, Susanne Sto Helit, die der Sache auf den Grund geht und eine Verschwörung aufdeckt...

Im Jahr 2006 gab es eine aufwändige, zweiteilige Adaption von "Hogfather" auf dem britischen Sender "Sky One" zu sehen (produziert von der British Sky Broadcasting Gesellschaft).

Und eben diese Adaption gibt es dieses Jahr auch bei uns im Fernsehen. Pro7 zeigt beide Teile am 25.12. ab 15:30 Uhr und als Wiederholung noch mal Nachts ab 0:55 Uhr.

Pratchett gelingt in "Hogfather" das Kunststück Weihnachten zu verspotten (hier besonders die Kommerzialisierung), es zeitgleich aber auch zu zelebrieren, herauszuheben. Die Fernsehadaption hat wohlwollende Kritiken bekommen; nicht nur für die Kleinen lohnt es sich sicherlich mal reinzuzappen.

Freitag, Dezember 21, 2007

Christmas Special: Ladykillers (1955) vs. Ladykillers (2004)

Welche Version von "Ladykillers" ist besser, das britische Original aus dem Jahr 1955 mit Alec Guinness in der Hauptrolle oder das Remake von den Coen Brüdern aus dem Jahr 2004? Diese Frage kann sich am 24.12. jeder selbst ultimativ beantworten. Da kommt nämlich das Remake um 20:15 Uhr auf Pro7 und das Original um 1:50 Uhr in der ARD.

Im Original von 1955 von Regisseur Alexander Mackendrick spielt Alec Guinness das brillante Verbrechergehirn "Professor" Marcus. Um einen Geldtransport auszurauben mietet er sich mit seiner Gang bei der alten Mrs. Wilberforce (Katie Johnson) ein. Der alten Dame täuschen die Verbrecher vor, sie sein ein Kammerorchester und würden regelmässig zusammen üben.

Der Überfall läuft wie geplant ab, sogar unter Mithilfe der ahnungslosen Mrs. Wilberforce. Doch durch ein Mißgeschick bekommt diese dann doch etwas von dem Raub mit und fordert die Gang nun auf, das Geld zurückzugeben. Die denkt natürlich nicht daran und faßt stattdessen den Entschluß, die alte Dame um die Ecke zu bringen. Da sie allen Beteiligten aber inzwischen ans Herz gewachsen ist, bringt es keiner fertig, den Mord durchzuziehen. Es wird gelost.

Doch soweit kommt es dann gar nicht mehr, unter den Mitglieden der Bande bricht Streit aus und jeder versucht allein mit der Beute abzuhauen. Nacheinander verunglücken alle bis nur noch Marcus und der besonders brutale Louis (Herbert Lom) übrig sind. Marcus schafft es Louis zu erledigen, verunglückt dann aber selbst.

Nun hat Mrs. Wilberforce die gesamte Beute und will sie der Polizei zurückgeben. Dort glaubt man ihrer Geschichte aber nicht, so daß Mrs. Wilberforce das gesamte Geld für sich behalten kann und am Ende die einzige Gewinnerin ist.

Die Brüder Ethan und Joel Coen verlegen den Plot der Geschichte in ihrem Remake aus dem London der Nachkriegszeit in die Gegenwart der südlichen USA.

Hier ist das Ziel des Raubs ein Casino zu dem Professor G.H. Dorr (Tom Hanks) mit seiner Bande vom Keller der leicht verschrobenen, alten Lady Munson (Irma P. Hall) aus einen Tunnel graben will. Der alten Dame erzählen sie, sie würden in einer Kirchenband spielen.

Ansonsten ähneln sich die Geschichte natürlich stark, bis auf den Versuch des Professors die alte Dame zu töten, den es im Original soweit ich weiß nicht gab. Auch hier triumphiert der Professor am Ende nur kurz bis auch er verunglückt. Wieder geht die alte Dame mit der Beute zur Polizei, wieder glaubt man ihr nicht.

Obwohl die Coen-Brüder absolute Meister ihres Fachs sind ("Arizona Junior", "Hudsucker", "Fargo", "The Big Lebowski", etc.), gilt dieses Remake von "The Ladykillers" als ein verhältnismäßig schwacher Film von ihnen. Zumindest waren die Kritiken recht durchwachsen, einige lobten den Film, andere verrissen ihn.

Das Original lebt besonders von seinem schwarzen Humor, was im Remake in dieser Intensität angeblich nicht mehr wiederzufinden sein soll. Die Gags des Originals wirken im Remake lasch oder fallen ganz unter den Tisch. Ersetzt wurden sie angeblich durch unpassend wirkenden Fäkalhumor.

Demgegenüber heißt es im Lexikon des internationalen Films anerkennend: "Der von Spielwitz und klugen Zitationen getragene Film transferiert den nostalgischen Charme der Vorlage in die Jetztzeit und unterhält mit inszenatorisch souveräner Leichtigkeit".

Man sollte die Chance also nutzen sich am Heiligabend gleich beide Versionen, das Remake am Abend und das Original in der Nacht, anzusehen um sich so selbst ein Urteil bilden zu können, ob das Remake an das Original heranreicht oder nicht.

Donnerstag, Dezember 20, 2007

Christmas Special: Bad Santa

Als ich neulich zum ersten mal "Bad Santa" (2003) sah, litt ich höllische Qualen, denn ich hatte Reizhusten und mußte während des Films fortlaufend lachen. Der Film hat definitiv "Schöne Bescherung" (orig.: Christmas Vacation) als meine Lieblings-Weihnachts-Trash-Komödie abgelöst.



Billy Bob Thornton spielt in "Bad Santa" den versoffenen Weihnachtsmann-Darsteller Willie T. Stokes, der sich darauf spezialisiert hat mit seinem kleinwüchsigen Kollegen (Tony Cox als Marcus) das jeweilige Kaufhaus auszuräumen, in dem die beiden gerade arbeiten.

Jedes Jahr schwört sich Willie, daß es sein letzter Raubzug war, daß er sich mit dem Geld in Florida zur Ruhe setzen will. Doch wegen seines Alkoholismus' und seiner ausschweifenden Lebensweise ist er am Ende des Jahres in Florida immer wieder pleite und muß zurück in den Norden um mit Marcus einen neuen Raub zu planen.



Willie und Marcus verstehen sich nicht wirklich, denn Marcus stört sich inbesondere an Willies mangelnder Professionalität. Als Alkoholiker fällt Willie immer wieder negativ auf, zudem haßt er seinen Job, was all die Kinder die täglich bei ihm im Kaufhaus erscheinen zu spüren bekommen.

Erschwerend kommt hinzu, daß den beiden in diesem Jahr der Kaufhaus-Detektiv Gin (absolut genial: Bernie Mac) auf die Schliche kommt und seinen Anteil am geplanten Raub fordert.



Als Willie irrtümlich glaubt, die Polizei würde ihm bereits nachschnüffeln, zieht er kurzerhand in das Haus des 10jährigen Thurman Merman (Brett Kelly), der ihm schon eine ganze Weile mit endlosen Fragen auf den Keks geht. Thurman lebt bei seiner demenzkranken Großmutter (Cloris Leachman), denn sein Vater, ein Buchhalter, sitzt zur Zeit im Knast ein.

Thurman ist das, was man heute umgangssprachlich als "Opfer" bezeichnet. Ein dicklicher Junge, etwas schwer von Begriff, der ständig nur gemobbt und gehänselt wird. Durch den Umgang mit Thurman lernt der griesgrämige und ständig fluchende Willie die Idee des Weihnachtens langsam wieder schätzen. Er versucht Thurman zu helfen, ihm Selbstvertrauen zu geben.



Ursprünglich war zunächst Bill Murray und später auch Jack Nicholson für die Rolle des Willie im Gespräch, Billy Bob Thornton war am Ende also nur dritte Wahl. Dennoch scheint ihm die Rolle des Weihnachts-Kotzbrockens Willie wie auf den Leib geschrieben.

Weitere Highlights am Rande: Lauren Graham, bekannt als Lorelai Gilmore von den Gilmore Girls, mimt die weihnachtsmann-geile Thekenschlampe und John Ritter (der kurz nach dem Film verstarb) den völlig verklemmten, herumstotternden Vorgesetzten Willies im Kaufhaus.



Insgesamt ist "Bad Santa" eine wenn auch etwas platte doch ausgesprochen unterhaltsame Komödie und ein absolutes Muß für alle, denen der alljährliche Weihnachts-Hype auf den Senkel geht.

Sonntag, November 11, 2007

Hotel Ruanda

In der Nacht von Sonntag (11.11.) auf Montag läuft um Punkt 0 Uhr in der ARD die deutsche FreeTV-Premiere von "Hotel Ruanda" (2004), dem vermutlich bedeutendsten Spielfilm zum Völkermord in Ruanda im Jahr 1994.

1994 ist in Kigali (Hauptstadt von Ruanda) eine Hutu-Regierung an der Macht, die unter anderem von Frankreich unterstützt wird (siehe dazu: "Leugnen und Vertuschen", Telepolis, 01.12.06). Sie liefert sich erbitterte Kämpfe mit der Ruandischen Patriotischen Front (RPF), die von den Tutsi dominiert wird, aus dem Nachbarland Uganda heraus agiert und von den USA unterstützt wird.

Der bis heute nicht aufgeklärte Abschuß der Maschine des ruandischen Präsidenten der Hutu-Regierung wird Anfang April 1994 von radikalen Hutu als Anlaß dafür genommen, gegen gemäßigte Hutu und alle Tutsi im Land vorzugehen. "Um den Ablauf des Völkermords besser planen zu können, wurden im Vorfeld Listen mit missliebigen Personen erstellt ... Einige Hutu-Geschäftsleute hatten bereits weit im Voraus Tausende von Macheten für $0,90/Stück aus China erworben, die als billige Waffen für den Völkermord eingesetzt werden sollten ... Zwei Drittel der Opfer wurden mit Macheten oder Keulen erschlagen, zu Tode geprügelt oder ertränkt. Da diese Tötungsarten körperlich sehr anstrengend sind, musste in Schichten 'gearbeitet' werden" (Wikipedia).

Der Genozid dauerte "nur" 100 Tage, in diesen Zeitraum wurden aber zwischen 500.000 und eine 1 Million Menschen massakriert. Damit handelt es sich um den größten Völkermord nach 1945. Weiterhin wurden zwischen 250.000 und 500.000 Mädchen und Frauen vergewaltigt, 70% davon mit AIDS infiziert. Es gab 2 Millionen Flüchtlinge, die in Nachbarländern für Spannungen sorgten.

Mitverantwortung wird auch der internationalen Gemeinschaft zugewiesen, da diese den Völkermord lange leugnete und ihn als "Bürgerkrieg" klassifizierte, um nicht stärker eingreifen zu müssen. Die in Ruanda stationierten UNAMIR-Truppen waren nicht in der Lage den Völkermord zu unterbinden.

Der Film "Hotel Ruanda" konzentriert sich nun auf einen "Lichtblick" in diesem apokalyptischen Massaker. Regisseur Terry George erzählt die auf einer wahren Begebenheit beruhende Geschichte des Hôtel des Mille Colline in Kingali während des Völkermordes.

Der stellvertretende Hotelmanager Paul Rusesabagina (gespielt von Don Cheadle) und seine Frau Tatiana Rusesabagina (Sophie Okonedo) machten aus dem Hotel eine Zufluchtsstätte für 1268 Menschen, welche so vor dem sicheren Tode bewahrt werden konnten. Paul Rusesabagina wurde daher oft auch als "afrikanischer Oskar Schindler" bezeichnet.

"Im Mittelpunkt des Films stehen Paul Rusesabagina und das Schicksal seiner Familie. Daneben wird auch das Versagen der Weltöffentlichkeit und der UNO deutlich, die Ursachen des Völkermords werden jedoch nur am Rand gestreift. Auf blutige Szenen wurde weitgehend verzichtet.

Das planmäßige Vorgehen der Génocidaires – vor allem in Form der Interahamwe-Miliz organisiert – und die Rolle des Senders Radio-Télévision Libre des Mille Collines wird dennoch sehr deutlich. Die Figur des Colonel Oliver [Nick Nolte] trägt viele Züge von Roméo Dallaire, der als Chef der nach Beginn des Völkermords stark reduzierten UNO-Blauhelm-Truppe UNAMIR vor Ort war." (Wikipedia)

Terry George ist mit "Hotel Ruanda" das Kunsstück gelungen, einen unglaublich bedrückenden Film zu drehen, der den Wahnsinn des Genozids einfängt, dabei aber auf explizite Gewaltdarstellungen verzichtet.

Der Film gewann zahlreiche Preise und war unter anderem auch für drei Oscars nominiert (Don Cheadle als bester Hauptdarsteller, Sophie Okonedo als beste Nebendarstellerin und Keir Pearson / Terry George für das beste Drehbuch).

Warum ein cineastisch wie politisch so wichtiger Film in seiner Erstausstrahlung ins Nachtprogramm verbannt wird, bleibt das Geheimnis der ARD. Mit einer Altersfreigabe von FSK 12 hätte jedenfalls nichts dagegen gesprochen, einen früheren Sendeplatz zu wählen.

Sonntag, November 04, 2007

Windows Live Events

Während die "Windows Live Groups" weiter auf sich warten lassen, präsentierte Microsoft vor kurzem die "Windows Live Events" als ein neues zentrales Produkt innerhalb der "Windows Live Services".

Über ein "Event", das in der deutschen Ausgabe an einigen Stellen etwas verunglückt mit "Ereignis" übersetzt wurde ("Veranstaltung" wäre in diesem Kontext vielleicht besser, ideal die Beibehaltung von "Event"), können Live.com-Nutzer Partys, Hochzeiten, etc. organisieren. Man erstellt eine Gästeliste und lädt andere Live.com-User zu der Veranstaltung ein, diese können dann reagieren und sagen, ob sie kommen oder nicht, wie viele Personen sie mitbringen, etc.

Am Beispiel einer fiktiven Hochzeit in Bielefeld am 24.12. zwischen Zora und meiner Wenigkeit, habe ich das neue Events-Angebot einem ersten Test unterzogen. Nicht nur, weil "Events" unter Umständen ein sinnvolles Feature ist, sondern auch wegen der integrierten Diskussionsforums-Funktion, die vermutlich in ähnlicher Form in den künftigen "Live Groups" auftauchen wird. Die "Live Groups" wiederum gelten informell als Nachfolgeangebot für die etablierten "MSN Groups" (mehr dazu hier).

Wie alle Live-Angebote werden auch die "Live Events" in diversen Sprachen angeboten, darunter Deutsch und Englisch:
Diese Differenzierung ist an dieser Stelle insofern von Belang, als daß in der deutschen Darstellung die integrierte Stadtplan-Funktion der "Live Search Maps" nicht angezeigt wird. Mittels dieser Option kann der Gastgeber den Gästen auch gleich eine Karte an die Hand geben, die anzeigt, wo der Veranstaltungsort zu finden ist.

Warum diese Funktion mit deutscher Spracheinstellung nicht zu nutzen ist, bleibt unklar. Der zugrunde liegende "Live Search Map" Dienst ist jedenfalls auch in Deutsch verfügbar. Dies hat aber auch seine guten Seiten, arbeitet man nämlich eine zeitlang mit der Karte muß man schnell feststellen, daß sie den Browser bis an die Grenze des Erträglichen verlangsamt (es scheinen unglaublich viele Daten in den Cache gerammt zu werden).

"Windows Live Events" bietet darüber hinaus noch eine ganze Palette von weiteren Modulen, z.B. ein Diskussionsforum um die Veranstaltung zu diskutieren oder eine Fotoalbum-Funktion, in der man nach dem Event Fotos ablegen kann. Hier Beispiele zu den zentralen Modulen:
Wer einen Blick auf diese Module wirft, wird schnell feststellen, daß die meisten von ihnen bereits aus den "Windows Live Spaces" bekannt sind. Es gibt nur einige wirkliche Neuerungen, wie eben z.B. die Gästeliste-Funktion oder die Diskussionsforen. Bei letzteren kann man sogar erweitertes HTML nutzen, was dann z.B. die Einbindung von Videos ermöglicht.

Wie praktikabel die "Live Events" insgesamt sind, wird sich erst noch zeigen müssen. Grundsätzlich kann man ein Event so generieren, daß man jeden Gast separat einladen muß oder daß sich jeder der Interesse hat, einfach eintragen kann. Angenehm wäre es, auch noch Optionen dazwischen zu haben. Zum Beispiel die Einladung nur an alle Mitglieder einer Group auszusprechen (etwa für ein UT) ohne aber dafür jedes Group-Mitglied einzeln einladen zu müssen. Es bleibt zu hoffen, daß es beim Erscheinen der neuen "Windows Live Groups" eine entsprechende Option geben wird.

Größtes Manko ist und bleibt der Editor, der bei allen Live Diensten derselbe ist. Dieser läuft nicht wirklich stabil, er stürzt öfter ab, zickt hin und wieder beim nachträglichen Editieren eines Eintrags oder erlaubt es manchmal einfach nicht einen Post abzusetzen, obwohl alle erforderlichen Felder ausgefüllt wurden. Wenn derselbe Editor dann auch bei den "Live Groups" Verwendung findet (wovon ja auszugehen ist) können die "Live Groups" kaum als erstrebenswerte Alternative zu den "MSN Groups" gehandelt werden -- obgleich letztere technisch völlig veraltet sind und daher eigentlich dringend einen Nachfolger brauchen.

Freitag, Oktober 19, 2007

Hitler hatte einen Globus! -- Bahnbrechende Erkenntnisse auf einestages.de

Spiegel Online wollte wohl einfach nicht mehr die Entwicklung des Web 2.0 nur von außen betrachten. Zu verfüherisch die Idee, daß man selbst nur noch als Aggregator firmiert und die eigentliche Arbeit in Form der Erstellung von Inhalten dem gemeinen Internetnutzer überläßt.

Mit seinem neuen Portal "einestags.de" wagt Spiegel Online daher nun selbst den Einstieg ins Mitmach-Netz und beschreibt das neue Projekt wie folgt:

"einestages ist das neue Zeitgeschichte(n)-Portal von SPIEGEL ONLINE. Hier können Sie Geschichte sehen, Geschichte lesen - und Geschichte schreiben. Denn einestages macht Sie, die Leser zu Partnern in einem neuen und einmaligen Projekt: dem Aufbau eines kollektiven Gedächtnisses unserer Geschichte.

(...) Sie waren dabei, als die Mauer fiel? Als der Tsunami Thailand verwüstete? Beim ersten Konzert von Tokio Hotel? Haben Sie Fotos davon? Werden Sie Zeitzeuge, schreiben Sie auf einestages Ihre ganz persönlichen Zeitgeschichten." ("Was ist einestages?")

(...) Ganz klar: Im Mittelpunkt steht das turbulente 20. Jahrhundert - aber eben das lange 20. Jahrhundert: Urgroßvaters Briefe aus der Zeit der Reichsgründung um 1870/71 sind genauso Dokumente für einestages wie das Handyfoto vom Tsunami Weihnachten 2004. ("Was ist Zeitgeschichte?")

(...) Die Nachkriegsjahre, der Deutsche Herbst, die Wiedervereinigung sind wichtige Themen für einestages. Doch unsere Vergangenheit ist mehr als graue Weltpolitik: Die Tapeten der siebziger Jahre, die ersten Handys, die WM 1974, die Oderflut - all diese Themen haben sich eingebrannt in unser kollektives Gedächtnis." ("Was sind Themen")

Nun haben Zeitzeugenberichte natürlich durchaus einen gewissen Aussagewert und in der Tat läßt sich über sie Geschichte oft erschließen. Trotzdem besteht hier natürlich auch immer die Gefahr, daß die Momentaufnahme eines Einzelnen die Wahrnehmung einer historischen Gegebenheit verzehrt. Und selbst wenn es nicht gleich soweit kommt: Im günstigsten Fall wird es doch darauf hinauslaufen, daß sich auf "einestages" Trivialitäten ansammeln -- mehr oder minder nette Anekdoten die oft nichtssagend sind.

Was sagt dem Leser zum Beispiel die Erkenntnis, daß Andreas Baader eine Haßliebe zu Autos hatte oder daß jetzt in den USA Hitlers Globus aufgetaucht ist? Wow, Hitler hatte einen Globus!

Demnächst dann vermutlich bei "einestages.de": Irmgard M. kann sich nicht erinnern ob sie am 9. November 1989 weinen mußte, weil die Mauer fiel oder weil sie gerade Zwiebeln schnitt, Peter D. hat auf seinem Dachboden das Diaphragma von Eva Braun gefunden und der Urgroßvater von Sven D. gesteht in einem Brief daß er Kaiser Wilhelm II. nicht nur im übertragenden Sinne liebt.

Andere Storys wie das "Wunder der Anden" samt Kannibalismus-Diskussion oder Menachem Begins Verwicklung in das Attentat auf Adenauer kauen nur hinlänglich Bekanntes wieder.

Besonderen Wert legt man auf Fotos, doch selbst wenn man hier unterstellt, daß einige Fotos bisher unbekannt waren, so sind sie in der Regel nicht besonders aussagekräftig oder spektakulär.

Insgesamt ein recht fader Ansatz, der aber zur medialen Tendenz paßt, zunehmend immer stärker Einzelschicksale, Momentaufnahmen und Banalitäten zu fokussieren. Schade, daß die Redakteure von einestages.de offenbar nicht lesen, was z.B. ihr Kollege Reinhard Mohr schreibt.

Donnerstag, Oktober 18, 2007

Uwe Boll -- Postal Trailer

Uwe Boll steht in dem zweifelhaften Ruf, einer der schlechtesten Regisseure der Welt zu sein. "Verdient" hat er sich diesen Ruf mit einigen Videospiel-Adaptionen die von Kritikern zerrissen und von den Zuschauern (sofern vorhanden) geschmäht wurden.

Zwei seiner Videospielverfilmungen "House of the Dead" (2003) und "Alone in the Dark" (2005), finden sich zur Zeit (Oktober 2007) unter den "IMDb Bottom 100", den schlechtesten 100 Filmen in der IMDb-Datenbank (bei insgesamt ca. 380.000 Einträgen). Und auch die dritte Verfilmung, "BloodRayne" (2006), fand sich zwischenzeitlich schon einmal in besagter Liste. Aber auch anderen Boll-Filmen, die keine Videospiel-Adaptionen sind, wie z.B. der kanadische Horrofilm "Seed" (2007), wird diese "Ehre" zu teil. An Nominierungen für die "Goldene Himbeere" mangelt es seinen Filmen ebenfalls nicht.

Boll sieht sich selbst dabei allerdings offenbar immer als eine Art verkanntes Genie. Es sei die Filmindustrie die keine Ahnung habe. Stefan Höltgen formuliert es wie folgt:

"Boll war von allen Filmhochschulen abgelehnt worden, sämtliche seiner Filmförderanträge waren gescheitert, Verleiher wollten nichts von seinem Film wissen und auch als Praktikant bei Fernsehsendern konnte er nicht Fuß fassen. Erst durch trickreiche Fälschungen von Presseausweisen und Anmaßung von Redakteurs-Posten wurden ihm die Türen geöffnet. Das alles hat ihn nicht etwa zu der Erkenntnis geführt, dass es vielleicht an ihm und seinem Talent liegen könnte, wenn er nicht vorankam, sondern daran, dass die Medienbranche in Deutschland eben korrupt und ahnungslos ist." (Telepolis, 23.09.07)

Der Konfrontationskurs den Boll dabei einschlägt trägt teilweise bizarre Züge. So forderte er im Juni 2006 seine fünf härtesten Kritiker zu einem Boxkampf heraus, ein Angebot das einige Kritiker dann auch annahmen (en.wikipedia).

Auch Bolls neuster Film, "Postal", ist wieder eine Videospielverfilmung. Er läuft am heutigen 18. Oktober an und handelt von einer kruden Story über einen penisförmigen Merchandising-Artikel, eine Sekte in finanziellen Schwierigkeiten, den Taliban und einem Vergnüngungspark namens "Little Germany" (näheres bei Telepolis). Prägend ist ein schwarzer Humor mit durch und durch politisch inkorrekten Zoten.

Kultstatus hat bereits der Trailer zum Film erreicht, der zwei Terroristen im Cockpit kurz von den 9/11-Anschlägen zeigt. Gegenstand des Gesprächs der beiden ist, wie viele Jungfrauen eigentlich auf einen Muslim im Paradies nach dem Märtyrertod warten. Dabei entdecken sie Ungereimtheiten und werden skeptisch. Schließlich wollen sie ihre Mission abbrechen, doch dann...



Der Trailer erhielt sogar Lob von höchster Stelle in Sachen Satire, nämlich vom Titanic Magazin. Glaubt man Stefan Höltgen, kann Boll aber das Level vom Trailer nicht halten:

"In einer einzigen Szene (jener, die wohl bewusst deshalb als Teaser seit ein paar Wochen durch das Internet geistert und sogar die Zeitschrift Titanic zu Lob veranlaßt hat) gelingt ihm dies. Der Rest des Films zerrt einfach Plattitüden, die Boll als 'politisch unkorrekt' annimmt, vor die Kamera und formuliert sie aus." (Telepolis, 23.09.07)

Höltgen kommt zu dem vernichtenden Urteil der Film sei eine "ästhetische Katastrophe" und ein "rechtspopulistisches Boll-Werk". Dessen ungeachtet: Zumindest der besagte Trailer ist witzig :D.

Freitag, Oktober 05, 2007

Dear Wendy

"Dear Wendy" (2005) ist ein europäischer Spielfilm (produziert in Dänemark, Frankreich, Deutschland und GB) des dänischen Regisseurs Thomas Vinterberg nach einem Drehbuch seines Landmanns Lars von Trier (beide Mitbegründer des sog. "Dogma-Kinos"; wobei ich aber "Dear Wendy" definitiv nicht in diese Kategorie zählen würde).

Der Film spielt im us-amerikanischen Estherslope, einem fiktiven, im Niedergang begriffenen Provinznest in dem man entweder im Bergwerk arbeitet oder nicht viel zu tun hat. Dick (Jamie Bell), ein eher schmächtig wirkender Jugendlicher, hat überhaupt keine Lust dem Wunsch seines Vaters Folge zu leisten und wie dieser im Bergwerk zu arbeiten. Stattdessen hilft er zusammen mit dem gleichaltrigen Stevie (Mark Webber) lieber im örtlichen Supermarkt aus.

Für Sebastian (Danso Gordon), den Enkel der für Dicks Vater tätigen schwarzen Haushälterin Clarabelle (Novella Nelson), soll er ein Geburtstagsgeschenk besorgen und geht dazu in den örtlichen Spielzeugladen, in dem die introvertierte Susan (Alison Pill) für ihre Mutter arbeitet.

Da Dick Sebastian nicht leiden kann, ersteht er eine aus seiner Sicht häßliche Spielzeugpistole. Als er jedoch von Clarabelle erfährt, daß Sebastian generell sehr auf Waffen abfährt, sucht er sich lieber ein alternatives Geschenk (eine Ausgabe von Oscar Wildes berühmten Werk "Das Bildnis des Dorian Gray" bei der die letzten 20 Seiten fehlen). Einmal, da er wie beschrieben für Sebastian ein Geschenk will, das diesen nach Möglichkeit enttäuschen soll, zum anderen, da er sich selbst als Pazifist versteht und den gewaltaffinen Sebastian nicht mit einer Waffe auf dumme Ideen bringen möchte.

Da er nun ein neues Geschenk hat, möchte er die Spielzeugwaffe umtauschen und sein Geld wiederbekommen. Doch Susan teilt ihm mit, daß die Waren im Spielzeugladen vom Umtausch ausgeschlossen sind. Obwohl er eine Abneigung gegenüber Waffen hat, schafft es Dick nicht die Waffe wegzuschmeißen. Er trägt sie stattdessen mit sich herum und fühlt sich wohl dabei. Eines Tages fällt sie ihm bei der Arbeit aus der Tasche, was sein Arbeitskollege Stevie bemerkt und Dick darüber aufklärt, daß die Spielzeugwaffe in Wahrheit eine funktionstüchtige, echte Waffe ist.

Der Waffenkenner Stevie lädt daraufhin Dick ein, mit ihm zusammen in einem stillgelegten Teil der Mine das Schießen zu üben. Dick willigt aus Interesse ein und ist wie elektrisiert. Stevie fordert ihn auf, seiner Waffe einen Namen zu geben. Da es sich eher um eine Damenwaffe handelt, nennt Dick sie "Wendy". Dick und Stevie schießen nun regelmässig und beschäftigen sich intensiv, fast schon akademisch, mit Schußwaffen und ihrer Wirkungsweise. Obwohl Dick und Stevie ihre Waffen nur Nachts tief unter der Erde in einem Minenschacht ziehen, tragen sie sie auch tagsüber immer mit sich herum, wodurch beide deutlich an Selbstbewußtsein gewinnen.

Das Tragen der Waffen, die quasi religiöse Beziehung die sie zu ihnen aufbauen, ermöglicht es Dick und Stevie ihr Dasein als typische Verlierer hinter sich zu lassen. Das ermutigt Dick zu der Entscheidung, auch noch weitere Verlierertypen aus der Stadt hinzuzuziehen und mit ihnen einen Club aufzumachen, den Dick die "Dandies" nennt. Neben ihm und Stevie treten diesem Club auch die schüchterne Susan, der gehbehinderte Huey (Chirs Owen) sowie dessen kleiner Bruder Freddie (Michael Angarano) bei. Huey läuft auf Prothesen, da er keine Beine hat; Freddie wird wegen der Behinderung seines Bruders regelmässig verprügelt und Susan leidet darunter nur kleine Brüste zu haben.

Nach anfänglicher Skepsis fühlen sich auch die neuen Mitglieder im Club wohl, gewinnen ebenfalls deutlich an Selbstbewußtsein. Dick wird zum Präsidenten der "Dandies" ernannt, er legt eine Reihe von Regeln fest, die wichtigste lautet, daß es bei der ganzen Sache um Pazifismus geht: Es wird zwar ein Fetischkult um die Waffen zelebriert (die nicht nur alle eigene Namen tragen, sondern teilweise auch wie Personen behandelt werden), die oberste Regel besagt jedoch, daß diese niemals gegen Personen eingesetzt werden dürfen und niemals außerhalb des neuen "Clubhauses" in der Mine gezogen werden dürfen. Gemeinsam studiert man gerichtsmedizinische Dokumentationen, diskutiert darüber welche Waffe welche Austrittswunde verursacht, welcher Waffentyp zu welcher Person paßt, etc. Auch kostümieren sich die "Dandies" wie Cowboys, spielen Rollenspiele.

Nachdem sein Vater verstorben ist und Haushälterin Clarabelle aus Altersgründen gekündigt hat, werden die "Dandies" zu Dicks Ersatzfamilie. Er ist glücklich und die Welt könnte für ihn nicht besser sein. Bis eines Tages Sheriff Krugsby (wie immer genial: Bill Pullman) an seine Tür klopft und ihn bittet, eine Art "Bewährungshelfer" für Sebastian zu spielen. Dieser hat Ärger am Hals und jemanden erschossen (der sonst ihn erschossen hätte, wie Sebastian betont). Sebastian sollte eine positive Bezugsperson im gleichen Alter benennen, die ihm als Vorbild dienen kann. Dem fiel dabei nur Dick ein und dieser kann dem Sheriff den Gefallen nicht abschlagen. Von nun an muß sich Sebastian einmal in der Woche bei Dick melden.

Dick beschließt aus Sebastian einen echten "Dandy" zu machen, er weiht ihn ein und stellt ihn der Gruppe vor. Für Sebastian sind die "Dandies" nur Spinner, er hält sie für völlig irre. Dennoch schafft er es sich in die Gruppe zu integrieren, wird von den Clubmitgliedern schnell bewundert. Nur Dick kommt mit der neuen Situation nicht klar, stellt Sebastian doch unbewußt Dicks Führungsposition in Frage, entspricht aber gleichzeitig mit seiner Rüpelhaftigkeit auch überhaupt nicht dem Ehrenkodex, den Dick sich für die Gruppe ausgedacht hat. Als Sebastian dann auch noch besser mit "Wendy" schießen kann, als Dick, scheint für letzteren eine Welt zusammenzubrechen. Dick fühlt sich von seiner Waffe "betrogen" und hängt sie an die Wand, führt stattdessen nun eine andere mit sich.

Während Dick an seiner romantischen Vorstellung von der Vereinbarkeit von Waffen mit Pazifismus festhält, sieht Sebastian die Sache nüchterner. Für ihn tragen die Menschen Waffen, weil sie Angst haben, das gelte auch für die "Dandies". Um gegenüber Dick seinen Standpunkt klarzumachen erwähnt Sebastian seine Großmutter Clarabelle. Diese sei inzwischen an Alzheimer erkrankt und habe so eine panische Angst vor jedem und allem, daß sie sich nicht mal mehr aus dem Haus traue. Selbst den jährlichen Geburtstags-Besuch zur Cousine, die nur eine Straße weiter wohnt, könne sie nicht mehr absolvieren.

Daraufhin setzt sich Dick in den Kopf, zu beweisen, daß es nicht nur um Angst geht. Er will mit seiner Truppe Clarabelle beim zwei minütigen Fußweg zu deren Cousine eskortieren, ihr die Angst nehmen, und somit Sebastian widerlegen (die Logik ist etwas verquer, aber sei's drum). Während Sebastian und Dick nicht von Clarabelles Seite weichen, postieren sich die anderen "Dandies" an verschiedenen Plätzen auf dem Weg zur Wohnung der Cousine. Doch als Clarabelle stürzt, eilt ein Deputy herbei, um ihr zusammen mit Sebastian und Dick aufzuhelfen. Dabei kommt es zu einer kleinen Rangelei, die paranoide und verwirrte Clarabelle fühlt sich bedroht und zieht aus ihrer Tasche eine (kurze) Schrotflinte. Es kommt zum Desaster, Clarabelle drückt ab, der Deputy ist sofort tot.

Sheriff Krugsby eilt herbei, die "Dandies" betonen, daß es nur ein Unfall war und flüchten mit Clarabelle in ihr Versteck in der Mine. Krugsby übermittelt ihnen das Angebot, daß sie ihre Waffen behalten dürften, solange sie nur Clarabelle ausliefern würden. Diese solle dann in eine Klinik kommen. Dick und seine Freunde willigen ein, doch bei der Übergabe stellen sie fest, daß der Sheriff eine Automatik trägt. Aus ihrer intensiven Beschäftigung mit Waffen und ihren Trägern wissen sie: Jemandem mit diesem Waffentyp kann man nicht trauen. Sie ziehen sich erneut in die Mine zurück und aus dem Aufgebot an Deputies die der Sheriff im Hinterhalt hatte, läßt sich schlußfolgern, daß ihre Annahme, das Ganze wäre eine Falle gewesen, nicht unbegründbar war.

Der Sheriff und seine Männer durchsuchen das "Clubhaus" in der Mine, können jedoch die "Dandies" und Clarabelle nicht finden, die sich in einem geheimen Raum verstecken. Da die "Dandies" ihre Waffen nicht abgeben wollen und auch nicht ewig im Versteck bleiben können, macht Dick den Vorschlag, die "Mission" zu ende zu führen. Also Clarabelle und ihren Kaffee (das alljährliche Geschenk) zur Cousine zu eskortieren. Es kommt zum Showdown mit den Polizeikräften, bei dem die "Dandies" zwar auch einige Deputies ausschalten können, letztlich aber natürlich der Übermacht erliegen.

Die beiden letzten Überlebenden sind Dick und Sebastian. Dick schafft es Clarabell bis in die Wohnung der Cousine zu bringen, droht aber nun von einem Scharfschützen von der gegenüberliegenden Seite erschossen zu werden. Sebastian hat die letzten Seite des "Tagebuchs" (oder "Abschiedsbriefs") gelesen, die Dick an seine "Wendy" geschrieben hat. Darin äußert er den Wunsch, wenn schon, dann durch eine Kugel aus "Wendy" selbst zu tode zu kommen. Nun sieht Sebastian "Wendy" auf dem Boden liegen (sie wurde zuvor von der Polizei in der Mine konfisziert, wie sie auf die Straße kam, wird nicht aufgelöst). Unter Beschuß sammelt Sebastian die Waffe ein, stürmt in die Wohnung der Cousine und schießt Dick in den Rücken. Anhand der Austrittswunde an seiner Brust kann Dick erkennen, daß er durch eine Kugel aus "Wendys" Lauf erschossen wurde und stirbt glücklich. In dem Moment eröffnet die Polizei erneut das Feuer und schießt die Wohnung samt Personen in Stücke.

Thomas Vinterberg und Lars von Trier ist es mit "Dear Wendy" ein unkonventioneller Film über den Waffenfetischismus in den USA gelungen, der statt auf Betroffenheit lieber auf Humor setzt, dabei aber zeitgleich auch die nötige Ernsthaftigkeit mitbringt. Statt fanatischer Waffenliebhaber bekommt der Zuschauer ein paar unsichere Teenager zu sehen, die allein durch das Tragen der Waffen zu Stärke und Selbstbewußtsein finden, ohne dabei gleich die Tendenz zu entwickeln, ihren Mitmenschen nach dem Leben zu trachten oder den Finger allzu locker am Abzug zu haben.

Das Bedürfnis nach Werten, nach Halt, nach einer Orientierung in einer völlig verwahrlosten Umgebung führt dazu, daß sich die Clique von Heranwachsenden eine eigene Welt schafft, in die sie einen romantisch anmutenden "Ehrenkodex" aus der Vergangenheit importiert. Der verschrobene, offenbar beziehungsunfähige Pazifist und Freidenker Dick baut ausgerechnet zu einer Schußwaffe eine "Liebesbeziehung" auf und verfolgt seine Idee eines "Dandy"-Clubs mit einer Ernsthaftigkeit, die seine Mitstreiter zwar nicht in gleicher Intensität teilen, ihm aber trotdem folgen und sich ebenso von den selbst entwickelten Ritualen mitreißen lassen.

"Dear Wendy" ist dabei auch ein Gegenentwurf zum klassischen Stereotyp des gehänselten und ausgegrenzten High School Außenseiters, der eines Tages durchdreht, zum Amokläufer wird und danach strebt möglichst viele Mitschüler und Lehrer niederzumetzeln. Dennoch kommt es natürlich auch in "Dear Wendy" zur Eskalation, die erdachte Scheinwelt in der die "Dandies" leben prallt mit unverminderter Härte auf die Realität und mündet in dem Versuch der Teenager sich ihren Weg freizuschießen, ihre "ehrenvolle Mission" zu ende zu führen und dabei lieber zu sterben als ihre innig geliebten Waffen abzugeben.

ARTE zeigte "Dear Wendy" bereits am 03.10., es gibt noch zwei Wiederholungen am 05.10. und 18.10., leider jeweils erst um 3 Uhr nachts, aber wozu hat der Mensch Videorekorder. Es ist in jedem Fall ein wirklich lohnenswerter Film, der von kleineren logischen Unstimmigkeiten abgesehen sowohl von der Handlung her, aber eben besonders auch durch die schauspielerische Leistung, überzeugt.

Freitag, September 28, 2007

Full Metal Village -- Blasmusik trifft Heavy Metal

"Das Wacken Open Air (W:O:A) ist das größte Metal-Festival der Welt. Es findet jährlich am ersten Augustwochenende in Wacken in Schleswig-Holstein statt. Im Jahr 2007 hatte das Festival offiziell 60.000 zahlende Besucher, insgesamt waren über 72.000 Teilnehmer auf dem Open-Air." (Wikipedia)

Wacken liegt im norddeutschen Niemandsland, das Open Air ist alljährlich das mit Abstand größte Ereignis im Dorf. Doch wie gehen seine Bewohner mit den einfallenden Horden von Headbangern um? Wie stehen sie zu dem Festival?

Diesen Fragen ist die seit 1989 in Deutschland lebende, koreanische Regisseurin Cho Sung-hyung (alias Suzy Wong) nachgegangen. In ihrer Dokumentation "Full Metal Village" (2006) porträtiert sie verschiedene Dorfbewohner, ihre Einstellung zum Festival, sowie die Vorbereitungen auf den alljährlichen Ansturm.

Während Bauer Uwe Trede das Land zur Verfügung stellt, einer der Hauptorganisatoren ist und vorrechnet, wie viel Geld in der Sache steckt ("Menschen sind besser zu melken als Kühe"), ist die streng gläubige Malena Schaack alles andere als begeistert, da sie die Metal-Fans alle für Satanisten hält. Ganz anders sieht das freilich ihre Enkelin Ann-Kathrin Schaack, die die Abwechslung und den Freigeist der auf dem Festival herrscht sehr schätzt.

Insgesamt ist die Einstellung der lokalen Bevölkerung positiv. So ist es z.B. zur Tradition geworden, daß die Blaskapelle der örtlichen Feuerwehr zu Beginn des Festivals einen Auftritt hat. Die Metall-Fans headbangen dann zur klassisch deutschen Blasmusik genauso, wie sie es sonst zu ihrer Musik auch tun.

Ganze Rentner-Schwadrone werden als Ordner und Organisatoren eingesetzt, jeder hilft mit. Der EDEKA-Markt im Ort stückt sein Angebot an alkoholischen Getränken massiv auf, während die Schlange bis weit auf die Straße reicht. In der vermutlich witzigsten Szene im ganzen Film grüßt ein Rentner die vorbeilaufenden Fans mit dem "Mano cornuto" (auch "Pommesgabel", "Metal Fork" oder "Teufelsgruß" genannt).

Auch ein Gründungsmitglied des Festivals kommt zu Wort, das inzwischen ausgestiegen ist. Gezeigt wird, wie klein man im Jahr 1990 angefangen hat. Denn das Open Air findet nicht nur in Wacken statt, die Idee es auf die Beine zu stellen, stammte ursprünglich auch von einheimischen Metal-Fans. Einige Gründungsmitglieder sind inzwischen ausgestiegen, andere spielen immer noch zentrale Rollen in der Organisation und bei den Einnahmen.

Die Dokumentation erhielt 2006 den Schleswig-Holstein Filmpreis und den Hessischen Filmpreis, 2007 folgten der Max Ophüls Preis und der Gilde-Filmpreis.

ARTE zeigt nun morgen (29.09.07) um 8:45 Uhr eine gekürzte Version der Dokumentation unter dem Titel "Blasmusik trifft Heavy Metal". Wer sie sich ansehen will, muß also früh aufstehen -- oder eben gleich die Nacht durchmachen. Es lohnt sich auf jeden Fall.

Dienstag, August 14, 2007

BDSM im deutschen Fernsehen (Teil 8): Verfolgt, Deutschland, 2006

In "Verfolgt" (Orig.: Verfolgt) spielt Maren Kroymann die Bewährungshelferin Elsa Seifert, Anfang 50. Obwohl sie ihre Arbeit liebt und sehr erfolgreich ist, verspürt sie nach dem Auszug ihrer Tochter Daniela (Stephanie Charlotta Koetz) eine Leere in ihrem Alltag, die auch ihr Lebensgefährte Raimar (Markus Voellenklee) nicht füllen kann.

In dieser Phase trifft sie auf ihren neuen Klienten, den sechzehnjährigen Straftäter Jan Winkler (Kostja Ullmann), der ihr vorschlägt, mit ihm eine FemDom-Beziehung einzugehen, worauf Elsa sich auch einläßt. Nach und nach entdeckt sie ihre Vorliebe für sadomasochistische Rollenspiele und liebt es dominant zu sein. Doch je intensiver beide ihre Sehnsüchte ausleben, desto mehr gerät Elsas Leben aus den Fugen.

Von der Kritik wurde dieser neue Film von Angelina Maccarone hoch gelobt. 2006 erhielt er den Goldenen Leoparden, die Filmbewertungsstelle Wiesbaden zeichnete ihn zudem als "besonders wertvoll" aus.

"Regisseurin Angelina Maccarone spekuliert jedoch nicht auf den Tabubruch. Sie zeigt keine Bilder, die Voyeure bedienen könnten. Sie erzählt die Geschichte in schwarz-weiss, in ruhigen, konzentrierten Einstellungen, die sich auf die Darsteller stützen." (hr-online.de, 05.01.07)

Daß der Film noch nicht im deutschen Fernsehen zu sehen war, ist vermutlich darauf zurückzuführen, daß er erst 2006 erschien. Ansonsten spricht nichts dagegen, die BDSM-Szenen sind keineswegs so explizit, daß sich eine Ausstrahlung verbieten würde. Anzunehmen ist daher, daß er demnächst im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen sein wird, vermutlich auf ARTE.

In der BDSM-Reihe sind hier bisher erschienen:

Montag, August 13, 2007

BDSM im deutschen Fernsehen (Teil 7): Die Geschichte der O, Frankreich, 1975

"Die Geschichte der O" (Orig.: Histoire d'O) aus dem Jahr 1975 ist eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Dominique Aury aus dem Jahr 1954. Sowohl der Film als auch die Romanvorlage gelten heute als das "bahnbrechende" BDSM-Werk schlecht hin.

Die devote O (Corinne Clery) ist eine erfolgreiche Modefotografin in Paris. Sie trifft auf René (Udo Kier) und beginnt mit ihm eine MaleDom-Beziehung. René bringt sie auf das abgeschiedene Schloß Roissy auf welchem auch andere devote Frauen leben und ebenso wie nun auch O zu perfekten Subs ausgebildet werden.

"Während ihres Aufenthalts lernt O, eine gehorsame 'Sklavin' zu sein, dennoch bleibt sie stets selbstbewusst und ist sich ihrer Macht über die Männer in ihrer Umgebung im Klaren. Nichts geschieht, ohne dass sie zuvor nach ihrem Einverständnis gefragt wird." (Wikipedia) "Der Roman stellt die Frage nach dem Verhältnis von Liebe und Unterwerfung beziehungsweise der freiwilligen 'Aufgabe des eigenen Willens' (...) Alle Vorgänge werden ohne Erzählerkommentare aus der Perspektive der Heldin geschildert, deren Innenleben so auf subtile Weise geschildert wird, ohne dass ihr Verhalten moralisch bewertet oder auch nur anhand konventioneller Maßstäbe erklärt würde." (Wikipedia)

Nach erfolgreicher Beendigung ihrer "Ausbildung" zieht O auf Bitten Rénes vorübergehend zu dessen väterlichem Freund Sir Stephen (Anthony Steel), der noch dominanter ist und O zu einer noch besseren Sklavin "weiterbildet". O verliebt sich in Sir Stephen und läßt sich als letzten fundamentalen Liebesbeweis sein Zeichen einbrennen.

Abweichend vom Roman endet der Film damit, daß O Sir Stephen, nur mit einer Federmaske bekleidet, auf einen exklusiven Ball begleitet. Eine Szene, die Stanley Kubrick 1999 für "Eyes Wide Shut" 1:1 übernommen hat.

Stilprägend war auch der sogenannte "Ring der O", der heute in der BDSM-Szene als Erkennungszeichen gilt. Wird er an der linken Hand getragen, so bedeutet dies in der Regel, daß der Träger ein Dom ist, wird er an der rechten Hand getragen, ist der Träger ein Sub.

Unklar ist bis heute, für welchen Vornamen die Abkürzung "O" steht. "Es hieß, er sei eine Abkürzung für objet (Frz.: Objekt) oder orifice (Frz.: Öffnung) oder für Odile, den Vornamen einer guten Freundin der Autorin." (Wikipedia)

Aury veröffentlichte ihren Roman 1954 unter dem Pseudonym "Pauline Réage", erst 40 Jahre später (1994) gab sie in einem Interview öffentlich zu, die Autorin zu sein (was bis dato immer nur ein Gerücht gewesen war). Mehrfach wurde zuvor in Kritiken bestritten, daß der Autor des Buches weiblich sein könne, zu herabwürdigend sei die geschilderte MaleDom-Beziehung, als daß sie aus der Feder einer Frau stammen könne. Viel mehr sei der ganze Plot eine typische Männerphantasie.

Sowohl das Buch als auch die verschiedenen Film-Adaptionen sind teilweise bis heute indiziert. Trotzdem gibt es diverse weitere Verfilmungen, etwa "The Story of Joanna" (ebenfalls 1975), den Kurzfilm "Menthe – la bienheureuse" (1979) von Lars von Trier oder "Die Früchte der Leidenschaft" (1981) von Shuji Terayama mit Klaus Kinski als Sir Stephen.

Die hier besprochene Version von Just Jaeckin aus dem Jahr 1975 gilt aber bis heute als die wichtigste und bekannteste. Obwohl der Film diverse BDSM-Praktiken dokumentiert, gibt es keine detaillierte Darstellung von Geschlechtsverkehr und auch keine verbalen Obszönitäten, weshalb er schon mehrmals ungeschnitten im deutschen Fernsehen auf unterschiedlichen Sendern zu sehen war.

Der Film ist natürlich auch in diversen Varianten als DVD zu erhalten (siehe z.B. hier, hier oder hier). Der Roman ist dagegen bis heute in Deutschland indiziert, nichtsdestotrotz aber beim Charon-Verlag frei erhältlich.

"Die Geschichte der O" ist sicherlich ein Meilenstein in der cineastischen Darstellung der BDSM-Thematik und daher ein Muß für jeden, der sich für das Thema interessiert. Aber auch Zuschauer die mit BDSM sonst nicht viel am Hut haben, sollten diesen Klassiker des erotischen Kinos einmal gesehen haben.

In der BDSM-Reihe sind hier bisher erschienen: